Serie: Chöre in Stuttgart Singen gehört zum Erbgut der Stadt

Von Armin Friedl 

In Sachen Chormusik nimmt Stuttgart eine herausragende Stellung ein in den bundesdeutschen Städten. Dazu zählen auch zwei weltberühmte Chöre.

Der brasilianische Chor Encanto kommt an diesem Freitag um 20 Uhr ins Alte Feuerwehrhaus Süd. Foto: dl
Der brasilianische Chor Encanto kommt an diesem Freitag um 20 Uhr ins Alte Feuerwehrhaus Süd. Foto: dl

Stuttgart - Das gemeinsame Singen ist total drin in der DNA der Stuttgarter. Ich bin ja in ganz Deutschland unterwegs in Sachen Chormusik, deshalb kann ich schon sagen: Stuttgart ist da einzigartig.“ Moritz Puschke hat als künstlerischer Leiter des Deutschen Chorverbands 2016 das Programm des Deutschen Chorfests entwickelt, das vom 26. bis zum 29. Mai in Stuttgart stattgefunden hat.

Puschke: „In Sachen Qualität, Leistungsdichte und in der Zahl der Spitzenchöre ist Stuttgart total weit oben. Was hier passiert – ob Philharmonischer Chor, Opernchor, die Chöre der Stifts- oder ­Eberhardskirche, die Jugendarbeit bei Hymnus oder Collegium Iuvenum, die Arbeit von Jörg-Hannes Hahn in Bad Cannstatt, das ist alles ganz herausragend und absolut fantastisch. Vielleicht kann da noch die Chorszene in Hannover mithalten, in Berlin jedenfalls gibt es nicht eine solche Qualitätsdichte.“

Ein aufgeschlossenes und begeistertes Publikum

Ein bisschen bremst Puschke dann aber doch die Euphorie: „Lediglich im Bereich Pop- und Jazzgesang ist in Stuttgart noch nicht die Qualität erreicht wie in der Klassik, aber die Neugier ist absolut da, und vor allem der Zuspruch ist riesig“. Puschke lobt weiter: „Ich habe selten ein so aufgeschlossenes, kenntnisreiches, zahlreiches und begeistertes Publikum erlebt wie in Stuttgart. Und was ganz selten ist: Alle wissen um den sozialen Effekt des gemeinsamen Singens.“ Das bedeutet: „Alle haben mitgemacht. Ich habe nicht einmal Konkurrenzgedanken oder Berührungsängste erlebt.“ Hätte er in seiner Funktion nicht noch andere Aufgaben zu erledigen, er hätte gerne in Stuttgart weitergemacht. „Es gab die Anregung, jährlich ein Mal ein Vokalfest auszurichten in Stuttgart“, erinnert sich Puschke, „dafür ist der Humus ohne weiteres vorhanden.“

Leidenschaftlicher Unterstützer

Ein anderer Vorschlag für Stuttgart von ihm wäre eine Festival im Stil von chor@berlin: „Das hat mittlerweile einen festen Platz im Berliner Veranstaltungskalender, vier Tage an jedem letzten Februar-Wochenende. Da geht es nicht nur um das Auftreten der Chöre, sondern auch um Aspekte wie Konzeption oder Management.“ Wer immer sich für die Villa Berg als Chorzentrum der Landeshauptstadt stark macht und von dort aus solche Aktivitäten ins Leben ruft, in Puschke hat er einen leidenschaftlichen Unterstützer.

Die herausragende Stellung von Stuttgart als Chorstadt bestätigt Johannes Graulich, Geschäftsführer des Carus-Verlags mit Sitz in Leinfelden-Echterdingen, spezialisiert auf Noten für Chöre: „Das reicht von den einfachen Laienchören, den großen Oratorienchören, den semiprofessionellen Kammerchören bis zu professionellen Spitzenensembles wie dem Kammerchor Stuttgart, der Gaechinger Cantorey oder dem SWR Vokalensemble, die weltweit beachtet werden. Das zeigt sich auch an einem immens großen Angebot an geistlichen Chorkonzerten, wie wir es sonst nicht kennen.“

Auch Graulich sucht den Vergleich mit Hannover: „Die Landeshauptstadt von Niedersachsen versucht sich mit der Austragung der wichtigsten Fachmesse für Chöre, der chor.com, und dem Status als Unesco-City-Of-Music mit seiner reichhaltigen Chorszene in Stellung zu bringen. Da sollte Stuttgart viel mehr Farbe bekennen.“

Kinder singen gerne gut gemachte Musik

Graulich beschäftigt ein anderer Aspekt: „Eine Schlüsselstellung für die Zukunft des Singens in unserer Gesellschaft wird vermehrt den Schulen zukommen.“ Dazu bietet der Verlag eine Reihe mit Pop- und Jazzmusik als Schwerpunkt für Schulchöre. Graulich: „Kinder singen alle Musik gerne, wenn sie gut gemacht ist. Die Schubladen kommen erst später.“ Den spezifischen Blick aus Baden-Württemberg hat der gebürtige Stuttgarter Kirchenmusikdirektor Christian Kabitz aus dem Landesvorsitz des Bundesverbands Deutscher Konzertchöre: „Zwei so weltberühmte Chöre wie der Kammerchor von Frieder Bernius und die Gaechinger in einer Stadt, das gibt es sonst nirgendwo“.

Auch bei den Kirchenchören sei Stuttgart bestens aufgestellt, überhaupt sei die Stadt mit Chören „unglaublich gut versorgt“. Allerdings könnten die schon mal das Besondere wagen. Dennoch: Wenn Bernius und Co. mal in Kabitz’ heutigem Wohnort Heidelberg auftreten, ist dies ein herausragendes Ereignis für die Stadt. In Stuttgart war Kabitz mit dem Cäcilienchor Frankfurt, den er wie den Bachchor Heidelberg seit 30 Jahren leitet: „Das war in der Stiftskirche im Rahmen von ,Stunde der Kirchenmusik’. Das genügt.“

Lesen Sie hier die weiteren Teile der Chor-Serie:

Teil 2: Encanto – Sommer an einem trüben Novemberabend

Teil 3: Stuttgarter Motettenchor – Das alles kann eine Motette sein

Teil 4: Stuttgarter Choristen – Die Fahne der klassischen Musik hochhalten

Teil 5: Bachchor – Fünf lange Takte für ein „dies irae“

Teil 6: Domchor St. Eberhard – Hier predigt der Bischof

Teil 7: Der wunderbare Frauenchor – Viel Lust am ungezwungenen Gesang

Teil 8: Männergesangverein Berg – Die Frauen bereichern den Männergesang

Teil 9: Musikakademie für Senioren – Die sind mit den Beatles groß geworden

Teil 10: Philharmonia Chor – Dieser Chor schätzt das 19. Jahrhundert sehr

Teil 11: Onnen Chor – Das Gespür für fremde Musik und Sprache

Teil 12: Chormäleon – 20 mal singend die Weinsteige rauf und runter




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