InterviewChristian Ditter zur Netflix-Serie „Biohackers“ „Wissenschaftler sind die neuen Superhelden“

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Christian Ditter hat sich die Netflixserie „Biohackers“ ausgedacht, die in Freiburg spielt, von tödlichen Genexperimenten und schrillen Studenten-WGs erzählt und mit Corona nichts zu tun hat. Eigentlich.

Unistadt Freiburg: Mia (Luna Wedler, Mitte) und ihre Freunde experimentieren mit synthetischen Partydrogen. Foto: Netflix 8 Bilder
Unistadt Freiburg: Mia (Luna Wedler, Mitte) und ihre Freunde experimentieren mit synthetischen Partydrogen. Foto: Netflix

Stuttgart/Berlin - Eine Biologie-Professorin, die Gott spielt, eine Studentin mit einem geheimen Racheplan, eine chaotische Studenten-Clique und leuchtende Mäuse – das ist der Stoff aus dem die Serie „Biohackers“ ist, die an diesem Donnerstag bei Netflix startet. Wir haben den Autor, Regisseur und Showrunner Christian Ditter zum Zoom-Interview getroffen.

Herr Ditter, wie haben Sie bisher die Corona-Krise erlebt?

Meine Familie und ich leben halb in Amerika. Wir haben die Zeit überwiegend in Los Angeles verbracht. Die Situation dort ist eine ganze Spur krasser als hier. Als wir vor kurzem in Deutschland angekommen sind und aus dem Taxifenster die Leute in den Biergärten gesehen haben, konnten wir das gar nicht glauben.

Eigentlich sollte „Biohackers“ Ende April starten – also mitten in der ersten großen Corona-Welle.

Mitte März mussten wir uns entscheiden, ob wir an dem Termin festhalten oder den Start verschieben. Zu dem Zeitpunkt war schon klar, dass Corona eine Pandemie werden wird. Das Ausmaß war zwar noch nicht abzusehen, aber mehr als zu erahnen. Es herrschte große Unsicherheit und Angst. Netflix, die Produzenten und ich waren uns schnell einig, dass wir mit „Biohackers“ lieber warten. Wir wollen den Menschen nicht Angst machen, sondern sie unterhalten. Zwar ist die Corona-Pandemie jetzt nicht vorbei. Aber die Leute können inzwischen vielleicht besser zwischen Fakt und Fiktion unterscheiden.

Haben Sie in der Zwischenzeit Szenen, die verstörend wirken könnten, herausgeschnitten?

Nein, die Serie war fertig, und wir haben sie jetzt nicht noch einmal angefasst. Sie hat ja auch nichts mit Pandemien zu tun. Dass wir sie verschoben haben, war eine Frage der Pietät. Wir wollten keine Ängste schüren oder Verschwörungstheorien befeuern.

Bei Ihnen kommen auch genmanipulierte Moskitos vor. Menschen, die glauben, Corona wäre in Biolaboren in Wuhan entstanden, könnten sich da bestätigt fühlen.

Wir erzählen von synthetischer Biologie. Und zwischen synthetischer Biologie und Corona gibt es tatsächlich eine Schnittmenge – zum Beispiel, wenn es darum geht, ein Heilmittel gegen das Virus zu finden. Wissenschaftler sind deshalb die neuen Superhelden.

Die Forscher in ihrer Serie taugen dagegen nicht unbedingt als Superhelden. Die Biologin Tanja Lorenz führt illegale Gen-Experimente an Menschen durch. Jessica Schwarz darf in dieser Rolle richtig böse sei.

Jessica kenne ich schon seit Filmschulzeiten. Sie ist eine wahnsinnig lebensfrohe Persönlichkeit. Und ich habe sie noch nie in so einer Rolle gesehen. Die allererste Szene, die wir gedreht haben, ist die im Hörsaal, in der sie behauptet, ihre Forschung würde Gott überflüssig machen. Als wir die Kamera ausgeschaltet haben, hat sie gesagt: „Ha, ich war so böse!“ Und man hat gemerkt, wie viel Spaß ihr das macht.

Die Gegenspielerin von Tanja Lorenz ist die Studentin Mia Akerlund, die ihren toten Bruder rächen will.

Luna Wedler hatte ich in „Das schönste Mädchen der Welt“ gesehen. Sie ist eine wahnsinnig faszinierende und irrsinnig talentierte Schauspielerin. Und ich fand es spannend, sie in einer Rolle zu sehen, in der sie quasi den Terminator geben muss, immer weiter an ihrer Mission arbeitet, nie aufgibt.

Früher hätten in Thrillern wie „Biohackers“ wahrscheinlich Männer die Hauptrollen gespielt. War es eine bewusste Entscheidung, stattdessen zwei Frauen aufeinander treffen zu lassen?

Ehrlich gesagt, das hat sich eher so ergeben. Die meisten Wissenschaftler, die ich privat kenne, sind Frauen. Meine Frau ist Ärztin. Ohne dass ich groß darüber nachgedacht hatte, waren die Hauptfiguren für mich darum automatisch Frauen. Vielleicht hatte ich auch den einen oder anderen Jodie-Foster-Film im Kopf. Und ich wollte eben eine ins Moderne übersetzte Terminator-Geschichte erzählen, in der sich jemand gegen immer neue Widerstände durchkämpfen muss. Ich habe das Gefühl, dass es heutzutage oft Frauen sind, die genau das tun müssen.

Sie sind durch Kinder- und Jugendfilme bekannt geworden. „Biohackers“ ist zwar ein Thriller, allerdings einer, durch den auch etwas von der Leichtigkeit schimmert, die man aus diesen Filmen kennt.

Ich wollte schon seit vielen Jahren mal etwas machen, dass das Feeling der frühen Amblin-Entertainment-Produktionen hat.

Also von Filmen wie „E.T.“, „Gremlins“ oder „Die Goonies“?

Ja, ich nenne das immer „Adventures in the Backyard“, bei uns wird daraus das Abenteuer am Küchentisch: Menschen wie du und ich werden mit einer Situation konfrontiert, die viel größer ist als sie selbst und an der sie wachsen müssen. Ein bisschen gingen Filme wie „Die Vorstadtkrokodile“ oder „Wickie“ schon in diese Richtung. Aber so etwas wie „Biohackers“ wollte ich schon lange machen. Als ich dann über das Thema Biohacking gestolpert bin, dachte ich, das ist genau der richtige Zeitpunkt, um so eine Geschichte zu erzählen.

Warum?

Für mich sind Geschichten relevant, wenn sie wichtige Themen unserer Zeit aufgreifen. Synthetische Biologie ist eine Technologie, die unser Leben grundlegend verändern kann – sowohl im Positiven, wenn es darum geht, Krankheiten zu heilen oder eine Pandemie zu bekämpfen, als auch im Negativen, wenn man etwa eine Pandemie verursacht, weil etwas schiefgeht oder man schlechte Absichten hat. Es gibt offizielle Listen, die die größten Risiken für die Menschheit erfassen. Lange standen Atomwaffen auf Platz ein. Inzwischen befindet sich synthetische Biologie an einer der Toppositionen. Relevant ist „Biohackers“ aber auch, weil wir letztlich eine Geschichte über Freundschaft und Familie, eine klassische Coming-of-Age-Story erzählen, die realistisch ist, aber mit ein bisschen Crazy Science aufgemischt wird. Mein Relevanztest ist immer die Frage: Würde ich mehrere Stunden meines Lebens investieren, um mir das anzuschauen? Und bei „Biohackers“ wäre das auf jeden Fall so.

Sie haben zuletzt auch viel in den USA gedreht. Wäre „Biohackers“ auch als US-Serie denkbar gewesen?

Ich habe tatsächlich über die Serie das erste Mal im Netflix-Büro in Hollywood gesprochen. Aber ich fand Deutschland von Anfang an für dieses Setting interessanter. In Amerika gibt es zwar auch eine riesige Biohacker-Community. Die wird dort aber vom FBI beobachtet und teilweise infiltriert. Und ich wollte keine Geschichte voller FBI-Agenten haben.

Stattdessen spielt Ihre Geschichte in Freiburg unter lauter Studenten.

Ich bin auf Freiburg gekommen, als ich ein Bild von dieser megamodernen Bibliothek gesehen habe, die da eingebettet in lauter Altbauten errichtet wurde. Das fand ich ein schönes Bild dafür, dass in Deutschland Tradition und moderne Wissenschaft miteinander verbunden sind. Das finde ich speziell deutsch. Und weil Freiburg tatsächlich bekannt für biologische Spitzenforschung ist, ist die Stadt einfach ein realistischer Standort für die Serie.

Serien haben Sie schon zu Beginn Ihrer Karriere gemacht, haben bei „Schulmädchen“, „Türkisch für Anfänger“ oder „Doctor’s Diary“ Regie geführt. Damals wurden TV-Serien aus Deutschland nicht ernst genommen. Waren deutsche Serien damals besser als ihr Ruf?

Meine Kinder fangen jetzt an,„Türkisch für Anfänger“ zu gucken. Deswegen schaue ich ab und zu mal über die Schulter mit. Und ich finde die Serie nach wie vor super. Aber natürlich hat sich bei deutschen Serien in den letzten Jahren viel getan. „Dark“ zum Beispiel ist eine exzellente Serie. Alle meine Freunde in Los Angeles haben die angeschaut – und das nicht, um mir einen Gefallen zu tun, weil sie mich kennen und ich Deutscher bin. Anbieter wie Netflix haben es geschafft, lokalen Produktionen die ganze Welt als Publikum zu erschließen.

„Biohackers“ ist nicht Ihre erste Zusammenarbeit mit Netflix. Sie haben auch bei der US-Serie „Girlboss“ Regie geführt. Was unterscheidet die Arbeit für Netflix von der für die ARD?

Das ist für mich schwierig zu sagen, weil ich jetzt schon länger nicht mehr für die ARD gearbeitet habe. Ich kann nur über meine Erfahrung mit Netflix sprechen: Die sind wahnsinnig schnell, beweglich und innovativ. Man muss mit seinen Ideen weder durch irgendwelche Gremien noch lange auf irgendwelche Entscheidungen warten.

Zurück zu Corona. Glauben Sie, dass die Pandemie eine große Auswirkung auf künftige Geschichten haben wird, dass sich viele Drehbücher der nächsten Jahre an dem Thema abarbeiten werden?

Das kann ich schwer abschätzen. Aber jeder Drehbuchautor, jeder Kreative erzählt von den Dingen, die ihn persönlich beschäftigen. Und da die Pandemie viele Menschen sehr beschäftigt und auch viele Leben geändert hat, kann ich mir vorstellen, dass es auch viele Geschichten zu erzählen geben wird.

Und haben Sie selbst schon eine Idee für einen Corona-Film oder eine Corona-Serie in der Schublade?

Ich habe ein paar vage Ideen für zukünftige Projekte – und die haben alle nichts mit Corona zu tun. Aber: Sag niemals nie!

Christian Ditter und die Serie „Biohackers“

Person Christian Ditter wird 1977 im hessischen Lahn-Gießen geboren, von 1998 bis 2006 studiert er Regie an der Hochschule für Fernsehen und Film in München.

Karriere 2006 kommt Ditters Debütfilm „Französisch für Anfänger“ ins Kino. Er führt Regie in Serien wie „Türkisch für Anfänger“ oder „Doctor’s Diary“, den drei „Vorstadt­krokodile“-Filmen und bei „Wickie auf großer Fahrt“. 2014 dreht er mit „Love, Rosie“ ­seine erste internationale Produktion, 2016 folgt „How to be Single“ mit Dakota Johnson, ­Rebel Wilson und ­Alison Brie.

Serie Alle sechs „Biohackers“-Episoden sind von diesem Donnerstag an bei Netflix verfügbar.




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