Chronik für Stuttgart 1942 „... dass keine Schöne ins Konzentrationslager abgeführt wird“

Von Kimberly Nicolaus und  

Im Oktober 1942 sorgen sich die Stuttgarterinnen über Stoffmangel. In der Nazizeitung „NS-Kurier“ werden ihre Leserbriefe mit einem unpassenden Kommentar abgetan. Unsere Chronik schildert den Alltag im Jahr 1942.

Kurze Röcke? Lange Röcke? Im Herbst 1942 ist das vor allem eine Frage des verfügbaren Stoffs. Weitere Eindrücke aus dem Leben in Stuttgart 1942 zeigt die Bildergalerie. Foto: Stadtarchiv Stuttgart 24 Bilder
Kurze Röcke? Lange Röcke? Im Herbst 1942 ist das vor allem eine Frage des verfügbaren Stoffs. Weitere Eindrücke aus dem Leben in Stuttgart 1942 zeigt die Bildergalerie. Foto: Stadtarchiv Stuttgart

Stuttgart - Unser Geschichtsprojekt „Stuttgart 1942“ spürt dem Leben und Alltag der Stuttgarter Bevölkerung in diesem Jahr nach. In der „Chronik der Stadt Stuttgart 1933 bis 1945“ sind die wichtigsten Ereignisse aus zwölf Jahren Naziherrschaft verzeichnet. Aus dieser Veröffentlichung des Stadtarchivs Stuttgart greifen wir Woche für Woche jene Ereignisse heraus, die nach unserer Einschätzung das Leben in dieser Zeit anschaulich beschreiben.

5. bis 11. Oktober: Zu kurze Röcke?

Zahlreiche vor allem ältere Stuttgarterinnen und Stuttgarter sorgen sich um den Wert des Papiergelds. Das geht aus einem Lagebericht des Sicherheitsdienstes hervor. Demnach häufen sich entsprechende Anfragen bei den Stuttgarter Banken. Die Inflation der 1920er Jahre ist damals vielen noch sehr präsent, zudem verliert Geld für Konsumenten an Bedeutung – weil es 1942 viele Waren nur gegen Bezugsschein gibt.

Bei einer Modeschau der Damenschneiderinnung Stuttgart werden neue Modelle unter anderem für längere Röcke präsentiert. Mehrere Leserinnen wenden sich an den „NS-Kurier“ und schreiben, dass wegen des Stoffmangels doch eher kürzere Röcke angebracht seien. Ein Redakteur antwortet in dem Blatt, „daß keine Schöne ins Konzentrationslager abgeführt wird, die ihren Rock in alter Frische und Kürze weiter durch diese Zeit trägt“.

28. September bis 4. Oktober: Stuttgart im Nebel

Ende September wird im Stadtgebiet ein neues Vernebelungsverfahren ausprobiert. Im Frühjahr nahm die Vegetation im Neckartal wegen des giftigen Nebelpulvers starken Schaden, die neue Methode hat weniger starke Nebenwirkungen. Mit der Vernebelung hofft das Regime, feindliche Flieger zu irritieren oder zumindest gezielte Angriffe zu verhindern.

Die Stadt übernimmt die Ehrenpatenschaft für 1600 Kinder aus besonders kinderreichen Familien. Sie sind Ende September zu Sondervorstellungen der Salzburger Max-und-Moritz-Bühne in die Liederhalle eingeladen. Ehrenpatenschaften gibt es bis heute, der Bundespräsident übernimmt sie auf Antrag für das siebte Kind einer Familie.

In der Liederhalle findet eine große Erntedankfeier statt, fast 200 Landwirte erhalten das Kriegsverdienstkreuz. Während der Gauleiter Wilhelm Murr in seiner Rede über den „Wert der eigenen Scholle“ und landwirtschaftliche Autarkie den Bezug zur Nazi-Ideologie herstellt, ist die Zubereitung von Eiern in Gaststätten seit Anfang Oktober selbst dann untersagt, wenn Gäste sie selbst mitbringen. Damit wird ein bereits seit 1940 geltendes Verbot ausgeweitet. Zum Einsatz kommen stattdessen Ersatzprodukte wie das in Stuttgart hergestellte Milei.

21. bis 27. September: Trauergottesdienst für den eigenen Sohn

Die Stuttgarter erhalten für ihre Bezugsscheine mehr Kartoffeln: 4,5 statt wie bisher 3,5 Kilo pro Woche. In Vaihingen nimmt eine Kinderküche den Betrieb auf. Sie soll erwerbstätige Mütter entlasten.

Es werden weiterhin Propagandavorträge gehalten. In der Volksbildungsstätte (heute VHS) geht es um „Die germanische Sendung in Südosteuropa“, in der Deutsch-Japanischen Gesellschaft um „Geist, Erziehung und Kampfwert des japanischen Heeres“.

Während die 18-jährigen Mädchen und Jungen mit der Parole „Nach der Erziehung die Bewährung“ von der Hitlerjugend in die NSDAP wechseln, sterben junge Erwachsene an der Ostfront. Darunter auch der Sohn des württembergischen Landesbischofs Wurm – der den Trauergottesdienst in der Markuskirche selbst hält.

14. bis 20. September: Schuhe nur noch gegen Bezugsschein

Schon im Frühjahr gab es Schuhe nur noch gegen Bezugsschein, seit 15. September gilt das für alle Straßen-, Turn- und Hausschuhe, ebenso für Babyschuhe bis Größe 22. Nur noch Holzschuhe können regulär gekauft werden. Was das heißt, verdeutlicht der Bescheid eines Stuttgarters, den uns dessen Nachfahren geschickt haben. Der Antrag auf ein Paar Halbschuhe wird vom Wirtschaftsamt abgelehnt, „weil Ihr Bestand an Schuhen den heutigen Kriegsverhältnissen entsprechend als ausreichend gilt und … Sie schon 2 Bezugsscheine für Straßenschuhe erhalten haben“.

In einem Bericht über die Gesundheit der Stuttgarter Schüler heißt es, dass das Durchschnittsgewicht wegen mangelnder Ernährung um bis zu zwei Kilo geringer ist, auch die Körpergröße liege ein bis zwei Zentimeter unter dem Durchschnitt.

Das Semester der „Volksbildungsstätte“ im Gustav-Siegle-Haus (heute Volkshochschule) beginnt mit einem Vortrag zum „Ostraum in der deutschen Geschichte“. In der Liederhalle singt der österreichische Tenor Julius Patzak, begleitet von Hubert Giesen am Klavier. Der Geiger Siegfried Borries und das Landesorchester spielen zum Ende der Kursaison im Kurverein Bad Cannstatt.

7. bis 13. September: neues Warnsignal

Der Verkauf des Stuttgarter Wein des Jahrgangs 1942 wird weitgehend zentralisiert. Sowohl die Wengerter als auch Weinhändler werden verpflichtet, bestimmte Mengen abzugeben – offenbar, weil befürchtet wird, dass der Wein sonst weitgehend unter der Hand verteilt wird. Nur wer nachweislich Stammkunde ist, darf seinen Wein noch direkt beim Wengerter kaufen.

Die Stuttgarter Bevölkerung muss ein neues Sirenensignal lernen. Die sogenannte „öffentliche Luftwarnung“ deutet an, dass feindliche Flugzeuge im Anflug sind, allerdings mit Angriffen nicht gerechnet wird. Die Luftwarnung besteht aus einem dreimal wiederholten, hohen Sirenenton von je etwa 15 Sekunden Länge.

31. August bis 6. September: Straßenbahnen nur noch bis 23 Uhr

Der Luftschutz spielt zunehmend ins Leben der Bevölkerung hinein. Längst werden Bunker und Stollen gegraben. Die letzten Straßenbahnen fahren von September an um 23 Uhr vom Schlossplatz ab, Sperrstunde für Gaststätten ist um 22.30 Uhr. Die Oberleitungen der elektrisch betriebenen Bahnen schlagen Funken, was möglicherweise angreifenden Flugzeugen Orientierung bietet.

Am 6. September findet in Schloss Rosenstein ein „Tag der schwäbischen Musik“ statt. Das Freund-Quartett spielt Stücke der zeitgenössischen Stuttgarter Komponisten Erich Ade, Willy Fröhlich und Hugo Herrmann. Das Schloss dient nicht nur als kammermusikalische Konzertbühne, sondern beheimatet auch die – 1942 aber nur noch spärlich genutzte – Weltkriegsbibliothek.

Die Stadt gibt bekannt, dass Gas-, Strom- und Wasserzähler nur noch viermal im Jahr abgelesen werden – weil Personal fehlt.

24. bis 30. August: Bombenangriff auf Dinkelacker

Die Daimler-Benz AG hat einen neuen Vorstandsvorsitzenden. Wilhelm Haspel folgt auf den unter bis heute nicht geklärten Umständen verstorbenen Wilhelm Kissel. Haspel war nicht Mitglied der NSDAP und wurde wegen seiner Ehe mit einer sogenannten „Halbjüdin“ von den Nazis angefeindet. Dennoch trägt der Konzern weiter zur Rüstungsproduktion bei. Haspel bekleidet das Amt bis zu seinem Tod im Januar 1952.

Am frühen Morgen des 29. August trifft ein Luftangriff die Brauerei Dinkelacker. Weil nur ein einzelner britischer Bomber angreift, entsteht lediglich Sachschaden. Vermutlich hielt der Bomber das Brauereigelände für einen Rüstungsbetrieb.

Zum 30. August wird der „Selbstwähldienst“ zwischen Stuttgart und dem Raum Ludwigsburg aufgenommen. Künftig kann man auch ohne vorherigen Anruf bei der Vermittlung direkt zwischen diesen Kreisen telefonieren.

17. bis 23. August: Wohnheim für Frauen – Deportation von Juden

Am 22. August werden mehr als 1000 jüdische Bürger aus ganz Württemberg vom Sammellager Killesberg aus nach Theresienstadt (Tschechien) deportiert.

Ein polnischer Arbeiter wird wegen Geschlechtsverkehrs mit einer Deutschen zum Tode verurteilt. Durch die zunehmende Zahl von „Ostarbeitern“ in Stuttgart häufen sich die Kontakte mit einheimischen Frauen. Sie werden wie auch in diesem Fall drastisch geahndet.

Am 20. August ist ein städtisches Wohnheim in der Wernlinstraße 6 (nahe Hölderlinplatz) bezugsfertig. Die Einzelzimmer sind für alleinstehende, oftmals ältere Frauen gedacht, die ihre Wohnung aufgegeben haben, etwa um größeren Familien Platz zu machen. Das Gebäude steht bis heute, vor einigen Jahren waren hier Flüchtlinge untergebracht.

10. bis 16. August: Ferien im HJ-Lager

Junge Menschen haben im Krieg kaum Anspruch auf echte Ferien oder Urlaub. Der „NS-Kurier“ verlautbart, dass Jugendlichen mindestens zwölf Tage Urlaub zustünden. Allerdings sei auf Anordnung des „Führers“ Adolf Hitler dieser Urlaub für den Aufenthalt in einem „Wehrertüchtigungslager“ der Hitlerjugend zuzubringen.

Am 15. August nimmt das kulturelle Leben wieder Fahrt auf. Das Staatstheater führt zum Beginn der neuen Spielzeit Schillers „Wallenstein“ auf, in der Liederhalle spielen das italienische Luftwaffen-Orchester und das Musikkorps der deutschen Luftwaffe. Auf dem Cannstatter Wasen schlägt der Zirkus Helene Hoppe seine Zelte auf.

Per Erlass bereitet die Gestapo eine weitere, für 22. August geplante Deportation von Juden aus Stuttgart sowie weiteren württembergischen Gemeinden vor. Von der als „Evakuierung“ bezeichneten Aktion ist niemand ausgenommen, auch nicht alte oder gebrechliche Menschen. Die Betroffenen dürfen nur einen Koffer oder Rucksack mitnehmen, aber keine Wertsachen.

3. bis 9. August: Das „Olgäle“ feiert, Studenten müssen arbeiten

Am 8. August feiert das Olgahospital sein 100-jähriges Bestehen. Die Stadtverwaltung spendet aus diesem Anlass einen Geldbetrag zur Wiederrichtung eines „Freibettenfonds“ für sozial Schwache. Damals befindet sich das „Olgäle“ noch am alten Standort in Stuttgart-West zwischen Schloss-, Hasenberg- und Senefelderstraße. Heute befindet sich dort eine Wohnbebauung.

In den Zeitungen wird derweil vor dem Anfassen von Bombensplittern gewarnt, die an mehreren Stellen im Stadtgebiet herumliegen. Diese könnten, sofern es sich um Brandbomben handelt, giftigen Phosphor enthalten. Die alliierten Bomber warfen neben Spreng- auch Brandbomben auf deutsche Städte, etwa um die hölzernen Dachstühle in Brand zu setzen.

Die Semesterferien entfallen für rund 1000 Studierende im Gau Württemberg-Hohenzollern weitgehend. Sie sind für acht Wochen Dienst in der Rüstungsindustrie zwangsverpflichtet. Neben den Studierenden müssen auch ältere Schüler in den Ferien arbeiten, etwa als Erntehelfer.

27. Juli bis 2. August: Wohnungsnot in Stuttgart

In einem Interview mit dem „Tagblatt“ gesteht Karl Ungerer ein, dass mehr als 5000 Familien aktuell keine Wohnung haben. Der Vorstand des Wohnungs- und Siedlungsamts appelliert an Ein- und Zwei-Personen-Haushalte mit mehr als fünf Zimmern, solche Familien bei sich aufzunehmen.

Die Sommerferien haben begonnen. Auch wenn unklar ist, wie viele Stuttgarter in dieser Zeit überhaupt noch verreisen können: der „NS-Kurier“ weist darauf hin, dass es verboten ist, Freunden oder Nachbarn Milchkarten zu überlassen.

Der Feldzug gegen die Sowjetunion wirkt sich auch auf Stuttgart aus. 120 Führungspersonen der Hitlerjugend reisen für mehrere Wochen in die von der Wehrmacht besetzten osteuropäischen Gebiete. Sie sollen vor Ort Jugendliche auswählen, die später in ihrem Dorf Führungsaufgaben übernehmen können. Zugleich vermerkt die Stuttgart-Chronik die offenbar ungewöhnlich hohe Zahl von 16 im „NS-Kurier“ erschienenen Todesanzeigen für gefallene Soldaten.

20. bis 26. Juli: Keine Zeit für Gottesdienste?

Der evangelische Landesbischof Theophil Wurm beschwert sich beim Reichskirchenministerium, dass die Bevölkerung kaum mehr Zeit für einen Gottesdienstbesuch habe. Sonntagvormittage seien gefüllt mit „Wehrdienst, Feuerwehrübungen, Luftschutzübungen, Straßensammlungen, Parteiversammlungen aller Art, Jugendweihe- und Lebensweihefeiern, Filmveranstaltungen, Preisschießen, sportlichen Veranstaltungen und anderem mehr“. Auch Veranstaltungen der Hitlerjugend fänden oft sonntagvormittags statt.

Im Raum Stuttgart sind im Laufe des Jahres 120 Hektar Anbaufläche für Obst und Gemüse dazugekommen – eine Reaktion auf die angespannte Versorgungslage.

Die Arbeitsämter zeigen sich über die „äußerst einseitigen“ Berufswünsche der Jugendlichen besorgt. In einer „Aufklärungsaktion“ wird Jungen eine Ausbildung in der Bau- und Textilbranche sowie Mädchen der Weg in erzieherische und pflegerische Berufe nahegelegt. Dies allerdings mit Blick auf die Zeit nach dem Krieg, denn zunächst werden etliche Jugendliche für ein zweites Jahr im Reichsarbeitsdienst zwangsverpflichtet. Im Kriegsjahr 1942 bedeutete dies beispielsweise, unweit der Front beim Bau von Militäranlagen mitzuhelfen.

13. bis 19. Juli: Der Landesbischof protestiert

Mitte Juli werden weitere 49 Juden deportiert. Sie müssen sich im Israelitischen Gemeindehaus in der Hospitalstraße sammeln und werden von dort ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht.

Ein häufiges Streitthema in dieser Zeit ist der Umgang mit der Kirche. Der Landesbischof Theophil Wurm, einer der engagiertesten kirchlichen NS-Kritiker, protestiert gegen die württembergische Schulpolitik. Demnach werde der Religionsunterricht gegenüber dem nationalsozialistisch geprägten „Weltanschauungsunterricht“. Wurms Wohnhaus in der Silberburgstraße 187 steht bis heute. Eine Gedenktafel erinnert daran, dass an dieser Stelle bis zu 7000 Menschen gegen Wurms zeitweilige Absetzung durch die Nazis 1934 demonstrierten.

Am Wochenende 17. bis 19. Juli 1942 finden die sogenannten Kampfspiele der württembergischen Hitlerjugend statt. Dafür reisen laut einem Zeitungsbericht 2800 Jungen und Mädchen nach Stuttgart. Solche Sportwettbewerben werden in verschiedene Disziplinen ausgetragen, darunter Leichtathletik, Ballspiele, Radfahren und Gymnastik, aber eben auch Schießen. Der militärische Zweck solcher Wettkämpfe wird regelmäßig herausgestellt.

6. bis 12. Juli: Die jüdische Schule schließt

Anfang Juli schließt die jüdische Schule im Hospitalviertel endgültig ihre Pforten – so wie alle anderen jüdischen Schulen in Deutschland. Es gibt zu dieser Zeit infolge der Auswanderung und Deportation jüdischer Familien kaum mehr Schüler, die dort zur Schule gehen könnten.

Der Zugverkehr ist im Sommer 1942 erheblich eingeschränkt. Weil weniger Reisezüge verkehren, schränkt die Reichsbahndirektion auch die Beförderung von Fahrrädern bis mindestens Ende September 1942 deutlich ein.

Auf dem Reichsgartenschaugelände am Killesberg wird eine „Nationale Schau der Slowakei“ eröffnet. Ein slowakisches Dorf samt Weinschenke wird nachgebildet und ist offenbar ein Anziehungspunkt für viele Stuttgarter. Ungefähr 15 000 Sportfans zieht es am 12. Juli ins Stadion, damals „Adolf-Hitler-Kampfbahn“. Dort gewinnt die Polizeimannschaft Magdeburg das Finale der Feldhandball-Meisterschaft gegen Mannheim-Waldhof.

29. Juni bis 5. Juli: Die Ferien beginnen – wenn ...

Die Mangelversorgung erfasst Ende Juni 1942 auch das Uhrmachergewerbe. Der Zeitung ist zu entnehmen, dass künftig bestimmte Gruppen ihre Uhren bevorzugt (beziehungsweise überhaupt) reparieren lassen dürfen. Dazu zählen Wecker der Mitarbeiter von Post, Bahn und Schifffahrt sowie von Rüstungsarbeitern und Kriegsversehrten. Soldaten und Rot-Kreuz-Schwestern dürfen darauf hoffen, dass ihre Taschen- und Armbanduhren repariert werden. Händler sind bei Strafandrohung dazu verpflichtet, den Status ihrer Kunden zu prüfen.

Zu einer Geldstrafe ist eine Händlerin verurteilt worden, die zwei Soldatenfrauen keine Orangen verkaufen wollte – weil diese nicht zu ihrer Stammkundschaft gehören. Immer wieder wird 1942 über das Problem diskutiert, dass bestimmte Händler nur bestimmten Kunden ihre meist knappe Ware verkaufen.

Am 4. Juli beginnen die Sommerferien – aber nur für jene Schüler, bei denen wegen Kohlemangels der Unterricht im Winter für maximal vier Wochen ausgefallen ist. Schüler mit längerem Unterrichtsausfall dürfen erst am 18. Juli in die Ferien – in denen zahlreiche Schüler zu Ernteeinsätzen aufs Land geschickt werden.

22. bis 28. Juni: kein Eis für Jugendliche

Am 22. Juni trifft in Stuttgart der zweite Sonderzug mit Deutschen ein, die Amerika infolge der Kriegserklärung verlassen mussten.

Die Versorgung der Bevölkerung ist immer wieder ein Thema. Durch zwei neue Bestimmungen wird sie nicht erleichtert. So sprechen sich die Eingesetzten Beiräte für Frauenangelegenheiten dafür aus, „Kleinverbraucher“ nicht mehr in die Markthalle einzulassen – um den Ärger zu vermeiden, der bei der (bevorzugten) „Bedienung sogenannter Stammkundschaft“ entstehe, so ein Zeitungsbericht.

Unbegleitete Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren dürfen nach einem Verbot des Innenministeriums zudem kein Speiseeis mehr kaufen.

15. bis 21. Juni: das Schillerdenkmal wird abgebaut

Mitte Juni wird in den Stuttgarter Zeitungen verkündet, dass alle jüdischen Schulen in Deutschland geschlossen werden. Zwei Wochen später schließt die jüdische Schule im Hospitalviertel endgültig.

410 Staatsbürger treffen am Hauptbahnhof ein. Sie waren im Austausch gegen amerikanische Staatsbürger zunächst nach Lissabon gebracht worden und erhalten im Stadtgartensaal (heute Universitätsgelände) einen prunkvollen Empfang. Stuttgart trägt im Dritten Reich den Titel „Stadt der Auslandsdeutschen“.

In dieser Woche wird außerdem das Schillerdenkmal am Schillerplatz abgebaut – aus Angst vor einer Zerstörung im sich andeutenden Luftkrieg. Das Denkmal wird im Wagenburgtunnel eingelagert und übersteht den Krieg unbeschädigt.

Die Müllabfuhr kommt auch wegen des kriegsbedingten Personalmangels fortan nur noch einmal die Woche. Auch bei der Lebensmittelversorgung muss sich die Bevölkerung umstellen: Erzeuger dürfen Obst und Gemüse nicht mehr direkt verkaufen, sondern bei Sammelstellen abliefern. Von dort wird sie per Verbraucherausweis an die Bürgerinnen und Bürger verteilt.

In Bad Cannstatt findet derweil das sechste Mozartfest statt. Musiziert wird unter anderem im Kurpark und in Schloss Rosenstein.

8. bis 14. Juni: Umgang mit dem Tod

Viele Männer sind im Krieg – was ist, wenn sie fallen? Die Frauen gefallener Soldaten können eine Namensänderung beantragen. Der Mädchenname kann mit einem Bindestrich an den Namen des Mannes angefügt werden.

Zudem stellt sich die Frage nach Trauerkleidung. Ausschließlich Ehegatten oder Eltern des Verstorbenen erhalten entsprechende Kleidungsstücke. ohne dass dies auf die Kleiderkarte angerechnet wird – auch bei Bekleidung hat der Staat längst auf Planwirtschaft umgestellt. Geschwister von Verstorbenen erhalten nur dann eine Trauerkleidung, wenn sie mit dem oder der Verstorbenen im selben Haushalt gelebt haben.

Derweil erklären die Stuttgarter Straßenbahnen, dass Fahrräder nun endgültig von der Beförderung ausgeschlossen sind. Dies gelte mindestens bis Kriegsende.

1. bis 7. Juni: Sparen und Metall spenden

Anfang Juni ist der Krieg weiter im Alltag der Stuttgarter Bevölkerung präsent. Der Umfang der Stuttgarter Zeitungen wird reduziert – „aus kriegswirtschaftlichen Gründen“, wie es in der Zeitung heißt. Zudem wird wie davor schon Christi Himmelfahrt auch das Fronleichnamsfest vom Donnerstag auf den nachfolgenden Sonntag verlegt, um einen zusätzlichen Arbeitstag zu gewinnen.

Das städtische Wirtschaftsamt fordert die Bevölkerung indes erneut auf, Kupferdächer und Gebäudeteile aus Kupfer zu melden. Neben Kirchenglocken sollen auch Metalle aus Privathaushalten für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen werden.

Um der Wohnungsnot Herr zu werden, schafft die Stadt weitere Altersheimplätze. Rund 200 ältere Menschen sind zwischen 1939 und Frühjahr 1942 aus ihrer Wohnung in ein Altersheim gezogen.

25. bis 31. Mai: Sport und Ernteeinsatz

Ende Mai 1942 geht es in der vom Staat gelenkten Zeitung „NS-Kurier“ mehrfach um Jugendliche. Ein wichtiges Thema: die vierwöchigen Ernteeinsätze auf Höfen in Württemberg, zu denen Schülerinnen und Schüler im Alter von etwa 15 bis 17 Jahren eingeteilt sind. Weil auf dem Land Arbeitskräfte fehlen, müssen Jugendliche aushelfen.

„Die Arbeit beim Bauern richtet sich nach der körperlichen Einsatzfähigkeit“, heißt es im „NS-Kurier“. Zudem werde die Unterbringung der Jugendlichen kontrolliert – ob es „gute Waschgelegenheiten“ gebe und ob wie vorgeschrieben Jungen und Mädchen getrennt untergebracht seien und zudem nicht mit „ausländischen Arbeitskräften“ ein Quartier teilen, also beispielsweise Zwangsarbeitern. Um die Verpflegung kümmere sich der jeweilige Landwirt, man esse auch am gleichen Tisch wie die Bauersfamilie. Dennoch ist manchen Eltern offenkundig mulmig bei der Sache, sonst würde in der Zeitung nicht darauf hingewiesen, „dass die Eltern beruhigt sein können“.

Zugleich finden am letzten Maiwochenende die deutschlandweiten „Reichssportwettkämpfe“ der Hitlerjugend (HJ) statt, bei denen das „Reichssportabzeichen“ errungen werden konnte. Allerdings nehmen an diesem Mannschaftswettbewerb trotz erheblichen Drucks auf die HJ-Ortsgruppen schließlich nur etwas mehr als die Hälfte der infrage kommenden HJ-Mitglieder teil – auch das eine Folge des Krieges.

18. bis 24. Mai: Boxkampf in der Stadthalle – wohin mit 10 000 Arbeitern?

Die Frühjahrsschau des Künstlerbunds Stuttgart wird eröffnet. Der Vorsitzende Zeitler würdigt die Bedeutung Stuttgarts als Kunststadt. In der Förderung künstlerischer Arbeit stehe die Stadt mit an erster Stelle im Reich, sagt Zeitler. Oberbürgermeister Strölin stiftet zehn Künstlern die Reise- und Aufenthaltskosten eines dreitägigen Besuchs der „Großen Deutschen Kunstaustellung“ in München.

Der Reichserziehungsminister Bernhard Rust veröffentlicht reichsweite Richtlinien zur Versetzung von Schülern höherer Schulen. In die nächste Klasse kommen demnach nur Schüler, die den allgemeinen Anforderungen genügen und Leistungsbereitschaft sowie Mitarbeit zeigen. Wer in Deutsch und Geschichte gleichzeitig „versagt“, werde nicht versetzt.

Derweil diskutieren die Technischen Beiräte über die Unterbringung von weiteren 10 000 ausländischen Arbeitern in Stuttgart – möglicherweise Zwangsarbeiter. Für Reparaturen, die nach Kriegsende anfallen, strebt der Haus- und Grundbesitzerverein eine steuerfreie Rücklage an, da auch im vergangenen Jahr die Senkung der Hypothekenzinsen angehalten hat.

In der Stuttgarter Stadthalle in der Neckarstraße findet ein wichtiger Boxkampf statt. Neuer Europameister im Mittelgewicht der Berufsboxer ist Jupp Besselmann aus Köln. Er gewinnt nach Punkten gegen den Italiener Mario Casadei. Wo damals die Stadthalle stand, hat heute der SWR im Funkhaus seinen Sitz.

11. bis 17. Mai: Der Feiertag entfällt – Stadtlauf mit 700 Teilnehmern

Für die Opfer des Luftangriffs vom 5. Mai findet die Beisetzungsfeier in der Horst-Wessel-Turnhalle in Zuffenhausen statt. Der Kreisschulungsleiter Hilburger zitiert in seiner Ansprache die Hitlerworte: „In der Hingabe des eigenen Lebens für die Existenz der Gemeinschaft liegt die Krönung allen Opfersinns“.

Die Versorgungslage spitzt sich zu. Verbraucher können nur etwa ein Fünftel ihres Bedarfs an Gemüse decken. Der Oberbürgermeister Karl Strölin bittet den Polizeipräsidenten und örtlichen Luftschutzleiter um Verbesserung der Vernebelungseinrichtungen. Diese wurden im Neckartal eingerichtet, um vor Luftangriffen zu schützen. Nach einem missglückten Vernebelungsversuch vom 10. April seien etwa 300 Schadensersatzansprüche von Gemüse- und Obstbauern zu erwarten, sagt OB Strölin.

Der Feiertag Christi Himmelfahrt wird von Donnerstag auf Sonntag verschoben, um unter der Woche notwendige Produktionen für den Krieg aufrecht zu erhalten.

Schülern ist ab sofort der Eintritt in das Cannstatter Mineral-Schwimmbad wegen Überfüllung an Samstagnachmittagen untersagt. Zu dieser Zeit besuchen viele Arbeiter der Rüstungsindustrie das Schwimmbad. Hinzu kommen Luftschutzmaßnahmen, die getroffen werden sollen, für den städtischen Besitz wie Brunnen und Denkmäler, für Gebäude der Kirchengemeinde und für staatliche Gebäude wie die Staatsgalerie und den Hauptbahnhof.

Der Volksdeutsche Schrifttumspreis der Stadt der Auslandsdeutschen Stuttgart wird an Egon Rakette für seinen Roman „Planwagen“ verliehen. Wilhelm Kempff spielt in der Liederhalle und rund 700 Läufer treten beim Stuttgarter Stadtlauf an. Außerdem findet ein Amateurstraßenrennen rund um Stuttgart statt.

4. bis 10. Mai: Der erste schwere Bombenangriff

Bomben des vierten Luftangriffs fallen am 5. Mai auf Stuttgart, sie treffen die Stadtbezirke Zuffenhausen und Bad Cannstatt. 13 Menschen kommen ums Leben, 37 werden verletzt. Oberbürgermeister Karl Strölin sagt, dieser Angriff sei der Beweis, dass feindliche Bomber durchaus die Stadt Stuttgart orten können und deshalb mit weiteren Luftangriffen gerechnet werden müsse.

Aus rund 36 000 Betrieben werden zehn neu als Musterbetriebe und 70 mit dem Gaudiplom für hervorragende Leistungen in der Arbeitskammer Württemberg ausgezeichnet. Dieses Abzeichen verleiht die Deutsche Arbeiterfront, um den Ausbildungsablauf, die Ausbilder und die Zusammenarbeit mit der Hitlerjugend zu würdigen.

Fritz Mader, Gauwart der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude, wird Professor an der Akademie der bildenden Künste. In der Stadthalle singen rund 3000 Mitglieder des Schwäbischen Sängerbundes für das Deutsche Rote Kreuz.

Im ersten Spiel der Vorrunde zur deutschen Fußballmeisterschaft scheiden die Stuttgarter Kickers gegen die SS-Sportgemeinschaft Straßburg mit einer 0:2 Niederlage aus.




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