Clara Schumann zum 200. Künstlerkarriere gegen alle Widerstände

Von Susanne Benda 

Clara Schumann war nicht nur die Frau Robert Schumanns, sondern so viel mehr: weltberühmte Pianistin, Komponistin, Klavierlehrerin, Familienernährerin. An diesem Freitag wird ihr 200. Geburtstag gefeiert.

Clara Schumann: Pastellzeichnung von Franz von Lenbach nach Skizzen aus dem Jahr 1878. Foto: Mauritius
Clara Schumann: Pastellzeichnung von Franz von Lenbach nach Skizzen aus dem Jahr 1878. Foto: Mauritius

Leipzig/Frankfurt - Aus weiblicher Perspektive war das 19. Jahrhundert eine Zeit des Patriarchats. Nur wenigen Frauen gelangen Schritte heraus aus den engen Kreisen von Küche, Kindern, Haushalt, und nur die allerstärksten von ihnen haben derart Karriere gemacht, dass man ihre Namen heute noch kennt. Zu ihnen hätte Mariane Tromlitz zählen können, aber die hochbegabte Pianistin und Sängerin heiratete als 19-Jährige den Theologen und Musikpädagogen Friedrich Wieck, gebar ihm fünf Kinder, ordnete sich unter. Bis sie den Jähzorn ihres Mannes nicht mehr ertrug und die Trennung wagte. Man darf annehmen, dass dieses Erbe von Mariane Wieck mit zur Stärke ihres begabtesten Kindes beigetragen hat.

Dennoch liest sich das Leben der Künstlerin Clara Schumann, geborene Wieck, wie ein fortwährender Kampf zwischen den Fronten von (künstlerischer) Selbst- und (männlicher) Fremdbestimmung. „Jetzt trachte ich auch darnach, so viel als möglich mit der Künstlerin die Hausfrau zu vereinen“: Das schreibt Clara 1939, als sie gerade von einem Einflussbereich in einen anderen wechselt. Zuvor hat Friedrich Wieck, der sie als Wunderkind ausbildete und vermarktete, für sie Tagebuch (in der Ich-Form!) geführt („Mein Vater bemerkte heute nochmals, dass ich faul, nachlässig, unfolgsam sei . . .“); später wird Robert Schumann, den sie nach juristischem Streit gegen den Vater 1840 in Leipzig heiratet, gemeinsam mit ihr ein „Ehetagebuch“ führen.

Clara, die Hochbegabte, ordnete sich einem Ehemann unter, dessen Frauenbild ganz dasjenige seiner Zeit war. Ihr Üben störte ihn – vielleicht auch, weil sie ihn als Pianistin an Virtuosität weit übertraf. Also schränkte sie es ein. Als Komponistin hingegen förderte er sie – vielleicht auch, weil er ihr in diesem Bereich überlegen war. Immerhin analysierte man gemeinsam musikalische Werke, las die großen Romane der Weltliteratur.

Clara Schumann hat die Werke ihres Mannes international bekannt gemacht

Dass Clara dann doch wieder auf Konzertreisen ging, lag nicht etwa an einer Gesinnungsänderung Roberts, sondern gründete schlicht in der finanziellen Situation der Familie, die sich mit der fortschreitenden Krankheit des Komponisten weiter verschlechterte. Ein auch Schumann genehmer Nebeneffekt war, dass seine Frau seine Werke auf ihren Tourneen spielte: Sie war ein Star, feierte als Pianistin in Russland, England, den Niederlanden rauschende Erfolge. Dabei institutionalisierte sie jene Konzertprogramme, die bis heute in klassischen Konzerten üblich sind.

Ohne Clara wäre Robert Schumann nicht so rasch und so nachhaltig international bekannt geworden. Dabei war seine Frau zwischen 1841 und 1854 fast ständig schwanger. Acht Kinder hat Clara Schumann geboren, sieben von ihnen erreichten das Erwachsenenalter. Zwischendurch zog die Familie um: von Leipzig nach Dresden, dann nach Düsseldorf, wo Robert städtischer Musikdirektor wurde (und wo Clara ihm bei der Einstudierung von Chor und Orchester assistierte). 1854 wurde der Komponist nach einem Suizidversuch in die Nervenheilanstalt Endenich bei Bonn eingeliefert, wo er zwei Jahre später starb. Ob Clara zuvor eine Liebesbeziehung zu Johannes Brahms, dem engen Freund der Familie, einging, konnte vor allem deshalb nicht nachgewiesen werden, weil sie sämtliche Briefe vernichtete – es ist aber gerade deshalb nicht unwahrscheinlich.

Weibliches Rollenverständnis tief verinnerlicht

Die Jahre nach Roberts Tod verbrachte Clara, die auch die sechs Kinder ihres früh verstorbenen Sohnes Ferdinand mit durchbringen musste, konzertierend und unterrichtend in Baden-Baden, Berlin und schließlich in Frankfurt, wo sie am neuen Konservatorium eine mit zahlreichen Privilegien ausgestattete Lehrstelle (als einzige Frau!) innehatte. Sie galt, hierin ihrem Vater ähnlich, als überaus fordernde, ja strenge, zuweilen unerbittliche Lehrerin. Nebenbei gab sie die Werke ihres Mannes heraus. Selbst komponiert hat sie ohne Robert an der Seite nicht mehr; resignierend hatte sie schon Jahre zuvor die eigenen Werke als „Frauenzimmerarbeit“ abgetan, „bei der es hier und da an der Erfindung fehlt“ – so sehr hatte selbst eine starke, durchaus selbstbewusste Frau wie Clara das Rollenbild ihrer Zeit verinnerlicht.

Das Besondere, das ihr als Pianistin vor allem mit einem feinen, sehr variablen Anschlag gelang (ihr Kollege Franz Liszt war hingegen dafür bekannt, dass er in Konzerten immer wieder mehrere Klaviersaiten zum reißen brachte), hätte sie für sich beim Komponieren nie in Anspruch genommen. Das Nachschöpferische beim Musizieren war ihre Domäne – dem Schöpferischen selbst fühlte sie sich nicht gewachsen. Es sei die Behauptung gewagt, dass das Bewusstsein, in diesem Bereich nichts Außerordentliches leisten zu können, der Hauptgrund dafür war, dass dieses Außerordentliche tatsächlich nicht zustande kam. Claras Musik – Klavierwerke und Lieder, Kammermusik und ein Klavierkonzert – ist virtuos, exzellent gearbeitet, geschmackssicher, voller feiner melodischer Einfälle, aber ihr fehlen zuweilen jene Ecken und Kanten, bei denen man aufhorcht und an denen sich die Erinnerung festhalten kann.

1896 starb Clara Schumann im Alter von 76 Jahren. Sie wurde neben ihrem Mann in Bonn beerdigt. Auch Johannes Brahms warf Erde auf ihr Grab; neun Monate später starb auch er. Das bekannteste Bild der älteren Clara ist eine Pastellzeichnung, die Franz von Lenbach nach Skizzen von 1878 anfertigte: Sie zeigt eine müde, aber auch stolze, willensstarke Frau mit klarem, bestimmten Blick. Ohne die Erziehung ihres strengen Vaters und ohne ihre ausgeprägte Selbstdisziplin hätte sie nie so leben können, wie sie Johannes Brahms einmal vorschwärmte: „Die Ausübung der Kunst ist ja ein großer Teil meines Ichs, es ist mir die Luft, in der ich atme!“