Claudia-Schiffer-Ausstellung Die Abgründe der schönen heilen Supermodel-Welt

Golden Girls:  Emma Sjöberg, Nadja Auermann, Naomi Campbell, Kate Moss, Ève Salvail, Shalom Harlow, Carla Bruni, Olga Pantushenkova, Christy Turlington, Linda Evangelista, Claudia Schiffer, Yasmeen Ghauri (hinten von links), Amber Valletta, Tricia Helfer und Helena Christensen (vorne von links) backstage bei einer  Versace-Show im Herbst 1994 Foto: Capticate/Doug Ordway 14 Bilder
Golden Girls: Emma Sjöberg, Nadja Auermann, Naomi Campbell, Kate Moss, Ève Salvail, Shalom Harlow, Carla Bruni, Olga Pantushenkova, Christy Turlington, Linda Evangelista, Claudia Schiffer, Yasmeen Ghauri (hinten von links), Amber Valletta, Tricia Helfer und Helena Christensen (vorne von links) backstage bei einer Versace-Show im Herbst 1994 Foto: Capticate/Doug Ordway

Claudia Schiffer will in der Düsseldorfer Ausstellung „Captivate!“ zeigen, dass die 1990er Jahre das perfekte Zeitalter für Mode, Models und Fotografie war. Derweil werden aber Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen einen Mann laut, der damals der Chef einer der wichtigsten Model-Agenturen war.

Kultur: Gunther Reinhardt (gun)
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Düsseldorf - Als Grungefans verkleidete Modelpaare knutschen an der Brouwersgracht in Amsterdam, Nadja Auermann blickt im Petticoat entspannt aus dem Fenster eines Wolkenkratzers in Manhattan, Linda Evangelista hockt gelangweilt auf einem Zaun im Central Park, und Claudia Schiffer spielt am Strand von Malibu an ihrem Bikinioberteil herum.

Supermodels als Stars der Popkultur

Willkommen in den 1990er Jahren, einem Jahrzehnt, das, wenn man der von Claudia Schiffer kuratierten Ausstellung „Captivate!“ glaubt, ein goldenes Zeitalter für Mode, Models und Modefotografie war. Die 1990er waren die Zeit, in der aus namenlosen Vorführdamen in Modekatalogen Supermodels wurden; die Zeit, in der Fotos von Ellen von Unwerth, Peter Lindberg oder Mario Testino Claudia Schiffer, Kate Moss, Tyra Banks, Naomi Campbell, Heidi Klum oder Christy Turlington zu den neuen Stars der Popkultur machten; die Zeit, in der Models nicht wie künstliche Wesen, sondern wie selbstbewusste, toughe Frauen aussahen; die Zeit der neuen Natürlichkeit, der Authentizität, in der selbst das Unperfekte perfekt war. Das behauptet zumindest die Schau im Düsseldorfer Kunstpalast. Miranda aus Shakespeares „Sturm“ würde jedenfalls entzückt durch die Ausstellungsräume laufen und jauchzen: „O, Wunder! Wie viele herrliche Geschöpfe es hier gibt! Wie schön der Mensch ist! O schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!“

Doch gab es diese schöne heile Modelwelt wirklich? Ein Hinweis darauf, dass vielleicht alles doch ganz anders war, versteckt sich sogar in der Ausstellung selbst: „Captivate!“ ist der Schottin Stella Tennant gewidmet, die einst Karl Lagerfelds Muse war, unter psychischen Problemen litt und 2020 Suizid beging.

Missbrauchsskandal

Vor allem aber erregt derzeit eine Recherche der französischen Illustrierten „Paris Match“ und der Frauenzeitschrift „Elle“ Aufsehen, die gemeinsam einen Missbrauchskandal aufgedeckt haben. Zahlreiche Models werfen dem heute 71-jährigen Gérald Marie vor, sie in den 1990er Jahren belästigt und sexuell missbraucht zu haben. Marie war damals Chef der Modelagentur Élite, bei der etwa Cindy Crawford und Naomi Campbell unter Vertrag waren. US-Model Carré Otis etwa hat Marie verklagt und beschuldigt ihn, sie im Alter von 17 Jahren mehrfach vergewaltigt zu haben.

Das Image des netten Mädchens von nebenan ist angekratzt

Keine gute Werbung für die Ausstellung ist auch, dass der Name Claudia Schiffers in den „Pandora Papers“ auftaucht, sie ihr Geld also wie viele andere Prominente und Politiker in Steueroasen versteckt haben soll. Zwar betont Schiffer, sich an sämtliche Gesetze und Vorschriften gehalten zu haben, doch das Image des netten Mädchens von nebenan, das eigentlich das Erkennungszeichen des Supermodels war, das einst in einer Düsseldorfer Disco entdeckt wurde, hat Kratzer bekommen.

Lüge des Authentischen

Überhaupt scheint die Behauptung des Natürlichen und Authentischen die größte Lüge der Modefotografie der 1990er zu sein. In den 1980ern, die das Künstliche, Grelle, Übertriebene liebten, fiel es schwer, das Schönheitsideal, für das die Models standen, mit dem wirklichen Leben zu verwechseln. Die 1990er, das zeigt die Schau, wollten uns weismachen, dass wir Schnappschüsse aus dem wirklichen Leben sehen – etwa wenn Juergen Teller Kate Moss in einem zerwühlten Bett fotografiert.

Demokratisierung des Modeljobs?

Die Ära der Supermodels ging zwar mit den 1990ern zu Ende, der Schein des Authentischen wirkt aber nach – bei all den Instagram-Models, die uns glauben lassen, dass es die einfachste Sache der Welt ist, perfekt auszusehen, selbst wenn man gerade erst aufgewacht ist oder die Nacht durchgemacht hat. Die Lüge der natürlichen Schönheit, die besonders Mädchen und jungen Frauen in sozialen Netzwerken aufgetischt wird, ist gefährlich, sagen viele Experten. Doch Claudia Schiffer sieht auch im Instragram-Model-Trend nur das Positive – nämlich die Demokratisierung des Modelns. Und so endet die Ausstellung naiv mit einem Spiegel auf dem steht: „The Next Fashion Icon? It’s You!“ – Die nächste Mode-Ikone? Die bist du!

Claudia Schiffer: Captivate!

Person
 Claudia Schiffer, 1970 in Rheinberg geborgen, wurde 1987 in einer Düsseldorfer Diskothek entdeckt. Sie zählte in den 1990ern zu den international gefragtesten und bestbezahlten Supermodels. Sie war auf über 1000 Magazincovern zu sehen.

Ausstellung
 Claudia Schiffer hat für die „Captivate! Modefotografie der 90er“ im Düsseldorfer Kunstpalast rund 150 Fotografien ausgewählt, die ihrer Meinung nach das Jahrzehnt am besten zusammenfassen. Die Ausstellung ist bis zum 9. Januar 2022 zu sehen. Öffnungszeiten und Infos unter: www.kunstpalast.de




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