Was passiert in der App? Clubhouse: Ein erster Erfahrungsbericht

User-Guide für neue Mitglieder. Foto: Lukas Böhl
User-Guide für neue Mitglieder. Foto: Lukas Böhl

Seit etwa einer Woche erlebt die Social-Audio-App Clubhouse auch in Deutschland großen Zulauf. Auf Twitter wird bereits heiß diskutiert: Während die einen voller Begeisterung sind, kritisieren andere die elitäre Prägung und undurchsichtige Datensammelei der App. Gestern habe ich unverhofft selbst eine Einladung erhalten und möchte meine ersten Eindrücke zu der App in diesem Erfahrungsbericht teilen.

Digital Unit: Lukas Böhl (lbö)

Exklusives Clubhouse

Das Wichtigste zuerst: Die App ist im Moment iOS-exklusiv und nur im App Store erhältlich. Für alle, die kein Applegerät besitzen, ist das Mitmachen vorerst nicht möglich. Als wäre das nicht elitär genug, ist die Registrierung erst nach einer Einladung eines Mitglieds möglich. Dieses muss die eigene Nummer in seinem Adressbuch gespeichert haben, um die Einladung zu versenden.

Dabei werden ganz nebenbei auch alle anderen Telefonnummern aus der Kontaktliste mit Clubhouse bzw. der dahinterstehenden Firma Alpha Exploration Co. geteilt. Deren Server befinden sich in den USA, womit der Datenschutz durch die europäische Datenschutzgrundverordnung hinfällig wird. Doch ich will mich hier nicht weiter mit den datenschutzrechtlichen Bedenken befassen. Das habe ich bereits an anderer Stelle getan.


Erste Schritte in der App

Nachdem man also die Einladung per SMS erhalten hat, muss man sich die App herunterladen und mit seiner Nummer anmelden. Sodann erhält man einen Zugangscode und ist endlich drin im Club. Es folgt die Erstellung eines Profils: Name und Nachname werden abgefragt, dann soll man einen Benutzernamen wählen und die eigenen Interessen angeben. Zum Schluss erhält man noch Vorschläge von Leuten, denen man folgen könnte.


Auswahl der Interessen in Clubhouse. Screenshot vom 18.01.2021 um 15:46 Uhr.

Da ich die App zunächst inkognito nutzen wollte, habe ich einen falschen Namen angegeben und die ganzen Schritte übersprungen. So ganz anonym war ich dann aber doch nicht. Immerhin hatten die Betreiber bereits meine Nummer und den Kontakt, der mich hinzugefügt hat.

Der wird übrigens auf immer mit dem eigenen Konto verknüpft sein. In jedem Profil steht unten, wer die jeweilige Person eingeladen hat. Das ist insbesondere bei hochkarätigen Politikern wie Christian Lindner oder Stars wie Joko Winterscheidt interessant. Aus Sicht des Datenschutzes meiner Meinung nach aber etwas bedenklich.

Nach allem, was ich bislang über die App erfahren habe, soll diese Funktion die Nutzer dazu animieren, sich nicht daneben zu verhalten oder Leute einzuladen, die für Ärger sorgen würden. Man wüsste schließlich, wer den Störenfried aufgenommen hat. In gewisser Weise also ein Kontrollinstrument.


Worin unterscheidet sich die App von Instagram und Co?

Die App unterscheidet sich insofern von anderen sozialen Netzwerken, als dass sie sehr schlank daherkommt. Es gibt keinen Feed mit Beiträgen von Leuten, denen man folgt.


Startseite der Clubhouse-App: Screenshot vom 19.01.2021 um 9:41 Uhr.

Die Startseite ist eine Mischung aus Vorschlägen für potenziell interessante Chaträume und anstehenden Veranstaltungen von Nutzern, denen man folgt. Die findet man über eine Suchfunktion, die zugleich auch Vorschläge enthält. Darüber hinaus kann man Interessengemeinschaften (Clubs) aus allen möglichen Bereichen beitreten, die regelmäßig Veranstaltungen anbieten.

Allerdings bleiben die Konversationen niemals erhalten. Die Chaträume und deren Inhalte existieren nur für den Moment, in dem sie passieren. Danach verschwinden sie und können nicht wieder abgerufen werden. Insofern haben die Mitglieder neben ihrem Steckbrief auch keine Inhalte auf den Profilen. Es geht hier rein um die Gespräche, die übrigens von den Nutzern nicht aufgezeichnet werden dürfen.

Außerdem kann man mit anderen Nutzer nicht eben mal chatten, ihnen eine Nachricht schicken oder an ihre Pinnwand posten. Dafür ist die App nicht gedacht. Will man mit jemandem über Clubhouse kommunizieren, muss man einen Raum eröffnen und ihn einladen.


Eröffnung eines Raums in Clubhouse. Screenshot vom 19.01.2021 um 9:44 Uhr.

Wer einen Raum erstellt, wird automatisch zum Moderator. Er kann weitere Moderatoren benennen, die Sprecher auf die virtuelle Bühne holen oder sie im Falle eines Verstoßes auch rausschmeißen und melden. Die Chats sind nicht zeitlich limitiert und dauern teilweise mehrere Stunden. Man kann also viel Zeit auf Clubhouse verbringen…


Zwischen Influencern, First Movern und Entrepreneuren

Solche Anglizismen, wie ich sie hier in der Überschrift verwende, beschreiben das bisherige Klientel der App ziemlich gut, zumindest das deutschsprachige. Immerhin ist die App hierzulande noch nicht so verbreitet wie in den USA. Daher tummeln sich dort bislang vor allen Dingen Personen aus der Medien- und Techbranche, Politik und dem Influencerspektrum. Also jene, die Möglichkeiten und Potenziale der App gewinnbringend für sich ausloten wollen – und die entsprechenden Kontakte haben, um reinzukommen. Dergestalt sind dann auch die Gesprächsthemen in den Chaträumen. Es geht viel um Investing, Markenbildung und ganz allgemein um die App Clubhouse und deren Chancen für das eigene Business.


Anstehende Chats in Clubhouse. Screenshot vom 19.01.2021 um 10.32 Uhr.

Die Talkrunden sind größtenteils sehr spezifisch, was auch der noch eingeschränkten Nutzerschaft geschuldet ist. Kommen mehr Leute in die App, wird es sicherlich auch diversere Themen zu besprechen geben. Das soll nicht heißen, dass es nicht auch interessante Inhalte gibt.

Gegen 21 Uhr trat ich einer Chatrunde bei, in der sich gerade Paul Ronzheimer (BILD) und Thomas Sattelberger (FDP) über TikTok stritten. Eigentlich ging es bei der Konversation aber um den Nachrichtenkonsum der Generation Z. Nachdem sich die beiden Streithähne wieder beruhigt hatten, kam eine wirklich interessante Diskussion auf, an der sich weitere Politikerinnen genauso beteiligten wie 18-jährige Influencer. Diese Mischung sorgte für einen spannenden Meinungsaustausch, der es mir schwermachte, mich loszureißen und ins Bett zu gehen.


App mit Suchtpotenzial

Das obige Beispiel zeigt die Chance von Clubhouse. Hier können Menschen aus allen Bereichen des Lebens zusammenkommen, um über wichtige Alltagsfragen zu diskutieren. Es ist, als bekäme man plötzlich die Chance, bei seinem Lieblingspodcast oder einer Talkshow ein Wörtchen mitreden zu können. Sollte sich die App irgendwann für die breite Masse öffnen, könnten zum Beispiel Schüler ihren Frust oder ihre Ideen mit wichtigen Bildungspolitikern teilen und damit vielleicht zur Verbesserung des Schulsystems beitragen.

Insbesondere in Zeiten von Kontaktbeschränkungen fühlt sich die App wie ein Beinahe-Ersatz für Partys an. Clubhouse wirkt bislang viel intimer, als es bei Facebook und Co der Fall ist. Allerdings muss man auch ganz klar sagen, dass die meisten Menschen eher passiv zuhören. Bei der Gesprächsrunde oben befanden sich rund 1000 Zuhörer im Chat, die eben nichts dazu beitrugen. In diesem Sinne unterscheidet sich die App dann doch nicht so sehr von Talkrunden und Podiumsdiskussionen.

Darüber hinaus gibt es auch viele Chaträume, in denen über völlig belanglose Dinge geredet wird. Zudem kann man bereits beobachten, was sich in allen sozialen Medien irgendwann abzeichnet: Blasenbildung. Tritt man einigen englischsprachigen Chaträumen bei, deren Bezeichnung im ersten Moment nicht unbedingt auf den Inhalt schließen lässt, stellt man schnell fest, dass sich hier auch absurde Theorien Platz finden. Zudem melden sich auf Twitter immer wieder Nutzer, die über Belästigungen, Hetze und dergleichen berichten.

Durch die persönliche Note der App wiegen solche verbale Übergriffe sehr viel schwerwiegender, als es vielleicht ein Kommentar unter einem YouTube-Video kann. Dies ist auch mit ein Grund, weshalb die Gespräche nun mitgeschnitten werden. So soll bei Verstößen später mit Beweismaterial gegen die gemeldeten Personen vorgegangen werden. Falls kein Verstoß gemeldet wird, werden die Aufnahmen der Gespräche laut den Betreibern jedoch umgehend gelöscht.


Klapphaus und Aktien kaufen

Da die App im Moment in den sozialen Medien so hohe Wellen schlägt, steigen auch die Suchanfragen bei Google rasant an.


Clubhouse in Google Trends. Screenshot vom 19.01.2021 um 10:23 Uhr.

Lustig ist in diesem Zusammenhang, dass jetzt vermehrt nach Klapphaus gesucht wird. Dabei handelt es sich natürlich um Clubhouse, die App. Nicht zu verwechseln mit clubhouse.io, einer Projektmanagement-Software. Ebenfalls in den Trends: Clubhouse Aktie kaufen. Zwar finanziert sich die App im Moment rein durch Investoren, doch die Alpha Exploration Co., die Firma hinter Clubhouse, ist noch nicht an die Börse gegangen. Privatanleger können sich in diesem Stadium also nicht an dem rasanten Wachstum der App beteiligen.

Im Moment jedenfalls befindet sich die App immer noch in der ausgedehnten Testphase. Darüber hinaus besteht noch kein Modell zur späteren Finanzierung. Wird Clubhouse wie Facebook und Twitter auf Werbeanzeigen setzen? Oder wird man wie in Podcasts eine Werbeunterbrechung hinnehmen müssen? Vielleicht entscheiden sich die Gründer auch für einen ganz anderen Weg und verlangen Geld für die Mitgliedschaft. Doch das sind alles nur Spekulationen. Ein Börsengang ist zu diesem Zeitpunkt noch in weiter Ferne. Erst einmal muss die App sich für die Öffentlichkeit öffnen und beweisen, dass sie nicht nur eine Eintagsfliege ist. Ob ihr das gelingt, bleibt abzusehen.


Fazit

Clubhouse ist eine spannende neue App, die durchaus das Potenzial haben könnte, in Zukunft neben Instagram, Facebook und TikTok einen Platz auf unseren Smartphones einzunehmen. Ihre Wettbewerbsfähigkeit muss die App jedoch erst noch beweisen und zwar dann, wenn sie sich aus der Testphase in den Markt begibt.

Eine große Chance der App: Die Möglichkeit zur Selbstdarstellung für gewöhnliche Menschen. Schließlich erhält hier jeder Nutzer seine eigene Bühne, kann seinen eigenen Podcast hosten. Die Formel, unbekannte Personen ins Rampenlicht zu rücken und ihnen so eine Karriere zu ermöglichen, hat schon bei Instagram und TikTok wunderbar funktioniert. Zum jetzigen Standpunkt ist Clubhouse aber eher ein interessantes Experiment, das insbesondere durch den aktuell anhaltenden Hype Zulauf bekommt. Ob der jedoch gerechtfertigt ist, ist eine andere Frage.

Sicher, man verpasst vielleicht das ein oder andere spannende Gespräch, wenn man nicht dabei ist, aber diese Diskussionen finden genauso auf anderen Plattformen statt. Es muss sich also niemand ausgeschlossen fühlen oder Angst haben, nicht am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen zu können. Die meisten Chaträume sind voll von Belanglosigkeiten, Selbstbeweihräucherung und Marketingsprech.

Am Ende des Tages ist Clubhouse auch nur eine App, die neben so vielen anderen um unsere Aufmerksamkeit buhlt. Ob wir das brauchen? Nein. Ob es trotzdem funktionieren kann? Gut möglich.

Noch ein aufstrebendes soziales Netzwerk: Was steckt hinter OnlyFans?

Unsere Empfehlung für Sie