Cornwall, der Tagungsort des G7-Treffens Gemeinschaftswannen, Plastikwege und gefährliche Möwen

Cornwall ist bisher bekannt für eine raue Landschaft in rauem Klima, keineswegs als Treffpunkt für höchstrangige Politiker. Foto: Getty Images/Matt Cardy
Cornwall ist bisher bekannt für eine raue Landschaft in rauem Klima, keineswegs als Treffpunkt für höchstrangige Politiker. Foto: Getty Images/Matt Cardy

Der G7-Gipfel – einmal anders. Boris Johnson hat die Welt in eine kuriose Ecke im englischen Südwesten, an die „Costa del Cornwall“, bestellt.

Korrespondenten: Peter Nonnenmacher (non)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

London - Nicht alle Bewohner von Carbis Bay sind unglücklich über das, was ihrer Ortschaft jetzt bevor steht. Den Kindern bleibt der Schulgang für ein paar Tage erspart. Alle Ferienwohnungen sind voll belegt. Das freut ihre Besitzer. Die Straßen hat man neu asphaltiert. Geschäftsinhaber werden für absehbare Verluste entschädigt. Beeindruckende Blumen-Arrangements sind allerorten aufgetaucht.

Herausgeputzt hat sich, mit staatlicher Hilfe, die 4000-Seelen-Gemeinde im Südwesten Englands, fast am Ende der Grafschaft Cornwall, der am Freitag hoher Besuch ins Haus steht. US-Präsident Joe Biden, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und etliche andere große Namen der Weltpolitik fallen für drei Tage in Carbis Bay ein.

Der britische Premierminister Boris Johnson hat sie in diese stille Ecke des Vereinigten Königreichs zum G7-Gipfel dieses Jahres, dem Gipfel führender Industrie-Nationen und wohlgelittener Verbündeter, eingeladen. Hoch überm Sandstrand der Bucht, im Carbis Bay Hotel, will der Kreis erlesener Konferenz-Teilnehmer aktuelle Weltprobleme bereden und im Sinn der Versammelten lösen, was sich lösen lässt.

Man will sich wieder Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen

Des Zoomens müde, will man einander in der guten Seeluft, mit Blick auf den Atlantik, wieder von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen – so weit eben möglich. Badestuben mit Gemeinschaftswannen laden zum Verweilen ein. Wer will, kann in den Verhandlungspausen drunten am Strand schwimmen gehen oder Kajak fahren. Ein Rettungsschwimmer ist angeheuert worden, damit kein Top-Politiker untergeht.

So ganz erholt habe sich viele der Einheimischen freilich noch immer nicht von der Überraschung, dass ausgerechnet Carbis Bay zum internationalen Konferenzort ausersehen wurde von der Regierungszentrale im fernen London. Gewiss: Boris Johnson hat die Aufwertung der Provinz zum politischen Programm gemacht. Aber ganz einfach ist schon mal der Zugang zum Ort bei diesem besonderen Anlass nicht. Die schmalen Landsträßchen der Gegend sind kaum geeignet für große Aufgebote von Delegationen und ihre mitreisenden Sicherheitsbeamten. Der berühmten US-Präsidenten-Limousine etwa, dem „schwarzen Biest“, bietet sich kaum ausreichend Platz für die Fahrt zum Hotel.

Möglicherweise muss Joe Biden in ein „Mini-Biest“ umsteigen

Eine Brücke über die Bahngleise ist definitiv zu eng. Möglicherweise muss Joe Biden in ein „Mini-Biest“ umsteigen. Falls er es nicht vorzieht, auf dem von Touristen geräumten Sandstrand unterhalb des Hotels aus dem Hubschrauber zu steigen und zum Hotel hochzuklettern wie jedermann sonst.

Das Hotel selbst hat ebenfalls recht skeptische Reaktionen ausgelöst. Es brüstet sich mit einem schönen Blick aufs Meer, hält aber dem Vergleich mit vielen grandiosen Schlössern und Herrschaftshäusern im Königreich kaum stand. Eher „ein bisschen schäbig“ finden Kritiker die ganze Anlage, „Costa del Cornwall“ eben statt Gleneagles. Gleneagles war die schottische Nobel-Stätte, in die Tony Blair seine Amtskollegen 2005 einlud.

Das zweite in Carbis Bay zur Verfügung stehende und für weniger hochrangige Delegationsmitglieder reservierte Hotel, das Tregenna Castle Resort, wird von bösen Zungen vor Ort sogar als „ziemlich abgenutzt und alt“ eingestuft. Wie kann es sein, dass Johnson seine Gäste in diese Gemäuer, in diese Gegend einfliegen lässt für dieses Wochenende, das für ihn so wichtig ist?

Es wird spekuliert, dass Geld gespart werden soll

Spekulationen sprechen davon, dass Geld gespart werden soll. Die Regierung selbst betont, dass sie sich vom Kampf gegen die Klima-Katastrophe, die ein Top-Thema beim Gipfel werden soll, hat leiten lassen. Cornwall sei schließlich ein Vorbild für grüne Energie. Carbis Bay Hotel selbst, der Tagungsort, brüstet sich mit der Auszeichnung „AA Eco Hotel des Jahres 2019“ und verweist darauf, dass es „das erste Hotel der Welt“ sei, dessen Wege aus „wiederaufbereiteter Plastik aus dem Ozean“ gefertigt wurden. Und dass es sich äußerst fortschrittlicher Heiz- und Energie-Techniken bediene, wie man sie kaum finde anderswo.

Dummerweise untergrub das Hotel aber, nachdem es zum Konferenzort erwählt wurde, seinen eigenen „grünen“ Ruf in Windeseile. Auf brachiale Weise und ohne Planungserlaubnis wurden Bäume gefällt und wurde buschiges Gelände plattgewalzt, um Platz für zusätzliche Versammlungsräume zu schaffen. Zornig wandten sich Umweltschützer gegen diesen „Akt blinder Zerstörung“ in Carbis Bay.

Umweltschützer protestieren gegen eine „Zupflasterung“ der Bucht

Die weit über Cornwall hinaus bekannte junge Sängerin Bailey Tomkinson verlieh dem Zorn eine Stimme mit ihrem neuen Song „Bright Red“, einem Protestlied gegen „die Zupflasterung der Bucht“ an dieser Stelle. Mittlerweile haben sich bereits Hunderte von Demonstranten auf den Weg in die Gegend gemacht, um generell radikalere Maßnahmen gegen Klimawandel und gegen weltweite Umweltzerstörung zu fordern.

Zelte sind weithin aufgeschlagen worden in diesem Teil Cornwalls, und einige Gruppen wollen am Freitag und Samstag so weit nach Carbis Bay vorstoßen wie nur möglich. Sehr weit soll das nicht sein, nach den Vorstellungen der Polizei. Ein weites Areal ist, wie immer bei G7-Gipfeln, abgeriegelt und der Luftraum für „unbefugte Flugobjekte“ geschlossen worden. Im Ort selbst muss man sich doppelt ausweisen, wenn man das Haus verlassen will.

6500 Polizisten werden im Einsatz sein

6500 Polizisten insgesamt, viele aus anderen Grafschaften, sind nach Cornwall beordert worden für die Gipfeltage. Drei Meter hohe Zäune und Straßen-Kontrollstellen sind bereits errichtet worden vielerorts. 150 Spürhunde sind aufgeboten, bewaffnete Einheiten und Meeres-Patrouillen. Zur Unterbringung ganzer Streitkräfte hat man einen estländischen Kreuzer gebucht, der draußen vor der Bucht vor Anker liegen soll. Auf 70 Millionen Pfund Kosten wird der Sicherheitsaufwand, alles in allem, geschätzt.

Nicht einmal diese vielen Millionen können freilich kompletten Schutz gegen Luftangriffe ganz besonderer Art garantieren. Die größte Sorge der Polizei gilt den 18 Drohnen, die sie während des Gipfels einsetzen will. Leider müsse man befürchten, dass die gewaltigen Möwen dieser Küstenstriche auf die Konkurrenz am Himmel losgehen werden, erklären Cornwalls Drohnen-Piloten: „Diese Vögel schießen manchmal im Sturzflug auf unsere Drohnen herab.“




Unsere Empfehlung für Sie