Seit einer Woche demonstrieren Lastwagenfahrer in der Hauptstadt Ottawa – oft hochaggressiv. Es geht dabei nicht nur gegen die Impfpflicht.

Ottawa - Bei den Protestaktionen von Lastwagenfahrern in Kanada droht für dieses Wochenende eine Eskalation. Vor einer Woche hatte der aus Hunderten Lastwagen bestehende so genannte Freiheitskonvoi die Stadt erreicht und die Hauptstadt Ottawa zum Stillstand gebracht. Auslöser war die seit dem 15. Januar geltende Bestimmung, dass Lkw-Fahrer im Güterkehr zwischen Kanada und den USA voll geimpft sein müssen oder sich in Quarantäne begeben müssen. Seit 22. Januar gilt eine ähnliche Regel auf US-Seite.

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Für manche Trucker ist Kanada damit „ein kommunistisches Land“ geworden. Sie wollen bleiben, „bis die Regierung geht“ und alle Maßnahmen aufgehoben sind. Ihren Hass richten sie vor allem gegen Premierminister Justin Trudeau.

Sie wehren sich gegen die Verpflichtung zu Impfung

Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung in Kanada sind geimpft, etwa die Hälfte hat die Booster-Impfung bekommen. Auch bei den Lkw-Fahrern sieht es offiziellen Angaben zufolge ähnlich aus. Aber sie wehren sich gegen die Verpflichtung zu Impfung. Die meisten einschränkenden Vorschriften zu Lockdown, Impfpässen und Geschäfts- und Schulschließungen kommen aber gar nicht von der Bundesregierung, sondern von den Provinzen. Das scheint diejenigen, die protestieren, nicht zu interessieren. Ihr Protest richtet sich nur gegen die Bundesregierung.

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Die Führung der städtischen Polizei hat nach Ansicht vieler von den Blockadeaktionen Betroffenen vor den Lastwagenfahrern kapituliert. Sie fragen, warum die Polizei überhaupt zuließ, dass die Trucks in die Innenstadt fahren durften, nachdem die Blockade mehrere Tage vorher angekündigt worden war. Die Polizei spricht selbst von „unrechtmäßigen Demonstranten“ und dem „Besetzen unserer Straßen“, beschränkt sich aber auf das Ausstellen einiger Strafzettel wegen Verstößen gegen Parkvorschriften.

Das ständige Dröhnen ist „wie eine Folter“

Eltern berichten, dass ihre Kinder seit einer Woche nicht mehr schlafen können. Sie erzählen, dass auch in der Nacht die schweren Maschinen laufen, dass gehupt und die Luft mit Dieseldämpfen verpestet wird. Das ständige Dröhnen sei „wie eine Folter“, sagt ein Anwohner. Ältere fühlen sich von den schweren Sattelschleppern und ihren Fahrern bedroht. Immer wieder berichten Bewohner der Innenstadt, die Mund- und Nasenschutz tragen, dass sie von aggressiven Demonstranten belästigt und verhöhnt werden. Auf Bürgerrechte spezialisierte Juristen sehen die Grenze zwischen Demonstrationsfreiheit und Freiheitseinschränkungen für andere überschritten.

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Es gibt aber auch Stellungnahmen und Aktionen zugunsten der Trucker. Diese bekommen tatkräftige Unterstützung. In Kanistern wird Treibstoff angeschleppt, damit die Maschinen weiter laufen können, und Propangas für Heizung und Kocher.

Indigene Kanadier sehen eine Ungleichbehandlung

Deutliche Worte finden die Menschen, die sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung und Minderheiten einsetzen. Joan Jack stammt aus der Berens River First Nation in Manitoba und hat an mehreren Besetzungen teilgenommen, in denen Gerechtigkeit und Schutz vor Gewalt für indigene Menschen gefordert wurde. Die Reaktion der Polizei und Regierung auf die Proteste gegen Impfungen und Covid-Restriktionen wäre anders, wenn indigene Menschen demonstrieren würden, glaubt sie: „Sie hätten die Armee gegen uns eingesetzt.“

Premierminister Trudeau lehnt Treffen ab

Isolation
 Premierminister Justin Trudeau befindet sich nach einem positiven Corona-Test derzeit in Isolation außerhalb des Stadtzentrums. Er lehnt es kategorisch ab, sich mit Truckern zu treffen.

Kritik
Das Innenministerium gab am Freitagmorgen bekannt, dass zur Unterstützung der Stadtpolizei Angehörige der Bundespolizei bereitstünden. Kritiker sagen, dass Trudeaus harte Haltung zur Verschärfung des Konflikts beigetragen habe. 

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