Die im Sommer von Gerlinger Müttern und Vätern gegründete Initiative „Sichere Luft für Gerlinger Kinder in Zeiten von Corona“ ist weiter aktiv. Zurzeit kämpfen die Eltern dafür, dass die Stadt noch mehr Geräte aufstellt. Eine Schule haben sie besonders im Blick.

Gerlingen - Das Thema Luftfilter treibt Gerlingen weiter um. Seitdem Eltern im Sommer die Initiative „Sichere Luft für Gerlinger Kinder in Zeiten von Corona“ gegründet und die Stadt aufgefordert haben, die Kitas und Schulen mit Lüftungsanlagen und Luftreinigern sicherer zu machen, hat sich zwar einiges getan. Doch aus Sicht der Mütter und Väter zu wenig. Sie sorgen sich angesichts der Entwicklung der Pandemie mehr denn je um ihre Kinder, sprechen mit Blick auf die Pestalozzi-Grundschule gar von „unzumutbaren Zuständen“. Es müssten mehr mobile Geräte her.

Die Stadtverwaltung hatte alle Schulen untersucht: Nur in den Pavillons der Breitwiesenschule können 14 Unterrichtsräume nicht ausreichend durch Fenster belüftet werden. „Wir hatten bereits zum ersten Schultag im Sommer die notwendigen Luftreinigungsgeräte in Betrieb“, sagt die Rathaussprecherin Sofie Neumann auf Anfrage. Auch hätten jetzt alle Schulen CO2-Sensoren. Sie signalisieren bei zu hohem CO2-Gehalt, wann gelüftet werden muss. Die Stadt gab laut Neumann gut 58 000 Euro für die Luftfilter aus und etwa 20 000 Euro für die Sensoren. Sie sagt: „Wir machen für den Infektionsschutz der Kinder alles, was sinnvoll ist und zum Schutz auch wirklich beiträgt.“ Gleichwohl könne es „eine vollkommene Sicherheit in einer Pandemie leider nicht geben“.

Stadt habe ein theoretisches Werk geschaffen

Die Eltern sehen das anders. Die bereits aufgestellten Geräte seien ein erster, aber bei weitem kein ausreichender Schritt für mehr Sicherheit in den Schulen. In der Pestalozzischule sei die Lernumgebung „weit entfernt davon, angenehm zu sein“, monieren Sandra Liebig und Melanie Baumann (Namen geändert). Die Elterninitiative fordert wegen „nicht ausreichender Lüftungsmöglichkeiten“ weitere Luftfilter – für zwölf Klassenzimmer der Pestalozzischule und für noch zwei der Breitwiesenschule.

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Weil die Eltern die im Juli im Gemeinderat vorgestellten Ergebnisse nicht nachvollziehen konnten, wie Sandra Liebig berichtet, hatten sie die von der Stadt erhobenen Raumdaten vor Ort überprüft und selbst Berechnungen angestellt, die sie dann der Verwaltung vorlegten: Es lägen Abweichungen und Fehler vor, Nachbesserungen seien dringend erforderlich, resümieren die Eltern. Sandra Liebig sagt, die Stadt habe ein theoretisches Werk geschaffen, das in der Praxis scheitere. Im Alltag würden Lehrer und Schüler an praktische Grenzen stoßen.

Hilfe bei nicht erreichbaren Fenstern angekündigt

So müsse in den Räumen der Pestalozzischule ständig gelüftet werden, daher sei es kalt, laut – auch da die benachbarte Realschule saniert wird – und zugig. In einigen Räumen sei Quer- oder Stoßlüften nicht oder nur schwer möglich, denn die Fenstergriffe seien viel zu hoch, Hilfsmittel fehlten oder die Fenster ragten geöffnet über die Tische und Stühle der Schüler. In zwei Räumen der Breitwiesenschule sei das Querlüften nicht oder nur bedingt möglich.

Die Eltern werfen der Verwaltung vor, dass sie sich aufs Lüften versteife und in einer Situation verharre, in der nicht die Priorität auf den Kindern und deren Sicherheit liege, um gut durchs Schuljahr zu kommen. „Wir verstehen nicht, warum die Stadt blockt“, sagt Melanie Baumann. Nun plane die Stadt Steighilfen anzuschaffen, damit die Lehrkräfte nicht erreichbare Fenster öffnen können.

Stadt äußert sich zu unterschiedlichen Ergebnissen

Die Rathaussprecherin entgegnet, man sei seit Beginn der Pandemie im regelmäßigen Austausch mit allen Schulleitungen und halte die Empfehlungen des Umweltbundesamtes bezüglich der Belüftbarkeit der Räume konsequent ein. Warum Stadt und Eltern zu verschiedenen Ergebnissen gelangen? Letztere würden von anderen Ansätzen zur Bewertung der Belüftbarkeit von Räumen ausgehen, sagt Sofie Neumann. „Es gibt jedoch keine verbindlichen Vorgaben oder Regelungen von übergeordneter Stelle, wie zu prüfen ist, ob eine ausreichende Belüftbarkeit der Räume vorliegt.“ Das Umweltbundesamt gebe lediglich „eine grobe Orientierung“, wie ermittelt werden könne, ob die Lüftung ausreiche. „Wenn man sich an diese Orientierung hält, führt das Prüfungsergebnis sogar zu weniger anspruchsvollen Werten als bei den Arbeitsstättenrichtlinien, an die sich die Stadt Gerlingen anlehnt.“

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Mittlerweile hat die Kommune aber nachgebessert: In der Pestalozzischule werden in den Räumen der Ganztagsbetreuung drei Luftreinigergeräte aufgestellt – auch diese Räume hatte die Elterninitiative im Fokus. „Dort halten sich zeitweise mehr Kinder in den Räumen auf als normalerweise im Unterricht üblich“, sagt die Rathaussprecherin. „Wir nehmen die Sorgen der Eltern ernst und können sie auch nachvollziehen.“ Zur Lage in den Kitas sagt Neumann: Alle Gruppenräume haben CO2-Ampeln erhalten. Zudem hat die Verwaltung 44 Luftreinigergeräte bestellt. Sie werden Ende Februar geliefert. Kosten: rund 170 000 Euro.

Melanie Baumann und Sandra Liebig, deren Kinder die Pestalozzischule besuchen, wollen weiterkämpfen. Die drei zusätzlichen Geräte seien „kein mit uns getroffener Kompromiss oder eine Einigung zur Beendigung des Themas, sondern das einzige Zugeständnis der Stadt“. Man sei auch im Austausch mit mehreren Stadträten. Und man überlege, welche Aktionen möglich seien.

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