Corona-Krise Anschwärzen? Wie man mit Fehlverhalten anderer umgehen sollte

Von red/dpa 

Wer sich nicht an die geltenden Ausgangsbeschränkungen hält, erntet womöglich Feindseligkeit. Wer Verstöße bei der Polizei meldet, ebenso. Dabei sagen Experten, dass hinter dem Anschwärzen eigentlich ein positiver Gedanke steckt.

Die Polizei muss in der Corona-Krise immer wieder Menschengruppen auflösen. (Syymbolbild) Foto: dpa/Sebastian Gollnow
Die Polizei muss in der Corona-Krise immer wieder Menschengruppen auflösen. (Syymbolbild) Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Berlin - In einem Leipziger Kleingarten grillt eine Gruppe von Menschen, ein Rostocker Vermieter lässt weiterhin Urlauber in seine Ferienwohnung, und ein Restaurant in Berlin hat normal geöffnet - trotz der geltenden Regeln zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Wegen solcher Verstöße bekamen Polizei und Ordnungsamt in den vergangenen Wochen überall in Deutschland zahlreiche Hinweise. Doch während die einen die nachbarschaftliche Wachsamkeit loben, schimpfen die anderen wegen Überwachung und Blockwart-Mentalität. Wie aber umgehen mit dem Fehlverhalten der Mitmenschen?

Es ist eine Ausnahmesituation für alle. „Wir müssen unsere Freiheiten einschränken, um der Freiheit anderer Willen, und diese Freiheitseinschränkung fällt uns schwer“, sagt Stefan Gosepath, Professor für Sozialphilosophie an der Freien Universität Berlin.

So entsteht die Spannung

Wer sich an diese Regeln halte, wünsche sich dann auch, dass andere Menschen dies ebenso tun, erklärt die Sozialpsychologin Juliane Degner. Laut der Professorin von der Universität Hamburg gibt es dafür verschiedene Gründe: „Uns allen, die wir uns an diese Regeln halten, fällt das schwer, und es ist mitunter mit hohen Kosten - materieller oder psychischer Natur - verbunden. Wenn wir dann sehen, dass sich andere nicht so verhalten und davon keinen sichtbaren Nachteil erfahren, wird es schwer, vor uns selbst zu rechtfertigen, wieso wir uns eigentlich daran halten.“ Dies erzeuge eine unangenehme Spannung.

Gerade weil es für viele oft nicht leicht sei, sich an Vorgaben zu halten, sei der eigene moralische Kompass nur ein Mechanismus dafür. Neben staatlichen Maßnahmen gebe es dabei auch die soziale Kontrolle, so Gosepath. „Wir Menschen sind nicht so gut menschlich, dass wir uns immer an die eigenen moralischen Regeln halten, selbst wenn wir einsehen, dass es die richtigen Regeln sind. Wir brauchen auch immer Unterstützung durch andere, die uns daran erinnern, dass wir hier gerade ein Fehlverhalten zeigen.“

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Man kann soziale Kontrolle deshalb auch positiv sehen, sagt Gosepaths Kollege Michael Reder von der Hochschule für Philosophie München. Denn aus sozialphilosophischer Sicht stehe dahinter der Gedanke an Gemeinschaft und Solidarität. Dass Personen gerade jetzt verstärkt auf das Verhalten ihrer Mitmenschen achten, kommt nicht von ungefähr. „Ich glaube, dass es solche Formen von sozialer Kontrolle bis hin zum Anschwärzen - Denunzieren - schon immer gegeben hat“, sagt Reder. „Sie werden im Grunde größer, je bedrohlicher eine bestimmte Herausforderung, eine Krise, eine Situation interpretiert wird.“

Die Kontrolle kann dabei aber auch mal über die Stränge schlagen. „Gerade in Deutschland denkt man natürlich an den Nazi-Blockwart, der irgendwie das Haus kontrolliert - ein Superkorrekter, der sich auf einmal als Polizist aufspielt“, sagt Gosepath.

Erst einmal miteinander sprechen

Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jörg Radek, spricht sich klar gegen ein solches Verhalten aus: „Wogegen wir uns auch verwehren müssen, ist mögliche Wichtigtuerei und vor allen Dingen auch Denunziantentum. Das birgt Zündstoff.“ Radek schlägt vor, Konflikte erst einmal untereinander zu klären. „In einem höflichen Miteinander kann man sich da schon verständigen, ohne dass man gleich die Polizei ruft.“

Auch für Gosepath sollte das Gespräch am Anfang stehen. Damit könne man Menschen auf einen Verstoß hinweisen, damit sie ihr Verhalten von selber wieder korrigieren. „Ich glaube, denjenigen, die ermahnt werden, dass sie sich nicht an die Regeln halten, wird das peinlich genug sein.“ Und nur durch ein Gespräch könne man auch die Perspektive des Anderen verstehen. „Es könnte ja gute Entschuldigungsgründe geben.“

Doch Regelverstöße direkt anzusprechen, ist eben nur eine der möglichen Reaktionen. Psychologin Degner sagt, dass man ebenso als Vorbild auftreten oder sich an die Autoritäten, also Polizei und Ordnungsamt, wenden könne. Und: Zu sehen, wie andere sich nicht an die Vorgaben halten, könne auch dazu führen, es selber zu lassen. „Welchen Weg eine Einzelperson wählt, das mag von ganz verschiedenen persönlichen Faktoren abhängen.“

Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, jedenfalls findet Hinweise an die Behörden hilfreich. „Wir halten dies nicht für Denunziation, sondern für aktive Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an einer wichtigen Aufgabe der Gegenwart, die dem Schutz von Menschenleben dient“, teilt Wendt mit. Gelegentlich komme es aber auch zu Polizeieinsätzen, die eigentlich entbehrlich gewesen wären, so Wendt. Beispiele dafür dürften nicht nur Nachbarschaftsfehden sein, sondern auch Hinweise auf angebliche Partys in Berlin und Rostock, die sich als Musik-Livestreams entpuppten. Laut Wendt hält sich die Zahl solcher Einsätze in Grenzen.

Was tatsächlich ein Verstoß ist, ist im Einzelfall gar nicht immer so leicht einzuschätzen. Und so gibt es auch keinen perfekten Umgang mit vermuteten Regelbrüchen. Denn: „Es ist ein soziales Dilemma, bei dem unterschiedliche soziale Normen gegeneinander wirken“, sagt Degner. Die Norm, sich an Regeln zu halten, die Norm, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, und die Norm, sich nicht bei anderen einzumischen. Sozialphilosoph Reder empfiehlt zudem, was eigentlich immer gelten sollte: sich auch um die eigenen Fehler zu kümmern.