Corona-Krise Warum die Pandemie für Menschen mit Demenz so schwer ist

Für Heimbewohner sind Begegnungen wichtig – während des Lockdowns war dies nur eingeschränkt möglich. Foto: Marcel Kusch/dpa
Für Heimbewohner sind Begegnungen wichtig – während des Lockdowns war dies nur eingeschränkt möglich. Foto: Marcel Kusch/dpa

Für Menschen mit Demenz hat Corona einschneidende Folgen. Vertreter der Alzheimer-Betreuungsgruppe in Stuttgart-Birkach, des Awo-Seniorenzentrums Sonnenhalde in Leinfelden-Echterdingen und der Filderklinik in Filderstadt berichten.

Stuttgart - Die alte Dame mit fortgeschrittener Demenz verstand die Welt nicht mehr: „Wann ist denn die Gruppe?“, fragte sie ihren Mann Tag für Tag, als zu Beginn der Corona-Pandemie im März Betreuungsgruppen-Angebote vorübergehend eingestellt waren. Dann fing sie an, ihre Wohnung zu verlassen und sich auf den Weg zu der Einrichtung zu begeben, in der sie vor der Pandemie andere Menschen mit Demenz getroffen hatte. Dort sah sie fragend durch das geschlossene Fenster: „Wo sind denn die Menschen?“

Wenn Susanne Gittus, die Leiterin der Betreuungsgruppe der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg in Stuttgart-Birkach, vom März erzählt, ahnt man, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen hatte: Es gab keine Betreuungsangebote mehr, die ehrenamtlichen Besuchsdienste wurden eingestellt, Physio- und Ergotherapien mussten pausieren, von Chören und einem seniorengerechten Sportangebot ganz zu schweigen. „Viele Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen fühlten sich alleingelassen und zunehmend isoliert“, so Gittus.

Hinzu kommt, dass Menschen, die an Demenz erkrankt sind, oft nicht mehr in der Lage sind, den Sinn von Schutzmaßnahmen kognitiv zu erfassen: Susanne Gittus berichtet von einem Mann, der immer wieder den Sinn des Mund-Nasen-Schutzes schlicht vergisst: „Der Lappen vor der Nase stört mich“, so beschwere er sich dann, „warum muss ich den tragen?“ Und eine alte Frau wundere sich wieder und wieder über den Mindestabstand: „Wir sind doch immer bei einander gesessen.“

Ein Mensch mit Demenz lebt von Ritualen

Als Susanne Gittus im Juni die Gäste ihrer Betreuungsgruppe wieder treffen konnte, „hatten sich manche sehr verändert“. Der Grund aus Sicht der Gruppenleiterin: „Menschen mit Demenz brauchen vertraute Abläufe und Rituale, die ihnen Sicherheit geben. Im Frühjahr fehlte diese Vertrautheit und mit den fehlenden Strukturen gingen auch Fähigkeiten verloren.“ Seit Juni sind Betreuungsangebote wieder möglich, der häusliche Besuchsdienst ist wieder im Einsatz, um pflegende Angehörige zu unterstützen.

Ronald Bachmann, der Leiter des Awo-Seniorenzentrums Sonnenhalde in Leinfelden-Echterdingen, hat die härteste Zeit in seinem Pflegeheim im Mai und im Juni erlebt, als die Demenzstation wegen mehrerer Corona-Fälle unter Quarantäne stand. Besuche von außen waren in dieser Zeit nicht mehr möglich, Pflegekräfte durften sich den Senioren nur noch mit Schutzbrille und Maske nähern: „Das war bei aller Freundlichkeit eine Begegnung der dritten Art“, erinnert sich Bachmann.

Auf der Demenzstation sei es in dieser Zeit immer ruhiger geworden, die Bewohner hätten sehr zurückgezogen reagiert: „Es war jeder in seiner Welt – mit einem gewissen Fatalismus.“ Anfang Juli habe man das Haus dann „sukzessive geöffnet“, seitdem können Bewohner des Heims „ein bis zwei Besucher pro Tag“ empfangen, sagt Bachmann. Zwar seien Gruppen, die sich treffen, aus Hygienegründen nur halb so groß wie vor der Pandemie, „und die Pfarrer sind wieder im Haus, sie feiern jetzt kleine Andachten statt große Messen“, aber „für unsere Bewohner ist es wichtig, dass Begegnung möglich ist“.

Vertraute Personen sind wichtig

Seit der Wiedereröffnung seien, so Bachmann, „Wiedererweckungen aus der Lethargie möglich gewesen“, doch dies erfordere aktive Arbeit. Es möge Heime geben, die striktere Zugangsbeschränkungen implementiert hätten, so der Leiter des Awo-Seniorenzentrums Sonnenhalde, „wir müssen angemessen reagieren, aber immer verhältnismäßig“. Dies bedeute unter anderem, dass Besucher, die das Heim mit ihrer privaten Mund-Nasen-Bedeckung betreten, diese gegen medizinische FFP2-Masken tauschen müssen.

In der Filderklinik in Filderstadt stellt indes die dortige Pflegedienstleiterin Carola Riehm fest, „dass Pflegeheime aktuell sehr zurückhaltend sind, was die Einweisung demenzkranker Menschen in die Klinik angeht“. Für Menschen mit Demenz sei die gewohnte Umgebung sehr wichtig. „Wenn ein Krankenhausaufenthalt nicht umgänglich ist, versuchen wir, die betroffenen Patienten nach der Behandlung so schnell wie möglich zu entlassen“, teilt die Filderklinik auf Anfrage unserer Zeitung mit. Menschen mit Demenz würden zur Risikogruppe gehören, könnten die Gefahr einer Ansteckung jedoch kaum erfassen, so Carola Riehm.

Menschen mit Demenz würden Zuwendung, Kontakt und Ansprache benötigen – am besten durch ihnen vertraute Personen, teilt die Filderklinik mit: „Deshalb haben wir in der Klinik Sonderregelungen für betroffene Patienten. Bei ambulanten Untersuchungen dürfen Demenzkranke von einer ihnen vertrauten Person begleitet werden. Unsere Besucherregelung besagt, dass jeder Patient einmal täglich von einer Person für eine Stunde besucht werden darf. Auch hier ist es aber so, dass unsere Ärzte und Pflegenden je nach Grad der Demenz Sonderregelungen aussprechen können.“




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