Coronabedingt Die Locken vergangener Jahrzehnte sind wieder da

Von Thomas K. Slotwinski 

In Friseursalons ist Hochbetrieb. Auch viele Männer drängt es endlich an die Schere.

Präzisionsarbeit mit Abstand: Miriam Roksandic am Kunden. Foto: factum/Simon Granville
Präzisionsarbeit mit Abstand: Miriam Roksandic am Kunden. Foto: factum/Simon Granville

Leonberg - Also gut, um 19 Uhr geht noch was.“ Selbst Stammkunden kann Melanie Bourutzis keine große Terminauswahl anbieten. Nachdem die Friseure seit dieser Woche wieder öffnen dürfen, steht auch in ihrem Salon in der Leonberger Altstadt das Telefon nicht still. Nach siebenwöchiger Zwangspause drängt es die Menschen zum Haarschnitt.

Längst nicht nur Frauen. „Das Verhältnis war am ersten Tag ausgewogen“, erzählt die Chefin. „Die Hälfte unserer Kunden waren Männer“, berichtet sie, während sie zwischendurch eine Anruferin auf die nächste Woche vertröstet.

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„Wir arbeiten schon von 8 Uhr morgens bis 20 Uhr abends, aber die Tage sind knackevoll“, blickt Melanie Bourutzis auf die kommenden ausgebuchten Wochen.

Wie in Jugendtagen

Deshalb ist der männliche Stammgast froh, dass er überhaupt einen Termin bekommen hat. In den vergangenen Tagen hat er sich arg an seine Jugend erinnert gefühlt. Weniger wegen möglicher nostalgischer Erlebnisse, dafür aber mit Blick auf seine Haartracht umso mehr. Dass er vor fast vier Jahrzehnten als junger Redaktionsvolontär eine üppige Lockenpracht hatte, hat der nunmehrige Freund flotter Kurzhaarschnitte längst verdrängt. Doch die Locken sind wieder da.

Aber nicht mehr lange! Zu abendlicher Stunde betritt der Kunde den Salon. Ums Eck, am Marktplatz, ist es leer, bei Meli ist es voll. Die Haarpracht einer Dame ist unter Folien verborgen, hinten wird einer anderen der Kopf gewaschen. Ein Mann, von seiner Kopfbehaarung weitgehend befreit, verlässt strahlend das Geschäft.

Erst Hände desinfizieren, dann Haare waschen

Miriam Roksandic begrüßt ihren späten Kunden mit gediegenem Abstand: „Haben Sie sich schon die Hände desinfiziert?“, fragt sie nicht streng, aber bestimmt, und deutet auf eine kleine Flasche direkt am Eingang. Ach so...

Dann geht’s zum Haarewaschen. Ist Vorschrift. Das Becken ganz hinten ist weit genug weg. „Können Sie Ihre Maske gerade selbst halten?“ Ja, klar, die Bänder sind beim Waschen eher störend.

Zwangspause genutzt

Viel geredet werden darf während der Behandlung nicht. Aber einen kleinen Hinweis auf die neue Einrichtung gibt die Friseurin doch. „Wir haben die Zwangspause genutzt, um unseren Salon zu renovieren.“ Tatsächlich: Alles sieht schöner, irgendwie großzügiger, aus. Auch die einzelnen Plätze sind neu geordnet. Der männliche Kunde hatte anfangs gedacht, das wäre eine besonders kreative Form von coronabedingten Umbauten.

Während sein Blick noch über neue Spiegel und frisch gestrichene Wände wandert, ist der Großteil der Locken schon ab. Jetzt sieht es wieder aus, wie vor sechs Wochen. Das übliche Beschneiden der Augenbrauen muss aber wegfallen. Kosmetische Korrekturen sind verboten.

An der Kasse geht es nicht nur ums Geld. Der Kunde muss seine Adresse und Telefonnummer angeben und per Unterschrift die Verweildauer im Salon bestätigen. Knapp 40 Minuten. Etwas länger als sonst, aber immer noch recht schnell. Der nächste Schneidwillige wartet schon.




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