Coronavirus in Stuttgart Hotel-Betreiber fordern mehr Staatshilfen

Von Josef Schunder 

Die Betriebe im Gastgewerbe leiden unter der Corona-Krise. Die Hilfen reichen nicht zur Rettung von Hotels und Restaurants in Stuttgart, befürchten viele.

Auch das Hotel Graf Zeppelin ist geschlossen. Die Schließzeit wird für Renovierungen genützt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Auch das Hotel Graf Zeppelin ist geschlossen. Die Schließzeit wird für Renovierungen genützt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Das Coronavirus erzwingt fast überall Stillstand. Jetzt zeigt sich: Es hat gerade auch einige Flaggschiffe der Hotelbranche lahmgelegt. Ob das Steigenberger-Hotel Graf Zeppelin oder das Schlossgartenhotel beim Hauptbahnhof, das unweit gelegene Le Méridien oder das Steigenberger-Hotel Jaz in the City im Europaviertel, ob das neue Mövenpick-Hotel Messe und Congress bei der Landesmesse oder das Arcotel Camino an der Heilbronner Straße: Sie alle firmieren in der Übersicht der Stuttgart Marketing GmbH zurzeit als geschlossen.

Das geht bei manchen bis 19. April, bei anderen bis in die erste Maiwoche. Es wird sich vielleicht verlängern, falls die Reisebeschränkungen ausgedehnt werden. Da und dort gibt es noch den einen oder anderen Geschäftsreisenden oder Dauerkunden, der reisen darf. Privatreisen sind untersagt. Manche kleinere Hotels mit weniger Personalkosten und mit Gästen wie Monteuren und Geschäftsreisenden versuchen unter Betrieb mit der Situation zurechtzukommen.

„Ich schätze, dass gut 70 Prozent der Stuttgarter Hotels den Betrieb eingestellt haben“, sagt Armin Dellnitz, Chef von Stuttgart Marketing. Die anderen hätten Auslastungen von vielleicht 20 bis 30 Prozent – „wenn überhaupt“. Der Tourismus sei schlichtweg zum Erliegen gekommen.

Ob wohl alle Betriebe überleben können?

Die Lage der Hotelbranche ist verzweifelt, das illustrierte auch Jürgen Köhler, Direktor der beiden Mövenpick-Hotels bei der Messe und beim Flughafen. „Derzeit kann man fast behaupten, dass die Beschreibung Katastrophe auf die Hotellerie und Gastronomie nicht mehr passt. Kollegen und Freunden steht das Wasser förmlich bis zum Hals, und man darf sich die Frage stellen, wen man nach dieser Notlage in der altbewährten Form wieder antreffen wird“, schrieb Köhler vor fast zwei Wochen an Geschäftspartner – und seither wurde nichts besser. Sein Messehotel ist geschlossen, und im Airport-Hotel seien nur noch vereinzelt Zimmer belegt.

Lesen Sie hier: Corona-Krise lässt Einnahmen wegbrechen

Die Hoteldirektoren kämpfen darum, die Betriebe von Kosten zu entlasten, aber sich nicht endgültig vom Personal zu verabschieden. „Wir haben lang gebraucht, alle unsere Stellen zu besetzen, und es wäre fatal, müssten wir uns von den Mitarbeitern in dieser Phase trennen“, sagt Köhler, der für alle Kurzarbeit angemeldet hat. Und Markus Hofherr, Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga, hat für den von ihm geführten Hotelbetrieb in Böblingen Mitte März bis auf acht Mitarbeiter allen gekündigt, weil die Lage dramatisch war und der Kündigungstermin bevorstand, inzwischen aber 60 Prozent der Gekündigten „in Kurzarbeit 100 Prozent“ geholt.

Kurzarbeit ist in der Hotelbranche angekommen

Die Kurzarbeit ist in dieser Notlage „ein wirksames Instrument“, urteilt der Dehoga-Landesverband. Er spricht von einer „überraschend“ starken Nutzung, gerade auch durch kleine und mittlere Betriebe. Bei einer Umfrage unter 2485 Mitgliedern aus Hotellerie und Gastronomie im Land ergaben sich bei den Betrieben zwischen fünf und 50 Beschäftigten Quoten von 61,8 bis 97,2 Prozent. Bei den noch größeren Betrieben sind es 98,8 Prozent. Bei früheren Krisen sei das gerade im Bereich der kleinen und mittleren Betriebe ganz anders gewesen. Diesmal aber hätten nur knapp 23 Prozent der Umfrageteilnehmer das Prozedere der Beantragung als problematisch empfunden. Fazit: „Das Krisenhilfe-Instrument Kurzarbeitergeld ist im Gastgewerbe angekommen.“ Auch die Möglichkeit der Stundung von Steuerzahlungen und Sozialabgaben werde rege genutzt. Die Behörden verhielten sich meist unbürokratisch.

Lesen Sie hier: OB Fritz Kuhn: „Inzwischen tragen wir im Krisenstab Schutzmasken“ (Plus)

Anders empfindet man das bei der Corona-Soforthilfe, in der Bund und Land ihre Hilfen bündeln. Außerdem bräuchte man hier ein Mehrfaches der Beträge, ergab die Umfrage. Alles andere als rund laufe es auch bei den staatlich geförderten Liquiditätsdarlehen. Da klemmt es offenbar bei Hausbanken, die bei ihrem Part von zehn Prozent Kreditsumme Bedenken hätten. Unterm Strich sei das Ergebnis der Umfrage „alarmierend“: 88 Prozent der Befragten hielten die bisherigen staatlichen Hilfen für nicht ausreichend, um ihren Betrieb sicher durch die Krise zu führen. Der Dehoga im Bund ruft daher nach einem Rettungsfonds, bei dem sich die Zahlungen am Schaden orientieren und nicht zurückbezahlt werden müssen. Außerdem solle die Mehrwertsteuer auf gastronomische Umsätze jeder Art gesenkt werden.

Investitionsfreudige Betriebe sind bedroht

Daniel Ohl, Sprecher des Landesverbands, sieht auch gut aufgestellte Qualitätsbetriebe in Not, die mitten in einer Investitionsphase waren: „Einen kompletten Umsatzausfall über viele Wochen hat niemand im Businessplan vorgesehen.“

Noch weiß niemand, wie und wie schnell die Branche zu alter Stärke zurückfinden kann. Etwa im September erwarte er sich ein Wiederanziehen des Tagungsgeschäftes mit Effekten für Hotels und Gastronomie, sagt der Dehoga-Kreisvorsitzende Hofherr. Aber er frage sich, wie es funktionieren soll, falls die Hotels von Mai bis September nur zu 20 oder 25 Prozent belegt wären. Denn hohe Kosten für Personal, Reinigung, Strom und Heizung blieben ja, auch wenn man gerade mit den Vermietern über Mietsenkungen verhandle. „Die Hotellerie steht mit dem Rücken zur Wand“, sagt Hofherr, „vielleicht kann sie nicht gleich die gewohnten Leistungen bieten. Vielleicht werden Gäste mit Einschränkungen leben müssen.“

Erste Schutzunterkünfte in Hotels

Unterdessen werden erste Gästezimmer in Stuttgart anders genutzt. Die Stadt nimmt jetzt drei angemietete Schutzunterkünfte in Betrieb – für Menschen, die direkt oder mittelbar vom Coronavirus Sars-CoV-2 betroffen sind. Da geht es beispielsweise um Infizierte, für die Quarantäne angeordnet wurde mit zusätzlichem Unterstützungsbedarf. Oder um Menschen, die sich wegen Infektionsverdachtes in häusliche Isolation begeben müssen, aber in Gemeinschaftsunterkünften wohnen. Weitere Plätze könnten kurzfristig geschaffen werden, wenn das Gesundheitsamt Bedarf anmelde, erklärte ein Sprecher der Stadt.

Sonderthemen