InterviewCoronavirus in Stuttgart Dehoga: „Das trifft uns ins Herz“

Seit Wochen ein trauriges Bild: Auch vor dem Grand Café Planie am Karlsplatz müssen die Stühle leer bleiben. Foto: Lg/Leif Piechowski
Seit Wochen ein trauriges Bild: Auch vor dem Grand Café Planie am Karlsplatz müssen die Stühle leer bleiben. Foto: Lg/Leif Piechowski

Der Einzelhandel darf in Teilen wieder seine Läden aufschließen. Wann und wie die gastronomischen Betriebe weiter wirtschaften dürfen, ist unklar. Der Sprecher des Dehoga Baden-Württemberg, Daniel Ohl, fordert die Politik zu weiteren Hilfen auf.

Lokales: Matthias Ring (mri)
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Stuttgart - Von der Pleite sind Betriebe aller Größen bedroht, so Daniel Ohl, Sprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga: Große Betriebe, die modern aufgestellt sind, sowie kleinere Betriebe mit geringen Fixkosten.

Herr Ohl, in den Beschlüssen von Bund und Ländern ist eine Wiedereröffnung der Gastronomie nicht in Aussicht gestellt. Wie sehen Sie die Lage?

Die Lage ist extrem ernst. Wir bekommen sehr viele frustrierte, wütende Reaktionen von Mitgliedsbetrieben. Die Politik hat ja weder etwas zum Zeitpunkt möglicher Lockerungen gesagt noch Zusagen für zusätzliche Unterstützung gemacht. Wir wissen, dass viele Betriebe nur noch für wenige Wochen Liquidität haben. Wir sagen das nicht leichtfertig, aber wir rechnen damit, dass wir ein Drittel, das wären im Land 10 000 gastgewerbliche Betriebe, verlieren, wenn nicht ganz schnell Hilfe von der Politik kommt.

Die bereits gezahlten Soforthilfen reichen also nicht aus?

Was bisher an Hilfsmitteln geflossen ist, ist bei weitem nicht ausreichend. Die Soforthilfen gehen von 9000 bis 30 000 Euro und sind eine Einmalzahlung. Eine Umfrage bei unseren Mitgliedsbetrieben belegt, dass der Mindestliquiditätsbedarf, den die Unternehmen zum Überleben benötigen, circa beim Vierfachen dessen liegt, was die Soforthilfe maximal auszahlt. Das gilt für alle Betriebsgrößen-Klassen. Wenn die Politik verhindern will, dass ein großer Teil unseres gastronomischen Angebots definitiv wegbricht, dass Betriebe, die zum Teil über Generationen aufgebaut wurden, zugrunde gehen, dann muss deutlich mehr kommen.

Sind kleinere Betriebe mit geringeren Fixkosten weniger bedroht als große Betriebe?

Es betrifft Betriebe aller Größen und auch nicht nur Betriebe, die schwach aufgestellt sind. Es gibt gute Betriebe, die in den vergangenen Jahren kräftig investiert haben, da sind die Kreditlinien oft weitgehend ausgereizt. Betriebe, die top renoviert und modern aufgestellt sind, die trifft’s genauso. Damit möchte ich die irrige Annahme widerlegen: Wer nach wenigen Wochen schon umfällt, da wird’s auch vorher schon nicht so gut gelaufen sein. Es trifft eben auch die Starken und damit unser Tourismusland ins Herz. Wir reden hier nicht von einer normalen Rezession, in der der Umsatz um 20, 30 Prozent sinkt. Wir reden von einem Umsatzeinbruch von bis zu 100 Prozent.

Viele versuchen, sich mit der Umstellung auf Abholung und Lieferung über Wasser zu halten. Reicht das?

Die Branche tut, was sie kann, und hat viele gute Einfälle, um diese Krise zu überleben. Aber wir dürfen uns keine Illusionen machen: Auch erfolgreiche Anbieter von Liefer- und Abholdiensten sagen in ihrer ganz großen Mehrheit, damit holen sie vielleicht fünf bis zehn Prozent rein.

Wie sieht es bei den Krediten aus?

Wir wissen durch unsere Umfrage, dass viele große Schwierigkeiten haben, von ihrer Bank Geld geliehen zu bekommen, selbst dann, wenn weite Teile des Kredits durch Förderung gesichert sind. Da sind auch zehn Prozent Risiko den Banken noch zu viel.

Ihr Verband fordert nun ein staatliches Rettungspaket. Wie könnte das aussehen?

Das muss ein Entschädigungsfonds sein. Es entsteht ein enormer Schaden auf staatliche Anordnung, wenn auch aus guten Gründen. Aber dann muss der Staat auf der anderen Seite auch dafür sorgen, dass diejenigen, die jetzt keine Umsätze mehr machen dürfen aufgrund seiner Anordnung, entschädigt werden.

Viele Versicherungen scheinen eine zweifelhafte Rolle zu spielen. Einige springen wohl ein, andere nicht, auch wenn sich ein Gastronom gut abgesichert geglaubt hat.

Es gibt tatsächlich Versicherungsverträge, die keinen Schutz bieten in so einem Fall. Und die große Masse der Betriebe hat keine Betriebsschließungsversicherung. In der Summe aber muss man sagen, dass die Versicherungswirtschaft derzeit massiv Vertrauen verspielt in unserer Branche, wenn sie versucht, sich aus den Zahlungsverpflichtungen, die sie vermutlich in vielen Fällen hat, herauszunehmen. Das ist enttäuschend. Wir gehen davon aus, dass viele Unternehmen versuchen werden, ihren Rechtsanspruch einzuklagen, wenn sie die Krise überstehen.

Wenn dann wieder geöffnet werden darf, wie muss man sich das vorstellen? Abstand halten mit Mundschutz im Restaurant – da hat man surreale Bilder vor Augen.

Wir machen alles mit, was die Gesundheitspolitik für notwendig hält, akzeptieren jede medizinisch begründete Einschränkung. Wir empfehlen aber, die Maßnahmen sektorübergreifend zu treffen. Wenn 1,5 Meter Abstand in einem Gasthaus ausreichend sind, dann sind sie es auch in einem Café oder einer Eisdiele und umgekehrt. Wir wollen keinen Abgrenzungswirrwarr. Das Wichtigste ist der Gesundheitsschutz, aber man sollte beim Hochfahren aus den Holprigkeiten des Runterfahrens lernen, auch was das schwierige Nebeneinander von Bundesempfehlungen, Landesverordnungen und kommunalen Allgemeinverfügungen angeht. Das ist auch ein Appell, dass kommunal nicht noch das verschärft wird, was das Land verordnet.




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