Coronavirus in Stuttgart Die wilden Tiere sind aktuell die Gewinner

Von Armin Friedl 

Enten und Gänse in den Fußgängerzonen, Füchse und Marder in den Vororten: Die Wildtiere der Stadt stellen sich auf die neue Situation ein.

Enten machen sich auf den Weg in die Fußgängerzonen Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Enten machen sich auf den Weg in die Fußgängerzonen Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Fische in den Kanälen von Venedig, Delfine in den Häfen von Sardinien, Hirsche in japanischen Metropolen: Das sind derzeit ungewohnte Motive. Stuttgart hat das auch zu bieten, auch wenn es nicht gleich so spektakulär ist wie die genannten Beispiele.

Tiere ändern ihre gewohnten Wege

Wildtiere sind scheu und neugierig zugleich. Natürlich bekommen sie mit, dass jetzt viel weniger Menschen unterwegs sind als sonst. Das nutzen sie nun auch, indem sie ihre gewohnten Wege verlassen“, weiß die Naturschutzreferentin Lilith Stelzner vom BUND Stuttgart. Da denkt sie vor allem an die Enten, Gänse und Schwäne, welche die Parkseen in der Innenstadt bewohnen. „Man wird wohl immer häufiger erleben, dass man Enten jetzt auch tagsüber in den Fußgängerzonen begegnet“, so Stelzner.

Eine Gewöhnung werde das aber nicht, so die Referentin: „Fußgängerzonen und große Plätze haben ja nichts zu bieten als Lebensraum für diese Tiere, deshalb werden sie da nicht bleiben“. Mit Prognosen sollte man derzeit freilich vorsichtig sein, vieles sei hier noch am Anfang der Entwicklung.

Nahrungsopportunisten kommen gut zurecht

Ähnliches gilt für Tiere wie Füchse oder Marder, die auf jeden Fall in den Stuttgarter Vororten im Grünen schon länger zum festen Bestandteil gehören. Daran werde sich auch nichts ändern in absehbarer Zeit, so Nadja Michler von der Tierrechtsorganisation Peta Stuttgart: „Die müssten eigentlich ganz gut zurechtkommen. Denn das sind Nahrungsopportunisten. Wenn die Menschen jetzt mehr zuhause sind, finden die jetzt schnell Alternativen.“ Füchse und Marder sind nicht wählerisch bei der Nahrung und stellen sich auch schnell um.

Tiernotdienst bleibt erreichbar

Das bestätigt gewissermaßen auch die Stadt Stuttgart. „Der städtische Tiernotdienst beobachtet weiterhin die wilden Tiere und er wird gerufen, wenn es Probleme gibt. Es sind aktuell keine Steigerungen oder sonstigen Entwicklungen erkennbar“, so der Stadtsprecher Martin Thronberens. Es gebe bis jetzt auch nicht mehr Anrufe von besorgten Bürgern. Thronberens benennt mit dem Tiernotdienst auch eine Stelle, die nach wie vor erreichbar ist bei Problemen mit Wildtieren. Und das Wildschwein ist beispielsweise noch nicht in den Stuttgarter Vororten aufgetaucht. In Städten wie Berlin oder München gehört es längst zum städtischen Erscheinungsbild. In Tübingen hatte im März eine Wildschweinrotte von sich Reden gemacht, als sie eine vierspurige Kreuzung überquerte.

Für Peta-Mitarbeiterin Michler sind die Tiere die Gewinner: „Die Luft wird besser, das Wasser ebenso, die Vögel finden jetzt besser Samen als Nahrung.“ Ihr Appell: „Wir sollten dies zum Anlass nehmen, über unseren Umgang mit Wildtieren nachzudenken.“ Nach wie vor sei es ja so, dass die industrialisierte Landwirtschaft den Lebensraum von Vögel und Insekten vernichte. Stelzner plädiert für einen gelasseneren Umgang: „Betrachten wir doch einfach mal aus guter Distanz, was diese Tiere so machen. Das ist hoch interessant.“

Meinungsstreit bei den Stadttauben

Beim Thema Stadttauben gehen die Meinungen auseinander. Vor allem Taubenschützer rufen derzeit verzweifelt dazu auf, sich für eine Lockerung des Fütterungsverbots einzusetzen. Sie befürchten den Hungertod der Tauben, wenn nun auch die Nahrungsreste wegbleiben, welche die Menschen oft unachtsam zurücklassen auf den Straßen und Plätzen. Unterstützung bekommen sie von Peta: „Diese Tauben sind verwilderte Haustiere oder ehemalige Zuchttauben. Sie sind auf die Ernährung durch uns angewiesen. Und deshalb sind sie auf die Ernährung durch den Menschen angewiesen.“ Eine Lockerung des Fütterungsverbots hält Peta für notwendig.

Anders ist die Sicht beim BUND: „Große Städte wie auch Stuttgart haben ein Taubenmanagement. Deren Ziel ist, die Population zu kontrollieren, durch Taubenschläge oder -türme. Und das funktioniert im Großen und Ganzen gut, auch jetzt“, so Stelzner. Die Besorgnis über die Tauben kann sie dennoch nachvollziehen: „Es ist ja jetzt nun mal so, dass viele Plätze quasi menschenleer sind. Aber die Tauben sind noch da. Sie fallen also viel mehr auf als bisher, das macht einen großen Unterschied aus.“ Eine Lockerung des Fütterverbots hält sie deshalb nicht für notwendig. Das wird auch von der Stadt so gesehen: „Alle geschützten und wildlebenden einheimischen Tiere bedürfen keines gesonderten Schutzes und keinesfalls einer Fütterung. Eine Lockerung des Fütterungsverbots der Tauben ist nach Rücksprache mit den Veterinären und nach Einschätzung der Tierschutzbehörde nicht erforderlich“, so Sprecher Thronberens. Und er denkt noch weiter an andere Arten: „Die derzeitigen Amphibienschutzmaßnahmen, also die Betreuung der Wanderstrecken etwa von Fröschen zu ihren angestammten Laichgewässern über Straßen, laufen weiter und werden überwiegend ehrenamtlich betreut. Hier halten wir Kontakt und sind im Austausch mit den Helfern.“

Ratten haben ein üppiges Nahrungsangebot

Mit anderen tierischen Bewohnern der Stadt hat es der Schädlingsbekämpfer Stephan Burkhardt zu tun. Er verzeichnet derzeit eine deutliche Verschiebung seiner Arbeitsaufträge: „Mit der klassischen Schädlingsbekämpfung haben wir nun wenig zu tun. Dafür sind wir gut beschäftigt mit der Desinfektion von großen Hallen und Räumen“. Die Aufträge kommen überwiegend aus der Industrie: „Das ist vor allem dann, wenn ein Corona-Fall in der Firma aufgetreten ist“, so Burkhardt. Sein Lager sei auch noch gut gefüllt für weitere solche Aufträge.

Bei seiner „klassischen“ Kundschaft, den Ratten, macht er ähnliche Beobachtungen wie die Natur- und Tierschützer: „Jetzt sind viel weniger Menschen unterwegs, da trauen sie sich mehr raus. Man kann sie jetzt auch öfters tagsüber sehen.“ Das ist für ihn aber kein Grund zur Besorgnis, die Ratten würden nun vermehrt in Häuser oder Wohnungen eindringen. Burkhardt: „Nach wie vor werden viel zu viele Essensreste über die Toilette runtergespült. Das landet alles in der Kanalisation. Und dort ist das Nahrungsangebot für Ratten immer noch mehr als üppig.“ Und jetzt mit Beginn der wärmeren Jahreszeit ziehe es die Ratten eh weniger in menschliche Behausungen.

Die Menschen vermissen die Tiere der Wilhelma

Ein ganz beschauliches Leben haben da jetzt die Tiere in der Wilhelma, nachdem auch diese für den Publikumsverkehr gesperrt ist. „Die Menschen vermissen sie nicht“, so der Sprecher Florian Pointke, „wir haben einen Notfallbetrieb, der dafür sorgt, dass genügend Pfleger da sind. Die beschäftigen die Tiere gut und sorgen für deren Wohlergehen.“ Keine leichte Aufgabe bei rund 11 000 Individuen aus 1200 Arten. Aber Pointke beruhigt: „Alles läuft gut, es gab bisher keine außergewöhnlichen Vorkommnisse.“ Eher sei es so, dass die Menschen die Tiere vermissen. Pointke: „Wir bekommen jeden Tag besorgte Anrufe, wie es den Tieren ergeht und wann wir wieder öffnen.“ Und für genügend Nahrung sei auch gesorgt. Und das ist auch keine leichte Aufgabe, denn täglich werden dort etwa 1,1 Tonnen verputzt, sowohl Fleisch, Gemüse aber auch Fisch oder Getreide.




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