Coronavirus und ÖPNV Bei Schülerbussen zeichnen sich Engpässe ab

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Das Land Baden-Württemberg stellt zehn Millionen Euro Förderung für Zusatzbusse für Schüler zur Verfügung. Derzeit stellen sich allerdings viele die Frage, ob dieses Geld überhaupt etwas bringen kann. Denn es klemmt vor allem anderswo.

An einer Bushaltestelle in Leinfelden steigen Schüler in den Bus. Wie viele werden es im Herbst sein? Foto: Archiv/Natalie Kanter
An einer Bushaltestelle in Leinfelden steigen Schüler in den Bus. Wie viele werden es im Herbst sein? Foto: Archiv/Natalie Kanter

Filder/Esslingen - Am ersten Schultag nach den Sommerferien ging es eng zu im Schulbus von Stetten nach Leinfelden. Martin Klein ist wie immer zu Fuß zur Immanuel-Kant-Realschule gegangen, er ist dort Lehrer. Der Schulbus, der an ihm vorbeigefahren sei, sei überraschend voll gewesen, erzählt Klein. Er hat das auch in der jüngsten Sitzung des Sozialausschusses erzählt, dort sitzt er als Stadtrat für die Grünen. Auch Schüler hätten ihm berichtet, dass sie sich gewundert hätten. In der Schule gehe alles so streng zu, und im Bus sei an Abstand nicht zu denken. Auch auf Facebook tauschten sich Eltern zu Beginn der ersten Schulwoche über proppenvolle Schulbusse auf den Fildern aus.

Das Problem in Leinfelden-Echterdingen sei wohl gewesen, dass die Verstärkerbusse ausgefallen seien, berichtet Klein. Verstärkerbusse, die normalerweise auf dieser Route zu Schulzeiten fahren.

Abgesehen von diesen regulären Verstärkerbussen werden nun weitere Busse in Aussicht gestellt. „Infektionsschutz beginnt nicht erst in der Schule“, heißt es in der Pressemitteilung seitens des Verkehrsministers Winfried Hermann. „Um Schülerinnen und Schüler auf dem Schulweg vor einer Corona-Ansteckung besser schützen zu können, müssen sie sich auf mehr Busse verteilen können.“ Das Land Baden-Württemberg hat am ersten Schultag kundgetan, dies mit zehn Millionen Euro zu fördern. Das Land übernehme 80 Prozent der Kosten, die den Landkreisen dadurch entstünden.

„Der Busmarkt ist ausgelutscht“

Einer, der sich das mit den Sonderbussen nicht so recht vorstellen kann, ist Ulrich Fauth, stellvertretender Gesamtelternbeiratsvorsitzender in Filderstadt. „Die Frage ist nicht: Braucht man’s? Die Frage ist: Kann man’s? Der Busmarkt ist ausgelutscht.“ Er weiß das so genau, weil es in und um Filderstadt in letzter Zeit unrund lief mit den Bussen. Zu wenig moderne Fahrzeuge, zu wenig Fahrer, so der Eindruck vieler Fahrgäste. Es kam immer wieder zu Verspätungen oder Komplettausfällen. Das Chaos ging so weit, dass sich alle Beteiligten an einem runden Tisch zusammensetzten, um Lösungen zu finden.

Im Landkreis Esslingen werde aktuell geprüft, wie viele Zusatzfahrzeuge wegen Corona nötig wären, sagt die Sprecherin Andrea Wangner. Mit den Zahlen – auch in Leinfelden-Echterdingen und Filderstadt – rechnet man diese Woche. Jedoch stellt man sich auch beim Landkreis die Frage, woher die Fahrzeuge kommen sollen, für die jetzt Geld da ist.

„Ob und wie die SSB reagieren wird, können wir noch nicht sagen“, sagt Birgit Kiefer, Sprecherin der Stuttgarter Straßenbahnen. „Wir geben zu bedenken, dass die SSB derzeit 100 Prozent ihres regulären Angebots fährt – und dass nur ein Teil der Linien in Filderstadt und L.-E. von der SSB bedient wird.“ Die Deutsche Bahn, deren Tochter Friedrich-Müller-Omnibus Linien auf den Fildern bedient, teilt mit: „Bestellt der Aufgabenträger zusätzliche Fahrten, bieten wir diese an, wenn ausreichend Fahrzeuge und Fahrpersonal zur Verfügung stehen.“

Das Land zeigt sich verwundert ob der Kritik

„Dass nun die erste Reaktion Kritik ist, lässt doch eher verwundern“, heißt es seitens des Verkehrsministeriums auf Nachfrage unserer Zeitung. Stadt- und Landkreise seien verantwortlich für die Schülerbeförderung. In den vergangenen Tagen und Wochen sei gemeinsam an dem Förderprogramm gearbeitet worden. Sie „hatten die Möglichkeit, bereits frühzeitig zusätzliche Busse zu bestellen oder frühzeitig für zusätzliche Fördermittel vom Land zu werben“, so eine Ministeriumssprecherin.

Unabhängig von der Umsetzbarkeit fragen sich viele, warum ausgerechnet zu den Herbstferien mit der Förderung der Zusatzbusse Schluss sein soll. Schließlich steigen dann sicherlich mehr Schüler vom Rad auf den Bus um. Noch könne er nicht klagen, sagt Ulrich Fauth vom Gesamtelternbeirat in Filderstadt. „Meine Tochter hat Platz zum Tanzen im Bus.“ Sie fahre von Hartenhausen nach Sielmingen zur Schule. Demnächst, wenn es draußen grauer wird, dürfte sich das Blatt wenden.

Das Ministerium hat angekündigt, das Programm möglicherweise zu verlängern – wenn die Zusatzbusse zu einer spürbaren Entspannung beitragen. Doch zunächst müssen sie wohl gefunden werden.




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