Das Zahnradbahngespräch mit Prominenten aus dem Sport: diesmal die herzergreifende Geschichte von Daniel Engelbrecht, dem ersten deutschen Fußballer mit einem implantierten Defibrillator.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Peter Stolterfoht (sto)

Stuttgart - Programmänderung! Das Zahnradbahngespräch mit einem Spieler der Stuttgarter Kickers kann nicht am Marienplatz beginnen. Dieser Club gehört nach oben, nach Degerloch. Der veränderte Ausgangspunkt passt auch viel besser zu Daniel Engelbrecht. Erst die Talfahrt hinunter in den Kessel und dann zurück nach oben. Erst der Tiefpunkt, dann der Höhepunkt. So verläuft diese ganz besondere Geschichte von Daniel Engelbrecht, die er mit diesem Satz beginnen lässt: „Fußball ist mein Leben, Fußball wäre beinahe mein Tod gewesen.“ Es werden zwei Gesprächsstunden folgen, in denen der 24 Jahre alte Kölner mit seiner Eloquenz, seiner Offenheit, seinem Lebensmut und seiner Überzeugung beeindruckt.

Es ist der 20. Juli 2013. Im Drittligaspiel der Stuttgarter Kickers gegen Rot-Weiß Erfurt bricht Daniel Engelbrecht zusammen. „Meine Beine haben angefangen zu zittern, ich hatte keine Kontrolle mehr über meinen Körper, um mich herum wurde es schwarz und dann ganz still.“ Er wird ohnmächtig. In diesem Moment hört das Herz von Daniel Engelbrecht zum ersten Mal auf zu schlagen. Er kann reanimiert werden. Es ist ein heißer Tag, 30 Grad, ein Hitzschlag, so wird vermutet. Im Spiel gegen Kiel treten kurze Zeit später aber ähnliche Symptome auf, dieses Mal ohne die ganz dramatischen Folgen – wenn bei einem Puls von 20 davon die Rede sein kann.

Daniel Engelbrecht kommt ins Krankenhaus und erhält auf der Intensivstation die Diagnose: Herzmuskelentzündung. Und die kann Herzrhythmusstörungen auslösen. „Alles klar, und wann kann ich wieder spielen?“, ist die erste Reaktion von Daniel Engelbrecht, der von den Ärzten erfährt, dass es ungewiss ist, ob er überhaupt je wieder trainieren kann. „Da ist meine Welt zum ersten Mal zusammengebrochen“, sagt er. Es ist eine Welt, in der Fußball die zentrale Rolle spielt. Obwohl er das Fachabitur und eine Ausbildung zum Bürokaufmann gemacht hat, kommt ein Bürojob für ihn nicht in Frage. „Ich kann nicht lange still sitzen, ich muss mich bewegen“, sagt er.

Unter Strom stehende Lebensversicherung

Im November 2013 stellt sich bei Nachuntersuchungen heraus, dass das Herz von Daniel Engelbrecht bleibende Schäden davongetragen hat. In ihm schlägt ein vernarbtes Herz, das aus dem Rhythmus gekommen ist. „Suchen Sie sich einen neuen Job“, sagen die Ärzte zu ihm. „Da bin ich komplett zusammengebrochen. Ich habe sie angefleht, darum gebettelt, nach einer Möglichkeit zu suchen, damit ich weiter Fußball spielen kann, auch wenn die Chance nur bei 0,1 Prozent liegt.“

Es folgt ein Monat, in dem sich Daniel Engelbrecht immer wieder die Frage stellt: Was ist der Auslöser dieser Krankheit? „Ich habe nie geraucht, nur ganz selten Alkohol getrunken, nie mit einer Erkältung Sport gemacht“, sagt er sich. Auch die Ärzte können ihm keine Erklärung liefern, dafür teilen sie ihm am 13. Dezember 2013 mit, dass es eine theoretische Chance gibt, wieder Fußball zu spielen. Ihm soll ein Defibrillator implantiert werden, der das Herz wieder aktiviert, wenn es aufhört zu schlagen. Daniel Engelbrecht willigt sofort ein. „Ich hätte alles getan, um meine Karriere fortzusetzen“, sagt er. Am 18. Dezember 2013 wird ihm diese unter Strom stehende Lebensversicherung, dieser Schrittmacher für sein stolperndes Herz, eingesetzt. Es folgen weitere Operationen, um den Ausgangspunkt der Herzrhythmusstörungen zu orten. Die Suche ist bei einsetzenden Störungen einfacher. Deshalb soll der Profisportler vor einem Eingriff Treppensteigen. Daniel Engelbrecht will es besonders gut machen und bringt sich damit fast um. Er sprintet im Krankenhaus in den zehnten Stock und wieder zurück. Und dann wieder diese Symptome, keine Kontrolle mehr über den Körper, Stille, Dunkelheit.

Der Schutzengel tut höllisch weh

Und plötzlich hat Daniel Engelbrecht die Gewissheit, dass er in diesem Moment sterben wird. „Es ist wirklich so, wie es beschrieben wird. Mein Leben ist vor mir abgelaufen. Ich sah mich als kleinen Jungen, als Jugendlichen.“ Dieser Film wird im letzten Moment angehalten – mit einem großen Knall. Daniel Engelbrecht wird gegen die Wand geschleudert. Er spürt eine Explosion und hat dann das Gefühl zu verbrennen. Der Defibrillator holt ihn mit 830 Volt ins Leben zurück – mit der siebenfachen Spannungskraft einer Steckdose. Er weiß jetzt, wie sich sein eingebauter Schutzengel anfühlt: höllisch.

Die Ärzte hatten ihn davor gewarnt, dass der Defibrillator auch starke psychische Probleme auslösen kann. Daniel Engelbrecht weiß jetzt auch , was sie damit gemeint haben. Er kann nach dem Vorfall drei Tage am Stück nicht schlafen und bekommt danach Panikattacken, die in eine Depression übergehen. Die Angst vor einem weiteren Stromschlag und dessen „brutale unvorstellbare Wucht“ macht ihn krank. Er kann nicht mehr allein sein, ist rund um die Uhr mit seiner damaligen Freundin und deren Mutter zusammen. Beide sind Krankenschwestern. „Dort habe ich mich noch am sichersten gefühlt“, sagt Daniel Engelbrecht, der beim Zahnradbahngespräch so viel Optimismus ausstrahlt.

Er nimmt irgendwann psychologische Hilfe in Anspruch. Er weiß aber heute nicht, ob sie ihm am Ende aus der Krise geführt hat. Er kann nur vermuten, wie bei der Trennung von seiner Freundin. In dieser Beziehung ist es über Monate nur um ihn und seine Krankheit gegangen ist. Das war wohl zu viel.

Daniel Engelbrecht glaubt an Gott, aber das hat er auch schon vor dieser Geschichte getan. Die nimmt dann irgendwann eine entscheidende Wendung.

Herz und Seele erholen sich

Darüber spricht Daniel Engelbrecht nach der Ankunft am Marienplatz im Café Kaiserbau bei einem Apfelsaftschorle. Seine Seele habe sich vom Defibrillatorschock erholt und sein Herz auch. Nach den Operationen kommt bei ihm vieles wieder in Einklang. Das Herz findet zurück in den Takt und pumpt plötzlich so leistungsstark wie nie zuvor. Er kann trainieren – mit einem kleinen Kunststoffpanzer über dem Herzen, um den Defibrillator vor Erschütterungen zu schützen. Und er erinnert sich an etwas: „Als ich schon mit einem Bein auf der anderen Seite stand, habe ich plötzlich bedauert, meinen Vater nicht kennengelernt zu haben.“ Zuvor hatte er nie dieses Bedürfnis, nachdem der Vater die im siebten Monat schwangere Mutter verließ.

Daniel Engelbrecht bekommt heraus, wo sein kanadisch-srilankischer Vater arbeitet und bekommt von seiner Mutter mit auf den Weg: „Du wirst in ihm leider nicht den finden, den du suchst.“ Das Treffen mit dem Vater wird zu einer Enttäuschung. Das Interesse an seinem Sohn wird erst geweckt, als er erfährt, dass der Profifußballer ist. Danach meldete sich der Vater manchmal telefonisch. „Darauf kann ich aber verzichten.“ Daniel Engelbrecht hat keine Lust, ihm Fußballgeschichten zu erzählen, er hätte ihm gerne gesagt, wie es ist, ohne Vater aufzuwachsen, schon als Kind dessen Rolle zu übernehmen, weil die Mutter arbeitet und sich jemand um die Halbgeschwister kümmern muss.

Wenn eine Niederlage bedeutungslos wird

Zurück in die Zahnradbahn, nach oben Richtung Degerloch. Bitte einsteigen für die Höhepunkte im Leben des Daniel Engelbrecht. Es beginnt in Ravensburg, wo die Kickers am 25. November 2014 im Pokal spielen. Dort feiert er sein Comeback – und das als erster deutscher Fußballprofi mit einem Defibrillator. Daniel Engelbrecht wird eingewechselt. Seine beiden Brüder sind aus Köln angereist. Sie weinen, als sie ihn nach dem Schlusspfiff glücklich sehen. Die Niederlage der Kickers? Die hat an diesem Tag auch für den Verein überhaupt keine Bedeutung. „Die Kickers haben mich während meiner Leidenszeit immer unterstützt, mir alle Zeit gegeben. Das ist keine Selbstverständlichkeit“, sagt Daniel Engelbrecht, der Horst Steffen hervorhebt. Der Trainer sei nicht nur fachlich, sondern auch menschlich großartig.

Seine Geschichte geht um die Welt

Ein Foto geht „Am 6. Dezember habe ich dann den emotionalsten Moment erlebt, der nicht mehr zu toppen ist“, sagt Daniel Engelbrecht und erzählt vom Spiel gegen den SV Wehen Wiesbaden. Wieder wird er eingewechselt, aber diesmal passiert das, wovon Engelbrecht geträumt hatte. Er erzielt den 2:1-Siegtreffer, reißt sich das Trikot vom Leib und zeigt sein T-Shirt, auf dem steht: „Nichts ist unmöglich“. Dieses Bild geht um die Welt. Von Italien über Spanien bis nach Brasilien ist es im Fernsehen und in den Zeitungen zu sehen.

Die Resonanz auf das Foto und seine Geschichte ist überwältigend. Er erhält unzählige Briefe. Vor allem berühren ihn die Reaktionen von Eltern, die ihm schreiben, dass er nun das Vorbild ihrer schwer kranken Kinder sei. „Das macht mich stolz.“ Zu Weihnachten hat er ihnen allen eine aufmunternde Videobotschaft geschickt.

Mittlerweile ist Daniel Engelbrecht wieder voll drin im Alltag eines Profifußballers. Für ihn ist trotzdem jeder Tag etwas Besonderes. Und das schreibt er auf. Nach dem Training arbeitet er an seiner Geschichte, die ohne den üblichen Ghostwriter entsteht. Einen Verlag hat er schon, im Herbst soll sein Buch erscheinen. Und dann ist er auch noch dabei, eine Spendenaktion für Kinder mit Herzerkrankungen und für Kinder mit Verbrennungen auf die Beine zu stellen. Zur Seite stehen ihm bei dieser Aktion seine Fußballfreunde Marco Höger von Schalke 04 und Ömer Toprak. Der Leverkusener erlitt 19-jährig bei einem Kartunfall schwerste Verbrennungen.

Die Zahnradbahn ist in Degerloch angekommen. „Ich muss mich jetzt beeilen, gleich fängt das Training an“, sagt Daniel Engelbrecht mit einem Lächeln – so als sei nichts geschehen.