Neuer Modetrend auf Social Media Dark Academia: Was steckt dahinter?

Von den Eliteuniversitäten inspiriert. Foto: Apple Kullathida / shutterstock.com
Von den Eliteuniversitäten inspiriert. Foto: Apple Kullathida / shutterstock.com

Teenager, die sich anziehen wie Oxford-Studenten in den 1930er-Jahren, schwere Literatur lesen und Kunstfilme schauen: Das steckt hinter dem neuen Mode- und Lifestyletrend aus den sozialen Medien.

Was ist denn das schon wieder?

Instagram und in letzter Zeit vor allen Dingen TikTok produzieren Trends in einem so rasanten Tempo, dass es als Außenstehender unmöglich scheint, hier noch Schritt zu halten. Eine der neuesten Schöpfungen nennt sich Dark Academia, zu Deutsch etwa: Dunkle akademische Welt. Trotz des düster klingenden Namens handelt es sich dabei in erster Linie um einen Mode- und Lifestyletrend, der an den formellen Kleidungsstil der 1930er- und 1940er-Jahre von Studenten altehrwürdiger Universitäten wie Oxford oder Yale angelehnt ist: Anzughosen, Hemden, Cardigans, karierte Röcke, elegante Lederschuhe und natürlich darf die großrahmige Brille nicht fehlen.

Das vorgestellte „dark“ rührt wohl von den Gebäuden im gotischen Stil mit ihren verwinkelten und dunklen Räumen, dem spät abendlichen Studieren bei Kerzenschein und den schwermütigen Gedanken, die mit dem Lesen tiefgründiger Klassiker einhergehen. Gleichzeitig dient Dark Academia auch als eine inoffizielle Genre-Bezeichnung für Bücher (und Geschichten im Allgemeinen), die im Rahmen eines akademischen Umfelds spielen.


Woher kommt der Trend?

Wie so oft kann man im Nachhinein kaum nachvollziehen, wo und wann solche Trends starten. Viel zu unübersichtlich und rasant sind die Entwicklungen auf den sozialen Medien, als dass man ihnen minutiös folgen könnte. Was gestern noch eine Nische für Sonderlinge oder elitäre Hipster war, kann morgen schon den nächsten Hype auslösen. TikTok ermöglicht seinen Nutzern in nie da gewesener Weise und in atemberaubender Geschwindigkeit ein Millionenpublikum zu erreichen. So hat sich der ungewöhnliche, leicht biedere Modetrend über kleine Videos und Blogposts ins Bewusstsein eines größeren Publikums geschlichen, das ihn jetzt immer weiter über das Internet verbreitet. Sieht man sich das Suchinteresse auf Google für Deutschland in den letzten 12 Monaten an, ist klar zu erkennen, dass der Trend auch hierzulande nicht unbemerkt blieb.


Quelle: Google Trends / Screenshot vom 26.11.2020 um 8:56 Uhr


Was macht Dark Academia aus?

Ähnlich wie beim Soft- oder E-Girl-Trend wird hier das Rad nicht neu erfunden. Stattdessen werden schon mal da gewesene Elemente einfach recycelt. Gibt die Gegenwart keine interessanten Entwicklungen her, orientiert man sich eben rückwärts und kleidet sich wie die Menschen aus der Vergangenheit. Im Falle von Dark Academia wie Privatschüler und Studenten elitärer Bildungseinrichtungen.

Aber der Trend hört nicht beim Kleidungsstil auf, denn auch die Werte dieser Eliteuniversitäten und -schulen fließen mit ein: Wissbegierde, Lerneifer, Fleiß, Aufgabe des hedonistischen Lebensstils zugunsten der Kunst, Poesie und Literatur. Hier werden Werte als Ideal angesehen, die in entgegengesetzter Richtung zum Bild der schnelllebigen, abgelenkten Spaßgesellschaft stehen, das auf Social Media oftmals verbreitet wird. Um tiefer in die herbeigesehnte Welt einzutauchen, bedienen sich die Anhänger des Trends Film, Literatur und Kunst. Den Film Club der toten Dichter könnte man als die Blaupause für Dark Academia bezeichnen. Aber auch andere Filmklassiker sowie einschlägige Literatur, Musik oder Kunst gehören zum Trend dazu. Es gibt ganze Auflistungen mit passenden Werken im Internet. Dark Academia lenkt das Rampenlicht auf den vergeistigten Intellektuellen, den es so in unsere Gesellschaft immer schon gab, und überspitzt dessen Eigenheiten. Gleichzeitig stellt man ihn auf ein Podest und versucht ihm nachzueifern.

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Dark Academia vs. Light Academia

Licht und Schatten gehören zusammen, so auch in der Mode. Light Academia könnte man als den leichtherzigeren, frohmutigen Zwilling von Dark Academia bezeichnen. Es geht mehr darum, die Annehmlichkeiten des Studierens zu genießen, also die freiheitlichen und sozialen Aspekte. Vom Kleidungsstil her ist für einen Laien aber nur schwer auszumachen, worin der Unterschied liegt. Die Farben sind vielleicht etwas heller, die Pullover nicht so altbacken und die Blusen moderner geschnitten. Vielleicht könnte man die beiden mit Lebensmitteln vergleichen: Wem der normale Joghurt zu schwer im Magen liegt, der greift zur fettarmen Lite-Variante.


Mehr Schein als Sein?

Der Vergleich mit dem vergeistigten Intellektuellen hinkt bei genauerer Betrachtung. Die Inszenierung und Romantisierung der akademischen Welt der 30er- und 40er-Jahre auf Social Media zielt in erster Linie auf die Ästhetik ab, alles andere wirkt fast wie notwendiges Beiwerk, das es braucht, um authentisch zu wirken. Dies ist natürlich in gewisser Weise der Funktionsweise solcher Medien geschuldet, nach dem Motto: „Wenn du es nicht auf deinem Instagram-Account postest, ist es nicht passiert.“ Je überspitzter und ästhetischer die Darstellung, desto interessanter das Bild. Um Aufmerksamkeit zu bekommen, muss man immer auch ein Stück weit übertreiben. Ansonsten geht man in der Fülle an Inhalten auf diesen Plattformen unter.

Allerdings wirft das auch die Frage auf, warum jemand, der vermeintlich so vertieft in das Studium von Literatur, Kunst oder Musik ist, Zeit übrighat, um darüber in den sozialen Medien ausführlich zu berichten. Darüber hinaus haftet solchen Mode-Lifestyle-Hybridtrends immer auch etwas Schablonenhaftes an, als gäbe es eine One-Size-Fits-All-Lösung, um zum realen Good Will Hunting zu werden. Dies ist jedoch ein generelles Problem von Social Media. Man denke nur an die Unzahl von vermeintlich erfolgreichen Business-Coaches, die angeblich alle das Geheimrezept zum Reichwerden entdeckt haben oder die selbsternannten Gurus, die den Weg zum Glück in kostenpflichtige Webinare und E-Mail-Kurse aufteilen. Ohne jegliche Qualifikation kann hier ein Lebensstil inszeniert werden, der mit der Realität nichts zu tun hat. Fake it till you make it.

Aber ebenso wenig wie man sich mit einer gefälschten Rolex und einem geliehenen Mercedes ein dickes Bankkonto herbeizaubern kann, kann man sich mit einer karierten Anzugshose und einer Nickelbrille Intellektualität überstreifen. Auf Social Media will jeder alles sein, ohne die Arbeit dafür zu tun. Du willst ein Intellektueller sein? Kleide dich wie einer. Du willst ein Guru sein? Rede wie einer. Du willst ein Geschäftsmann sein? Gib dich wie einer. Es wirkt fast so, als würde man nicht mehr wie früher nur seinen Kleidungsstil verändern, sondern seine gesamte Persönlichkeit. Die alte wird mitsamt den abgetragenen Klamotten im Recyclingcontainer entsorgt, bis irgendein Teenager in ferner Zukunft sie wiederentdeckt und einen neuen Trend startet.

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