Das Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien Der Hoffnung folgt die große Resignation

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In der jordanischen Wüste wurde vor vier Jahre das Flüchtlingscamp Zaatari in nur neun Tagen hochgezogen. Damals glaubten alle, dass der Krieg in Syrien schnell vorbei sein würde.

Die Kinder haben in Zaatari praktisch keine Perspektive auf eine gute Ausbildung. Foto: Krohn 7 Bilder
Die Kinder haben in Zaatari praktisch keine Perspektive auf eine gute Ausbildung. Foto: Krohn

Amman - In Zaatari gibt es eine kleine Anhöhe. Manchmal klettern die spielenden Kinder auf den Wassertank, der dort auf einem Stahlgerüst steht. An klaren Tagen können sie von ihrem Aussichtspunkt dann bis nach Syrien sehen, ein Land, das manche von ihnen nur noch aus den Erzählungen ihrer Eltern kennen. „Ich kann mich nicht an meine Heimat erinnern“, sagt der kleine Adel, „aber ich habe Heimweh – vor allem wenn meine Mutter weint.“

Zaatari ist inzwischen weltbekannt

Zaatari ist – nach der Hauptstadt Amman – die bekannteste Stadt in Jordanien. Immer wieder besuchen internationale Kamerateams diesen Flecken Erde in der unwirtlichen Wüste und senden Bilder in die Welt, die es eigentlich gar nicht geben sollte. Sie filmen das scheinbar rastlose Treiben auf dem Champs-Elysée, so nennen die über 80 000 Bewohner Zaataris die zentrale Einkaufstraße, die sich über fast einen Kilometer durch das Flüchtlingslager zieht. Hähnchen brutzeln in der Sonne, es duftet nach Falafel, an Gemüseständen werden Tomaten, Orangen und Zitronen verkauft. Ein paar Ecken weiter bietet ein Sportgeschäft Jogginganzüge an, daneben findet sich ein Verleih für Hochzeitskleider, der seine wallenden Träume in knallrot, quietschgelb und himmelblau werbewirksam vor der Ladentür platziert hat.

Adels Mutter Nabal lebt mit ihrem Mann und vier Kindern seit über drei Jahren in Zaatari. Als die syrische Armee begann, todbringende Fassbomben abzuwerfen, haben sie ihr Haus in der Region Daraa verlassen. „Wir waren überzeugt, dass wir schnell wieder zurückkehren können“, erzählt sie. Doch diese Hoffnung hat sich inzwischen zerschlagen. Sie habe längst keine Tränen mehr, um ihr Schicksal zu beweinen, sagt Nabal.

Die Hoffnungen haben sich zerschlagen

Der Tag, an dem mit dem Bau von Zaatari begonnen wurde, lässt sich genau benennen. Es war der 29. Juli 2012. Zehntausende Menschen flohen damals vor den heftigen Kämpfen in Syrien durch die Wüste in Richtung Jordanien. In nur neun Tagen wurde von der Regierung in Amman und den Vereinten Nationen das Camp aus dem Boden gestampft. Zelte wurden aufgestellt, die provisorische Stromversorgung eingerichtet und Toiletten aufgestellt. Ein paar Wochen, allerhöchstens wenige Monate sollten die Menschen in Zaatari bleiben, hieß es damals.

„Die Kämpfe werden bald vorbei sein“, sagte damals Mohammed. Er arbeitete vor dem Krieg als Bauer in der Region von Daraa, unweit der jordanischen Grenze. Weil er Angst um seine Familie hatte, ist er vor den Bomben geflohen. Vom schnellen Ende des Diktators redete der junge Mann, von Demokratie, Frieden und Freiheit für sein von Bashar al-Assad unterdrücktes Volk. Trotz all der Not herrschte in den ersten Monaten eine Stimmung des Aufbruchs in Zaatari. Niemand konnte oder wollte sich vorstellen, dass sich der Bürgerkrieg über Jahre hinziehen könnte und hunderttausenden Menschen das Leben kosten würde. Doch die Gewalt nahm kein Ende, nach und nach wurde das Provisorium Zaatari zum Dauerzustand – und in gleichem Maße schwand die Hoffnung der Menschen auf Frieden in ihrer Heimat.

Eine bleierne Stimmung in Zaatari

Jetzt, nach vier Jahren, hat sich eine seltsame, fast bleierne Stimmung unter den Flüchtlingen breit gemacht. Natürlich erklären die Menschen gebetsmühlenartig, so schnell wie möglich wieder nach Hause zu wollen. Doch die täglichen Horrornachrichten aus Syrien sagen ihnen, dass an eine Rückkehr auf absehbare Zeit nicht zu denken ist. Und über allem schwebt die Frage, ob sie ihr Dorf oder ihre Stadt nach all den Zerstörungen und politischen Umwälzungen überhaupt wieder erkennen würden.

Und so haben sich die Flüchtlinge, die jordanische Regierung und auch die internationale Staatengemeinschaft eher widerwillig mit diesem Provisorium mitten in der Wüste irgendwie arrangiert. Die Zelte sind längst stabilen Containern gewichen, mit der Hilfe der Vereinten Nationen gibt es eine funktionierende Infrastruktur, Supermärkte, Kindergärten, Schulen und selbst ein Frauenzentrum, wo die Frauen nicht nur dem langweiligen Camp-Alltag für einige Stunden entfliehen, sondern auch nähen, sticken oder kochen lernen können.

Die fehlende Perspektiven sorgen für Frustration

Für Frustration sorgt aber nicht nur die fehlende Rückkehrperspektive. Der scheinbar normale, gut organisierte Alltag in Zaatari kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Flüchtlinge zwar auf jordanischem Boden leben, in dem Nachbarland selbst aber nicht willkommen sind. Das Camp, umgeben von einem Zaun und einem Sandwall, ist streng bewacht. Wer hinein will, der passiert einen Kontrollposten der jordanischen Streitkräfte. Durchgelassen wird nur, wer sich lange vorher angemeldet hat. Die Botschaft ist klar: die Flüchtlinge sollen sich nicht integrieren.

Diese Ablehnung speist sich aus der Geschichte Jordaniens, denn dies ist die zweite große Flüchtlingswelle, die über das Land brandet. Mehr als sechs Millionen Jordanier sind Palästinenser. Sie sind in den vergangenen Jahrzehnten vor den Wirren der Kriege in der Region geflohen. Ein kleiner Teil der Palästinenser lebt noch immer in Lagern, die meisten haben sich aber im Land eingegliedert. Die Regierung in Amman will vermeiden, dass sich diese Entwicklung nun mit den Syrern ein zweites Mal wiederholt. Nach inoffiziellen Angaben leben schon fast 1,5 Millionen Syrer in Jordanien. Über 600 000 sind seit dem Ausbruch des Krieges gekommen, die anderen arbeiten schon seit Jahren legal oder illegal in dem Land.

Jordanien will die Flüchtlinge nicht integrieren

Erst nach langem Zögern hat sich Jordanien nun bereit erklärt, insgesamt 50 000 Flüchtlingen eine Arbeitserlaubnis zu geben und Bildungsmöglichkeiten für sie zu schaffen. Im Gegenzug erhält das Land einem Abkommen vom Februar zufolge günstige Kredite und einen leichteren Zugang zu den europäischen Märkten. Die Chance zur legalen Beschäftigung soll vertriebenen Syrern eine langfristige Perspektive in der Region bieten und sie davon abhalten, wie Hunderttausende Landsleute vor ihnen die Flucht nach Europa anzutreten.

Den neuen Regeln zufolge können jordanische Arbeitgeber nun eine Arbeitserlaubnis für syrische Beschäftigte beantragen. Als Voraussetzung müssen die Flüchtlinge ein Gesundheitszeugnis und eine vom jordanischen Innenministerium ausgestellten Ausweis vorlegen. Das Problem: Fast 200 000 Syrern fehlt nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks dieser Ausweis, da sie keinen Reisepass oder anderen Nachweis ihrer Identität besitzen.

Niemand will von Almosen leben

„Es ist wichtig zu arbeiten“, sagt Nabal, die Mutter des kleinen Abdel, „es ist nicht gut, von Almosen zu leben.“ Ihr Mann hat einen der wenigen Jobs in Zaatari bekommen. Er befüllt die Wassertanks, die überall im Camp aufgestellt wurden. „Mein Mann ist jeden Tag von 9 bis 15 Uhr unterwegs.“ Sie können sich deshalb etwas mehr leisten als andere Familien. „Doch das macht uns nicht glücklich“, sagt Nabal. „Dort drüben ist meine Heimat, dort lebt meine Familie“, sagt sie und zeigt mit einem Arm in Richtung Wüste. Sie wolle weder nach Europa, noch nach Amerika oder Kanada. „Wir werden erst wieder glücklich sein, wenn wir in unserer Heimat leben können.“

Hier noch ein Link zu einer Multimedia-Reportage über das Leben in dem Flüchtlingslager in der jordanischen Wüste.




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