Das neue Magazin „Selfie’s“ Werbung für das Internet

Von Michael Setzer 

Mit „Selfie’s“, dem neuen Magazin für Frauen, geht die Funke Mediengruppe einen gleichermaßen mutigen wie gefährlichen Weg: Das Heft entpuppt sich als 146 Seiten starker Werbeprospekt für das Internet und seine Dienstleister.

Erst lesen, dann kaufen: Das neue Frauenmagazin „Selfie’s“ Foto: Verlag
Erst lesen, dann kaufen: Das neue Frauenmagazin „Selfie’s“ Foto: Verlag

Stuttgart - „Vernetzung“ wird besonders gerne von denen mit dicken Stift geschrieben, die befürchten sonst durch das Netz zu fallen. Mit dem Magazin „Selfie’s“ vernetzt die Funke Mediengruppe (unter anderem „Hörzu“, „Gong“, „Die Aktuelle“) nun ein quietschbuntes und stilsicheres Modemagazin mit denen, die ihnen den Markt längst abspenstig gemacht haben: Blogs, Instagram, Facebook, Youtube und Onlineshoppingportalen – kurz: dem Internet.

Denn seit diese Kanäle zu den „Influencern“ im Modegeschäft gehören, sucht auch das Segment der Lifestyle/Fashion/Beauty-Magazine einem ähnlich direkten Draht zum Publikum. Vorsorglich „Projekt“ genannt, soll „Selfie’s“ nun das digitale und analoge Leben unter einen Hut bekommen. Einen todschicken Hut natürlich.

Bereits auf dem Titel der ersten Ausgabe steht vollmundig: „Das Influencer Magazin mit Shopping-App“. Um diese Expertise zu unterstreichen, wird das auch gleich durch wahnwitzig viele „#“ und „@“ angereichert – denn das symbolisiert nicht nur Zeitgeist, sondern auch echtes Bescheidwissen im digitalen Lifestyle-Dschungel.

Die App hält die Shopping-Links bereit

Kernstück und Tor zur großen Welt des 146 Seiten starken Modemagazins ist die kostenfreie App. Mit der lassen sich die im Heft abgearbeiteten Themen und „Styles“ bequem scannen und im Gegenzug lockt dann zusätzlich digitaler Spaß mit noch mehr „Styles“, Video- und Imageclips, Tutorials und natürlich mit dem dazugehörigen Shopping-Link. Fertig ist der hochglänzende 360 Grad-Spaß.

Zum Team des Magazins gehören reichweitenstarke Modebloggerinnen, wie zum Beispiel Masha Sedgwick. Vor sechs Jahren startete die damals vom Herzschmerz gebeutelte Kölnerin ein pathosbeladenes, aber durchaus hippes Online-Tagebuch und inszenierte sich und ihren Kleidergeschmack mit neugefundener Stabilität, Zuspruch und Reichweite beinahe nahtlos als Modebloggerin. Mittlerweile fühlt sie sich nicht nur in der neuen Heimat „Berlin, sondern auf der ganzen Welt zu Hause“. Ansonsten ist die 26-Jährige natürlich immer „edgy“ und mit einer „ordentlichen Portion Grunge“ bei der Sache – „Typisch Masha eben“. Im Magazin verrät die Bloggerin, was sie unterwegs immer dabei hat.

Und freilich wird da in verhältnismäßig flachen Gewässern gefischt, der Ertrag aber scheint zu stimmen. Sowohl für Sedgwick als auch für die Marken und Dienstleister, die sie auf ihren digitalen Kanälen bewirbt. „Selfie’s“ kanalisiert all das für Leserinnen, denen die Zeit fehlt, ständig die angesagten Blogs und Profile abzugrasen. Zudem erleichtert das Magazin auch den für alle Beteiligten wichtigsten Impuls: „Oh, hübsch. Das möchte ich kaufen.“

Zukunft und Ende des Magazinjournalismus

Etwas Kultur gibt es auch, @Vicky beispielsweise sagt: „Die Wiener Staatsoper ist mein Glanzlicht“ – der passende Style dazu: „Tintenblau to the Opera“. Bitte nicht verwechseln mit ähnlich gehaltvollen Freizeitaktivitäten wie „sternhagelvoll ins Stadion“. Das Programm des Kulturhauses wird leider nicht von der App erfasst.

Natürlich erweckt „Selfie’s“ den Eindruck, man würde das Radio anschalten, um sich zu informieren, was man gerade im Fernsehen verpasst hat. Es ist ein mäßig informatives, aber schickes Frauenmagazin ohne Karriere-, Fitness- und Blowjob-Ratgeber – ein 146-Seiten starker Werbeprospekt für das Internet, seine Dienstleister und Marken.

Doch viel mehr ist es ein stimmiges Geschäftsmodell, das in sämtlichen „Special Interest“-Bereichen Fuß fassen könnte, in denen es letztendlich darum geht, Produkte zu verkaufen, anstatt sie nach ihrem Gehalt, ihrer Relevant oder ihrer Tiefe zu bewerten. „Selfie’s“ stellt gleichermaßen die Zukunft und das Ende des Magazinjournalismus dar. Das wiederum sind auch irgendwie 360 Grad.




Unsere Empfehlung für Sie