Das Zahnradbahngespräch Mit Firat Arslan auf Berg-und-Tal-Fahrt

Die Fahrt nach Degerloch und zurück   ist viel zu kurz für die Lebensgeschichte von Firat Arslan. Foto: Baumann
Die Fahrt nach Degerloch und zurück ist viel zu kurz für die Lebensgeschichte von Firat Arslan. Foto: Baumann

Zum Zahnradbahngespräch am Stuttgarter Marienplatz erscheinen die Gäste im Schnitt 15 Minuten zu spät. Der ehemalige Boxweltmeister Firat Arslan ist eine halbe Stunde zu früh dran und deutet damit gleich an, ein besonderer Gesprächspartner zu sein.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Peter Stolterfoht (sto)
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Stuttgart - Wäre Stuttgart eine amerikanische Großstadt, dann würde die Gegend am Anfang der Böblinger Straße wahrscheinlich Little Istanbul heißen. Ein türkischer Gemüseladen, die Dönerbude, der Kleidermarkt und ein muslimischer Gemeindesaal im Hinterhof sorgen für das entsprechende Halbmond-Ambiente im Schatten des Marienplatzes. Dann gibt es noch die Selbstbedienungs-Backstube. Und in der steht gerade der wohl bekannteste Deutsch-Türke im Großraum Stuttgart: „Ich war ein bisschen zu früh dran“, sagt der ehemalige Boxweltmeister Firat Arslan, der einen Pappbecher mit Kaffee in der Hand hält, „dann habe ich halt hier einen Zwischenstopp eingelegt.“

Zum Zahnradbahngespräch am Marienplatz erscheinen die Gäste im Schnitt 15 Minuten zu spät. Firat Arslan ist eine halbe Stunde zu früh dran und deutet damit gleich an, ein besonderer Gesprächspartner zu sein. „Voll korrekt, der Mann“, so würden ihn vermutlich die Jungs charakterisieren, die gerade in ihren Hochglanztrainingsanzügen am SB-Backladen breitbeinig vorbeischlendern. Firat Arslan trägt Jackett, hellblaues Hemd und redet anders, überlegt, wortgewandt.

Auf dem kurzen Fußweg zum Marienplatz dreht sich das Gespräch mit ihm um Jugend und Eltern und landet dann bei der Mutter von Firat Arslan. Er nennt sie „meine große Liebe“ und erzählt, wie sie sich nach der Trennung von ihrem Mann alleine in Süßen bei Göppingen um die sechs Kinder kümmern musste. „Ich wollte es eigentlich gar nicht erzählen“, sagt Firat Arslan, ihr Jüngster, beim Einstieg in die Zahnradbahn, „meine Mutter leidet an Demenz, das geht mir im Moment nahe.“ Er hat sie zu sich in sein Haus im benachbarten Donzdorf geholt. „Das tut uns beiden gut. Aber lassen Sie uns über etwas anderes reden“, sagt der 44-Jährige.

Zu Beginn des Zacke-Gesprächs spricht Firat Arslan auf dem Weg nach oben Richtung Degerloch zunächst über eine einzigartige Karriere, die noch nicht beendet ist. Und der Boxer muss dabei etwas weiter ausholen. Beginnend mit der Kindheit in bescheidenen Verhältnissen, als er oft gehänselt wird: Einrad, Zweirad, Dreirad, Firat. „Ich habe meinen Namen gehasst, heute bin ich stolz, dass ich ihn nicht gegen einen deutschen eingetauscht habe, so wie es viele Boxer mit Migrationshintergrund getan haben“, sagt Arslan. Der besucht die Realschule, obwohl als Zweitbester seiner Grundschulklasse das Gymnasium für ihn doch offen stehen müsste. „Die Lehrer haben davon abgeraten, weil meinen Eltern nicht die entsprechende Unterstützung zugetraut wurde.“ Dann die Jugend, in der er sich oft prügelt. „Mit Gewalt habe ich versucht, Respekt zu bekommen. Aber das funktioniert nicht. Ich war ein Außenseiter, bis ich begriffen habe, dass ich mich selbst zum Außenseiter mache.“ Und dann kommt Rocky.

Die Rocky-Filme werden zum Leitmotiv

Die Spielfilmserie vom Boxer, der es gegen alle Widerstände bis zum Weltmeistertitel bringt, wird zum Leitmotiv im Leben von Firat Arslan. „Ich werde auch Weltmeister“, sagt er sich. Es gibt dabei allerdings ein großes Problem für den damals 18-Jährigen. „Ich hatte noch nie geboxt.“ Und es sollte noch eines dazu gekommen. „Ein Naturtalent war ich auch nicht.“

Über seinen älteren Bruder Meric („Auch ein Vorbild von mir“), der Boxer ist, kommt Firat Arslan in die Szene. Doch die will nichts von ihm wissen. Firat Arslan hört auf zu rauchen und hängt sich an den Trainer der württembergischen Auswahl, Günther Meier. „Er war der Auserkorene, der aber anfangs nichts von mir wissen wollte, weil ich einfach zu schlecht war“, sagt Arslan über den Coach, der im Laufe der Jahre zum Freund wird.

Zu diesem Zeitpunkt ist Firat Arslans Ziel, Boxweltmeister zu werden, deutlich unrealistischer als ein Durchmarsch des Fußball-Kreisligisten VfR Süßen in die Bundesliga. „Wenn ich mich fürs Kicken entschieden hätte, wäre ich vermutlich am Ende auch ganz oben gelandet, sicher nicht als Edeltechniker, aber als unermüdlicher Kämpfer im defensiven Mittelfeld.“ Das hört sich nicht arrogant an, sondern ziemlich glaubwürdig. Firat Arslans Wille scheint alle Regeln außer Kraft zu setzen. Nachdem er seine Lehre zum Konstruktionsmechaniker abgeschlossen hat, arbeitet er wie ein Besessener an seiner Fitness und seinem Boxstil. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. „Vielleicht gibt es jemanden, der härter trainiert als ich, ich kenne ihn allerdings nicht“, sagt Firat Arslan, der in seiner Anfangszeit als Mittelgewichtsboxer Luan Krasniqi kennenlernt. Das Schwergewicht ist sportlich das krasse Gegenteil von Arslan. Ein Stilist mit Auge und beneidenswerten Reflexen. Firat Arslan wird von Krasniqi für die unglaubliche Härte gegen sich selbst bewundert. Sie werden unzertrennliche Freunde, die sich gegenseitig motivieren. Es entsteht die sogenannte Herzblutclique. Zu der gehört als Gründungsmitglied auch Arslans Kumpel Dieter Wittmann, sein späterer Trainer. Erweitert wird der Kreis im Lauf der Zeit unter anderem durch den Konditionsexperten Ted Lackner sowie den Anwälten Christoph Schickhardt und Joachim Rain.

Aus dem Aufbaugegner wird ein Weltmeister

Firat Arslans Karriere war eigentlich vorgezeichnet, als Sparringspartner, als Aufbaugegner für ambitionierte Boxer und als Türsteher in Stuttgarter Discos. „Vom Boxen konnte ich damals nicht leben“, erzählt er. Doch Firat Arslan, der 1997 Profi wird, macht weiter und kämpft sich mühsam noch ohne Trainer und Manager nach oben. Und das ist immer wieder mit großen Schmerzen verbunden. 2003 gelingt dem Cruisergewichtler, der mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat, ein Unentschieden gegen den bis dato ungeschlagenen Wadim Tokarew.

Im Kampf wird Arslan vom Russen der Kiefer gebrochen. Später widerfährt dies auch Arthur Abraham, der dafür gefeiert wird und die implantierten Titanplatten wie Auszeichnungen trägt. „Mir war es damals peinlich, dass mein Gegner mich so hart getroffen hat“, sagt Arslan, dessen Kiefer mit einem von außen angebrachten Drahtgestell gerichtet wird. Ein weiterer deutlicher Unterschied.

Und dann gab es immer wieder diese Rückschläge, wie umstritten verloren gewertete Kämpfe. „Profiboxen ist nicht immer gerecht“, sagt Arslan, der oft kurz davor steht, einfach aufzuhören. „Ich kam mir vor wie eine Ameise, die auf einen hohen Berg will, aber immer wieder vom Weg abkommt. Der liebe Gott hat mich aber jedes Mal wieder in die Spur gesetzt.“

Spätestens jetzt wird klar, dass dieses Zahnradbahngespräch ein ganz besonderes ist. Völlig unbemerkt von Erzähler und Zuhörer ist die Zacke bereits wieder zurück am Marienplatz – ohne dass es bisher explizit um Höhepunkte und Tiefpunkte in der Karriere von Firat Arslan gegangenen wäre. Die müssen jetzt eben im Café Kaiserbau nachgereicht werden. „Kein Problem“, sagt Firat Arslan auf dem Weg dorthin , „ich habe mir für diese Unterhaltung den ganzen Tag freigehalten.“

2005 beginnt die Karriere von Firat Arslan richtig. Er besiegt – als Aufbaugegner engagiert – sensationell den Münchner Alexander Petkovic, der vom einflussreichen Universum-Boxstall und vom ZDF zum Weltmeister aufgebaut werden soll. In den Jahren 2006 und 2007, mittlerweile selbst mit einem Vertrag bei Universum ausgestattet, bezwingt er nacheinander überraschend die beiden Russen Grigori Drozd und Waleri Brudow und erkämpft sich damit das Recht auf einen WM-Kampf. Nach zähen Verhandlungen kommt Firat Arslan am 24. November 2007 in Dresden dann tatsächlich zu seiner Titelchance gegen den WBA-Weltmeister Virgil Hill. Und die lässt er sich nicht entgehen. Aus seiner Doppeldeckung heraus geht er ständig in die Offensive. Im Fußball heißt diese Taktik Pressing, im Boxen ist es der Firat-Style. „Für meine Gegner ist ein Kampf gegen mich die Hölle, ich aber lebe ständig in der Hölle“, sagt Firat Arslan zu seinem extremen Stil, der eine noch viel extremere Vorbereitung erfordert. Herausgekommen ist dabei ein Oberkörper, der stark einem Panzer ähnelt.

Im Kampf gegen Virgil Hill ist Firat Arslan aber gar nicht so sehr auf sein Abwehrsystem angewiesen. Er treibt den Amerikaner durch den Ring und gewinnt deutlich nach Punkten. Er macht sich mit damals 37 Jahren zum ältesten deutschen Boxweltmeister. „In meinen Gedanken hatte ich mir diese Situation schon so oft vorgestellt, wie der Ringrichter meinen Arm in die Höhe reißt und wie ich alles aus mir herausschreie und wie ein Verrückter durch den Ring renne. Es kam dann aber ganz anders. Ich wurde ganz ruhig und war ganz bei mir. Es war eine stille, ganz bewusste Freude. Ich spürte eine tiefe Dankbarkeit und Demut“, erinnert sich Arslan. Der Mann, an den keiner außer er selbst geglaubt hat, verteidigt seinen Titel im Mai 2008 in Stuttgart gegen Darnell Wilson.

Blutige Kämpfe und ein Herzstillstand

Es folgt die zweite Pflichtverteidigung, und damit kommt Firat Arslan nun zu den Tiefpunkten in seiner Karriere. Mit einem gezerrten Lendenmuskel geht der 1,82 Meter große Modellathlet in den Hamburger Ring gegen Guillermo Jones aus Panama. Es wird ein blutiger Kampf für Firat Arslan, weil er zuvor Schmerzmittel mit – wie sich herausstellen soll – blutverdünnender und auch noch reaktionsverlangsamender Wirkung. Der WM-Gürtel ist weg.

Aber es kommt noch ein viel schlimmerer Kampf. „Der Arzt hat mir gesagt, dass mein Puls nicht mehr zu fühlen war.“ Es ist der 3. Juli 2010, der Tag, an dem Arslan den Kampf gegen den Franzosen Steve Herelius verliert, den Kampf ums Überleben aber gerade noch gewinnt. In der elften Runde wird das Duell in einer auf über 40 Grad aufgeheizten Stuttgarter Porsche-Arena abgebrochen. Firat Arslan dehydriert, erleidet in seiner Ecke einen Kreislaufkollaps und stirbt beinahe auf der Fahrt ins Krankenhaus. „Ich schwitze extrem stark und muss deshalb mehr als andere trinken, das habe ich damals nicht beachtet“, sagt er, nimmt einen kräftigen Schluck Mineralwasser und bestellt die nächste Flasche.

Der Kampf gegen Steve Herelius sollte das große Comeback werden, nachdem Arslan ein Jahr zuvor einen schweren Unfall hatte. Im Trainingslager am Chiemsee weicht er auf dem Rad einem Traktor aus, stürzt mit Tempo 60 und kann seine Beine nicht mehr bewegen. „Ich dachte, dass ich querschnittsgelähmt bin, so wie der Handbike-Weltmeister Stefan Bäumann, mit dem ich zuvor noch trainiert hatte.“ Doch Arslan kommt wieder auf die Beine, nachdem Halsmuskelriss, Schlüsselbein- und Rückenverletzung auskuriert sind.

Firat Arslan kämpft sich mal wieder zurück und boxt dann dreimal um den WM-Titel im Cruisergewicht bis 90,7 Kilogramm. Er unterliegt zweimal Marco Huck, zunächst durch ein Fehlurteil nach Punkten, dann durch technischen K.o. Sein bisher letzter WM-Kampf – mit dem Startrainer Fritz Sdunek in seiner Ecke – endet mit einer umstrittenen Niederlage gegen Yoan Pablo Hernandez. „Gegen ihn und Marco Huck würde ich gerne noch einmal antreten“, sagt Firat Arslan, der einfach kein Ende findet. Auch wenn er gerade eine Anfrage aus Moskau für einem WM-Kampf gegen Denis Lebedew abgesagt hat. „Sechs Wochen Vorbereitungszeit sind für mich einfach zu kurz.“

Vier Stunden hat Firat Arslan aus einem bewegten Leben erzählt. Zeit für einen Blick in die Zukunft. Er kann sich vorstellen, irgendwann als Box-, Motivations- und Anti-Aggressionstrainer zu arbeiten. Schon jetzt ist er oft in Schulen und spricht über seine Lebenserfahrung, die er so zusammenfasst: „Jeder kann etwas, man muss nur herausfinden, was es ist.“

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