Debatte über die Mobilität der Zukunft Fliegen wir 2030 über verstopfte Innenstädte hinweg?

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Fahrverbote, Flugobjekte oder autonomes Fahren: wie sieht die Zukunft der Mobilität aus? Darüber haben Experten beim StZ-Kongress „Stadt der Zukunft“ kontrovers diskutiert.

Kontroverse Runde: Jens Schade, Kerstin Ullrich, Susanne Hahn und Benedikt Lahme (v.li.n.re.) diskutieren zur Zukunft der Mobilität, moderiert von  StZ-Autor Christian Milankovic. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Kontroverse Runde: Jens Schade, Kerstin Ullrich, Susanne Hahn und Benedikt Lahme (v.li.n.re.) diskutieren zur Zukunft der Mobilität, moderiert von StZ-Autor Christian Milankovic. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Im Idealfall gibt es in einer Podiumsdiskussion gegenteilige Meinungen. Das bewirkt Reibung, unterschiedliche Positionen, die kontrovers diskutiert werden. Aus dieser Perspektive betrachtet ist die Diskussionsrunde „Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus“, die am Mittwochvormittag beim StZ-Kongress Stadt der Zukunft von StZ-Autor Christian Milankovic moderiert wird, ein voller Erfolg.

Ebenfalls nicht enttäuscht werden diejenigen, die Antworten auf die Fragen der Zukunft der Mobilität erwarten – auch wenn die unterschiedlich ausfallen.

Daimler-Mitarbeiterin: „Die Autoindustrie wird sich für immer verändern“

Zumindest eine Prognose zur Verkehrszukunft wird in dieser Runde nicht angezweifelt: „Die Automobilindustrie wird sich in den kommenden zehn Jahren für immer verändern“, sagt Susanne Hahn, die das Lab 1886 bei Daimler verantwortet – eine Innovationsabteilung, die unter anderem Car2go und Moovel entwickelt hat. In vielen anderen Punkten herrscht dagegen Uneinigkeit. Die promovierte Soziologin Kerstin Ullrich von der MoD Holding ist sich sicher: „In den verdichteten Kernstädten hat der Individualverkehr keine Chance. Wenn wir den Klimawandel ernst nehmen, müssen wir uns verabschieden vom Auto, das nur von einer Person genutzt wird.“

Benedikt Lahme von der Firma Door2Door sieht nur in einem Ansatz die Lösung für die Probleme der heutigen Mobilität: „Wenn der ÖPNV so ausgebaut ist, dass er den Ansprüchen der Bürger genügt, steigen die Leute vom Auto um.“ Seine These: Mobilität ist eine Gewohnheitsfrage. Die zu verändern dauere lange. Vielleicht müsse man dabei auch provozieren und eine höchst unbeliebte Maßnahme anwenden: „Vielleicht braucht es auch Verbote, vielleicht müssen wir Innenstädte radikal schließen.“

Forderung: Baden-Württemberg darf kein zweites Ruhrgebiet werden

Die Daimler-Mitarbeiterin Susanne Hahn widerspricht an dieser Stelle natürlich vehement: „Jeder soll selbst entscheiden, mit welchem Fortbewegungsmittel er von A nach B kommen will“, so Hahn und referiert über den Segen des autonomen Fahrens: „In Zukunft können Sie beim Fahren schlafen, entspannen oder arbeiten.“ Daraufhin meldet sich Jens Schade, der an der TU Dresden eine Professur für Verkehrspsychologie innehat, mit einem Einwand zu Wort: „Was wird aus dem Fußgänger, der die autonom fahrenden Autos kreuzen will?“

Bei allem Willen zur Veränderung erinnern dann Kerstin Ullrich und Susanne Hahn gleichermaßen an die Folgen für die Wirtschaft: „Baden-Württemberg darf kein zweites Ruhrgebiet werden. Die Politik verpennt die Möglichkeit, den Strukturwandel zu gestalten“, sagt Ullrich, und Hahn ergänzt: „In Baden-Württemberg haben wir heute 440 000 Arbeitsplätze, die direkt oder indirekt von der Autoindustrie abhängen.“ Die Leiterin des Lab 1886 fordert daher ein Umdenken. „Wenn wir emissionsfreie Mobilität wollen, müssen wir in die Luft!“ Hahn ist sich sicher: „2030 fliegen wir von A nach B. Mit dem Flugtaxi brauchen Sie dann 15 Minuten vom Flughafen bis zum Mercedes-Benz-Museum.“

Bei dieser Aussicht geht Kerstin Ullrich sprichwörtlich in die Luft: „Ich halte das für eine Bankrotterklärung. Damit entziehen wir uns der Verantwortung, dass man Mobilität und Stadtentwicklung gemeinsam denken muss“, und Benedikt Lahme ergänzt: „Der Himmel über Stuttgart voller Volocopter – wollen wir das? Dann sitzen wir 2040 bei diesem Kongress hier und sprechen über den verstopften Luftraum.“ Wenn dabei wieder eine solch kontroverse Diskussion herauskommt, spricht zumindest aus dieser Perspektive nichts dagegen.

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