Debatte zur Protestkultur In Stuttgart ist man gern dagegen

Von Tilman Baur 

Über Protestbewegungen in Stuttgart haben Experten in der Landesbibliothek diskutiert. Eine Erkenntnis: der Protest wird immer vielfältiger.

Debatte über Protestkultur:  Gassert (v.li.), Westerhoff und von Stade Foto: Lg/ Schmidt
Debatte über Protestkultur: Gassert (v.li.), Westerhoff und von Stade Foto: Lg/ Schmidt

Stuttgart - Fridays for Future, Black Lives Matter, Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen auf dem Wasen: Im Corona-Jahr 2020 haben in Stuttgart verschiedene Protestbewegungen von sich reden gemacht. Für die Landeshauptstadt ist das nicht neu, gilt sie doch spätestens seit dem Widerstand gegen Stuttgart 21 als Protesthochburg. Der Historiker Philipp Gassert und die Soziologin Julia von Staden haben am Donnerstag im Erweiterungsbau der Württembergischen Landesbibliothek über Proteste in Stuttgart gesprochen, aber auch Bewegungen in ganz Deutschland in den Blick genommen.

„Protestkultur in Stuttgart und anderswo“ hieß die von Christian Westerhoff, dem Leiter der Bibliothek für Zeitgeschichte (BfZ), moderierte Podiumsdiskussion. „Wir sehen deutlich, dass Protest alltäglich geworden ist“, sagte Philipp Gassert, der in seinem 2018 erschienenen Buch „Bewegte Gesellschaft“ Protestbewegungen seit 1945 untersucht hat. Diese scheinen in ihrer Intensität zu wachsen, diagnostizierte Gassert. Gleichzeitig werde Protest vielfältiger, politisch nicht mehr hauptsächlich wie früher links, sondern zunehmend bürgerlich und rechts.

In die Bewegung als Forschende

Stuttgart tut sich immer wieder als Vorreiter in Sachen Protest hervor, wie die Demos gegen die Corona-Maßnahmen gezeigt haben. Das liege zumindest teilweise an einem „unorthodoxen, anti-hegemonialen Milieu“ in der Stadt, sagte Gassert. Julia von Staden hat dieses Milieu hautnah miterlebt, denn die Soziologin hat den Widerstand gegen das Bahnhofsprojekt sowohl als Wissenschaftlerin begleitet als auch als Bürgerin aktiv darin mitgemischt.

„Als Forscher ist man immer auch Teil der Gesellschaft, man hat einen anderen Zugang zur Rezeption als vom Schreibtisch aus“, erklärte sie. In die Bewegung sei sie von Anfang an als Forschende gegangen, konnte sich von ihren politischen Überzeugungen für die Analyse abgrenzen: „Einmal Soziologin, immer Soziologin“, so von Staden. Ihre Erkenntnisse hat sie in dem Buch „Stuttgart 21: eine Rekonstruktion der Proteste“ festgehalten, das in diesem Jahr erschienen ist.

Kritik an innerdemokratischen Strukturen des Widerstands

Eine Erkenntnis davon ist, dass die Protestbewegung von Beginn an stark von Parteien beeinflusst und geprägt wurde, was eher untypisch sei. Besonders kritisch beurteilt von Staden die innerdemokratischen Strukturen des Widerstands. Das mächtige, von Parteien und Verbänden beeinflusste Aktionsbündnis habe alle Entscheidungen getroffen und der Basis kaum ermöglicht, Einfluss zu nehmen.

Laut Julia von Staden bieten Proteste die Möglichkeit zum zivilgesellschaftlichen Austausch und zur Meinungsbildung, im besten Fall könnten sie so Pluralismus und demokratische Institutionen stärken. Immerhin etwas, könnte man sagen. Denn Erfolg war den vielen von Philipp Gassert untersuchten Bewegungen in der Regel nicht beschieden.




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