Der Autor und Liedermacher gastiert in Stuttgart Ein Plädoyer gegen Phrasen und Parolen

Von Martin Braun 

Stephan Krawczyk hat mit seinem Programm „Mensch Nazi“ an der freien Waldorfschule am Kräherwald in Stuttgart-Nord gastiert und mit Schülern über Rechtsextremismus diskutiert. Am Samstagabend gastiert der Autor und Liedermacher im Hospitalhof für ein Konzert mit Gespräch.

Stephan Krawczyk trat an der freien Waldorfschule am Kräherwald auf. Foto: Martin Braun
Stephan Krawczyk trat an der freien Waldorfschule am Kräherwald auf. Foto: Martin Braun

S-Nord - Der 1955 in Thüringen geborene Liedermacher und Autor Stephan Krawczyk hat einst den Nationalen Chansonwettbewerb der DDR gewonnen, ehe er bei den Machthabern in Ungnade fiel. Er habe hinter die Kulissen des SED-Regimes geschaut, stellte Ludwig Digomann, Lehrer der freien Waldorfschule, den Künstler bei dessen Besuch am Kräherwald vor. Krawczyk habe darüber gesungen und geschrieben, sei im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen gelandet und schließlich des Landes verwiesen worden, „Heute schaut er wieder hinter die Fassaden unseres Systems“, sagte Digomann.

Er sei mit der Ideologie des wissenschaftlichen Kommunismus aufgewachsen, erzählte Krawczyk, als er vor den Oberstufenschülern der Waldorfschule auftrat. In Staatsbürgerkunde sei er immer sehr gut gewesen: „Du musstest das nur ein Mal auswendig lernen und die Phrasen immer wieder aufsagen.“ Von dieser Ideologie wieder loszukommen, sei indes ein Kampf gewesen: „Wenn man das so lange eingetrichtert bekommt, muss man erst wieder anfangen zu denken.“ Krawczyk sang einige seiner Lieder, las ein Kapitel aus seinem Roman „Mensch Nazi“ und diskutierte mit den Schülern. In seinem Buch beschreibt er, wie sich Clemens, ein junger Mann, zur Wendezeit aus der Verwahrlosung heraus Neonazis anschließt, weil er sich von ihnen wertgeschätzt fühlt. „Ich war nicht ich. Ich war immer wir. Das war das ganze Geheimnis“, erklärt Clemens, nachdem er sich von der Ideologie abgewandt hat.

Krawczyk betont die Kraft des Worts

Ihn störe, und es mache ihm auch Angst, dass mit Neonazis so umgegangen werde, als wären sie die neuen Untermenschen, sagte Krawczyk. Es sei immer ein Armutszeugnis, wenn in Diskussionen gleich Rollenzuweisungen gemacht würden: „Wir müssen mehr wissen über die Beweggründe dieser Menschen.“ Und dafür sei die Sprache ein wichtiger Schlüssel, so der 60-Jährige: „Sie ist unser differenziertestes Mittel, um uns auszudrücken.“ Allerdings würden Bilder den Worten zunehmend den Rang ablaufen; wo Gespräche stattfinden könnten, würde stattdessen zu Parolen und Versatzstücken gegriffen. Sein Vortrag solle auch dazu dienen, dass die häufig schlagzeilenhaft verlaufenden Diskussionen von den jungen Leuten nicht als gegebener gesellschaftlicher Dialog verstanden würden.

Ein Schüler wollte von Krawczyk wissen, worin er die Ursachen für den Rechtsruck sehe, der derzeit in Europa vor sich gehe. „In der Angst“, meinte der Autor und Liedermacher – „ob sie begründet ist oder nicht.“ Die Menschen würden sich vor vielem fürchten, beispielsweise vor den vielen Menschen, die nach Deutschland kämen, oder davor, ihren Lebensraum zu verlieren. Diese Angst, die auch von Medien und über das Internet verbreitet werde, weil sie sich gut verkaufe, sei ein Nährboden für Ideologien. Doch auch in anderer Hinsicht lohne es sich, keine Angst zu haben, hatte Krawczyk gleich zu Beginn der Veranstaltung gesagt: „Wenn man weniger Angst hat, riecht man besser, und dann braucht man auch weniger Parfum“ – und das wiederum sei gut für die Atmosphäre an der Schule.

Am Samstag, 30. Oktober, ist Stephan Krawczyk für ein Konzert mit anschließendem Gespräch zu Gast im Hospitalhof, Büchsenstraße 33. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr und kostet zehn Euro, ermäßigt acht Euro Eintritt.

Unsere Empfehlung für Sie