Der Bundesliga-Neustart Die Lage in der Liga

Von Marco Seliger 

Fast zwei Monate Corona-Pause gehen zu Ende, es wird wieder gespielt. Trotz Geisterkulisse soll mit dem Kaltstart in der Bundesliga wieder der Fußball in den Fokus rücken. Aber wo waren sie stehen geblieben? Ein Überblick.

Maskenball: In der Bundesliga rollt bald der Ball,  am Ende soll die Schale vergeben werden. Foto: imago/Sven Simon
Maskenball: In der Bundesliga rollt bald der Ball, am Ende soll die Schale vergeben werden. Foto: imago/Sven Simon

Stuttgart - Die gute Nachricht vorneweg: Franz Beckenbauer (74) ist bereit für den Neustart der Liga. Wie zu hören ist, hat er eine Leistenoperation gut überstanden und freut sich jetzt aufs Bundesliga-Schauen an diesem Wochenende daheim auf dem Sofa. Der Kaiser, auf dem weiter ein großer Schatten in der Sommermärchen-Affäre liegt, ist nach eigener Aussage weiter drin im Geschäft – der Mann, der als Weltmeister als Spieler und Trainer der beste Experte ist auf diesem Feld, hat nun vor dem Wiederbeginn in der Corona-Krise sogar einen neuen Weltmeistertypen für sich entdeckt: „Das wird die Chance der Trainings-Weltmeister“, sagte Beckenbauer also: „Ich habe selber viele Spieler erlebt, die auf dem Trainingsplatz geglänzt haben und denen samstags im vollen Stadion die Nerven flatterten. Die profitieren von leeren Rängen, können wie im Training aufdrehen.“

Haben einige Profis also keine volle Hose mehr vor leeren Rängen? Das ist nur eine der großen Fragen vor dem Wiederbeginn mit Geisterspielen in Liga eins an diesem Wochenende – wir bieten einen Überblick über die anderen wichtigen Dinge und versuchen, tabellarisch gesehen von oben nach unten Antworten zu geben.

Die Spitzengruppe

Der Kaltstart in die heiße Phase steht im Zeichen des Meisterkampfes zwischen dem Spitzenreiter FC Bayern und dem Zweiten Borussia Dortmund, der vier Punkte Rückstand hat. Das Topduo der Liga geht mit unterschiedlichen Voraussetzungen in den Kampf um die Spitze. Denn die Bayern haben in Robert Lewandowski ihren Erfolgsgaranten wieder, der die Corona-Pause nach seiner Schienbeinverletzung nutzen konnte, um wieder fit zu werden für die neun restlichen Spiele. Bei Marco Reus sieht das anders aus – der BVB-Kapitän ist nach seinem langwierigen Muskelfaserriss noch immer nicht fit und fehlt wohl noch weitere zwei Wochen. Da das Herzstück im Mittelfeld mit Emre Can und Axel Witsel (beide Faserriss) ebenfalls für das Revierderby an diesem Samstag gegen den FC Schalke ausfällt, stehen die Zeichen für den BVB zumindest personell nicht günstig.

Und überhaupt, dieses Revierderby: Der BVB hätte es unter normalen Umständen wohl herbeigesehnt nach seinen sieben Siegen aus den vergangenen acht Ligaspielen vor der Corona-Unterbrechung. Ein sportlicher Lauf, eine volle Hütte, vor der Pause taumelnde Schalker als Gegner, all diese ­Voraussetzungen sind nun hinfällig. Denn nichts Genaues weiß man nun nicht mehr in der Liga – vor allem nicht, was die aktuelle Form der Teams angeht. Macht der Mai also wirklich alles neu?

Wie auch immer, es wird nun spannend zu beobachten sein, wie das heimstärkste Team der Liga mit den Geisterspielen umgeht. Das sonst wohl stimmungsvollste Stadion der Liga könnte vom Vorteil zum Nachteil für den BVB werden. Vor einer leeren Südtribüne zu kicken ist zumindest ungewohnt für die Dortmunder Profis und könnte auch mal hemmen. Auch beim Showdown in eineinhalb Wochen: Dann kommt der FC Bayern zum Spitzenspiel – und dann wiederum könnten drei andere Teams die lachenden Dritten sein.

Denn auch RB Leipzig, Borussia Mönchengladbach und – mit viel Optimismus – sogar Bayer Leverkusen haben noch Titelhoffnungen. Liegen zwischen dem Zweiten Dortmund und dem Fünften Leverkusen doch nur vier Punkte (und in der Tabelle der Dritte Leipzig und der Vierte Gladbach).

Das Mittelfeld

Wer im Kampf um die Europa-League-Plätze den Ton angibt, ist angesichts des breiten Mittelfelds in der Liga eine der spannendsten Fragen. Schließlich trennen den Tabellensechsten FC Schalke und den Zehnten 1. FC Köln gerade einmal fünf Punkte. Just diese beiden Clubs machten während der Corona-Pause von sich hören – beide eher unfreiwillig. Der FC Schalke, dem angeblich bei einem Saisonabbruch die Pleite gedroht hätte, stand exemplarisch fürs zuletzt oft zitierte schlechte Wirtschaften einiger Proficlubs und ihrem Leben auf Pump. Beim 1. FC Köln wiederum blieben zwei positive Corona-Tests innerhalb des Teams ohne Folgen für den Rest, der einfach weitertrainieren durfte.

Ruhig und zuversichtlich können die beiden baden-württembergischen Teams im Tabellenmittelfeld den Rest der Saison angehen. Für den Tabellenachten SC Freiburg und den Neunten TSG Hoffenheim ist jede Abstiegsgefahr gebannt – und nach oben geht vielleicht noch was mit Blick auf Platz sechs und die Europa League.

Die Kellerkinder

Der Kampf gegen den Abstieg beginnt beim Tabellen-13. Hertha BSC und dem FC Augsburg einen Platz dahinter – und damit mit zwei neuen Trainern. Der Ex- VfB-Coach Bruno Labbadia soll den Big-City-Club Hertha BSC möglichst noch in dieser Saison wieder irgendwie groß machen und nach dem Chaos der jüngsten Monate von Klinsmann bis Kalou zur Ruhe bringen.

Lesen Sie hier: Der Eklat um Jürgen Klinsmann

In Augsburg stand der neue Coach Heiko Herrlich nach zwei Monaten im Amt vor seinem heiß ersehnten Pflichtspieldebüt für den FCA, das er wegen des Verstoßes gegen die Hotel-Quaränte-Regel jetzt aber verschieben muss. Unabhängig davon ist er für die Konkurrenz eine Wundertüte. So betonte Oliver Glasner, Trainer des Augsburger Gegners VfL Wolfsburg, am Wochenende, dass er sich zur Vorbereitung vergangene Spiele des SSV Jahn Regensburg und von Bayer Leverkusen angeschaut habe. Wer das nicht kapiert, dem sei gesagt: Das waren die vergangenen Clubs von, genau: Heiko Herrlich.

Zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen sie auch beim Tabellen-17. Werder Bremen, wo die Nerven schon vor der Pause blank lagen. Jetzt tun sie das offenbar noch immer. So engagierte Werder einen zweiten Teampsychologen, der aus dem Jugendbereich kam. Der gute Mann soll jetzt nicht nur die Spieler unterstützen, sondern auch deren Frauen. Die sitzen aus Werder-Sicht, nun ja, offenbar auch mit im Boot und kämpfen gegen den Abstieg. Private Sorgen also sollen fortan tabu sein für die Profis. Klassenverbleib statt Krach daheim – das ist das Bremer Motto.

Aus sportlicher Sicht wird Werder an diesem Wochenende gebannt nach Düsseldorf blicken. Da treffen mit der Fortuna, dem aktuellen Tabellen-16., und dem Schlusslicht SC Paderborn die unmittelbaren Konkurrenten im Abstiegsknaller aufeinander.




Unsere Empfehlung für Sie