Der Bundestrainer nimmt Stellung Warum bei Joachim Löw das Feuer lodert

Joachim Löw denkt gar nicht daran, als Bundestrainer aufzuhören. Foto: dpa
Joachim Löw denkt gar nicht daran, als Bundestrainer aufzuhören. Foto: dpa

Der Trainer der Fußball-Nationalmannschaft gibt sich bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach dem 0:6 gegen Spanien angriffslustig. Seinen Weg stellt Joachim Löw nicht infrage.

Sport: Marco Seliger (sem)

Stuttgart - Eine Stunde und vier Minuten lang dauerte der Auftritt des Joachim Löw und geriet damit vier Minuten länger als geplant. Die Nachspielzeit aber nahm der Bundestrainer nach der vollen Stunde dankend an, wobei er in den vier Minuten nicht viel mehr machte als sein Ergebnis von zuvor zu verwalten. Denn Löw gab auch beim verbalen Auslaufen weiter den starken Mann, der die Deutungshoheit für sich beanspruchte. Und der klare Botschaften aussendete.

Joachim Löw sprach jetzt also wirklich, satte drei Wochen nach dem 0:6 gegen Spanien in Sevilla erschien der Bundestrainer auf dem Pressepodium, und nachdem er sich anfangs kurz die Hände gerieben hatte, erzeugte er Reibung mit seinen Worten. Trotz des Debakels in Spanien und dem folgenden öffentlichen Gegenwind, das wurde schnell klar, weicht der 60-Jährige nicht von seinem Kurs des Umbruchs bei der DFB-Elf ab.

Weiter auf Kurs Umbruch

„Wir verfolgen unsere rote Linie! Es gibt keinen Grund, alles über den Haufen zu werfen“, sagte Löw, was wenig überraschte. Die Fragen zum Dauerthema um die aussortierten Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng umschiffte Löw. „Im Moment“ gebe es keine Veranlassung für eine Rückkehr des Trios. Selbstverständlich werde er bei der EM-Nominierung im Mai 2021 aber genau bewerten, „was uns den größten Erfolg bringt“, sagte Löw. Die Namen Hummels, Müller und Boateng erwähnte er nicht und wurde wenig konkret – im Gegensatz zu seinen Aussagen bei anderen Themenfeldern, bei denen er Kante zeigte.

Der schwerste verbale Angriff des „verärgerten“ und „wütenden“ Bundestrainers galt dem DFB-Präsidium um den Winzer Fritz Keller. Die Durchstechereien von Interna an die Öffentlichkeit der vergangenen Tage hätten ihn „persönlich maßlos enttäuscht“, schimpfte Löw.

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DFB-Direktor Oliver Bierhoff hatte ja für den mit Spannung erwarteten ersten Auftritt Löws nach der 0:6-Schmach „Feuer“ versprochen – und Löw loderte innerlich. Vor allem in Richtung der DFB-Führung teilte er aus. Der Bundestrainer forderte „Geschlossenheit“ statt „Störfeuer“. Denn: „Da herrscht Explosionsgefahr bei mir, wenn Dinge nach außen gehen, die nicht nach außen gehören.“

Telefonat mit dem DFB-Präsidenten

Der interne Vorstoß Kellers, ihn nach der EM vor Vertragsende loszuwerden, sei zudem „so nicht in Ordnung gewesen“, betonte Löw am Montagmittag, er habe sich „nicht einverstanden erklärt“ damit. In einem Telefonat mit Keller habe er „deutlich gemacht, was mich gestört hat“. Nach dieser Aussprache sei die Sache „für mich erledigt“.

Das gilt aber offensichtlich nicht für die vielen Indiskretionen. „Das hat mit Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu tun“, betonte Löw. Dass Interna an die Öffentlichkeit gelangten, habe ihn „sehr geärgert“ und „das habe ich auch klar und deutlich gesagt“. Indirekte Unterstützung bekam Löw am Montag von DFL-Chef Christian Seifert. „Generell wünsche ich dem DFB, dass er aus sich heraus zur Ruhe kommt und das teilweise sehr unwürdige Schauspiel an Illoyalität langsam sein Ende findet“, sagte der Vorsitzende der Profivereinigung.

Löw ergänzte noch, dass ihm in der Präsidiumssitzung am Montag vergangener Woche auf seinen Wunsch hin das Vertrauen ausgesprochen worden sei: „Das war mir wichtig“. Löw aber zeigte sich über eine DFB-Pressemitteilung nach dem Spanien-Debakel verärgert. Dass ihm dort „emotionale Distanz“ verordnet wurde, „war für mich unverständlich“. Diese habe er nicht gebraucht, betonte er. „Ich habe gesagt: ‚Gebt mir einen Tag Zeit’.“

Ein Rücktritt jedenfalls kam für den Bundestrainer auch nach dem 0:6, der höchsten Pflichtspielniederlage in 120 Jahren DFB-Geschichte, nicht infrage. „Diesen Gedanken gab es bei mir nicht. Klar ist man völlig frustriert, diese Niederlage hängt mir persönlich immer noch an und ich stehe mit diesem Frust manchmal morgens auf. Aber als Trainer weiß man schon, wie kann man es einordnen und stimmt der Weg?“, sagte Löw.

Löw geht seinen Weg weiter

Von seinem Weg, das wissen nun endgültig alle, lässt sich der Coach nicht abbringen. Ein möglicher Jobverlust ist für ihn kein Thema und kein Hindernis bei seiner Arbeit. „Ich bin lange im Geschäft. Ich weiß, wie die Uhren ticken. Wenn man sagt, dass man kein Vertrauen in mich hat, dann nehme ich das an und nehme das hin. Dann ist das absolut professionell“, sagte der Trainer.

Das von DFB-Boss Keller ausgegebene Maximalziel Halbfinale will Löw für die EM 2021 aber nicht einfach übernehmen. Diesem Ergebnisdruck setzt er sich nach mehr als 14 Jahren im Amt vor seinem siebten Großereignis nicht aus. „Die Erwartungen sind sicherlich sehr groß, aber das ist unser eigener Anspruch. Wir wollen so weit wie möglich kommen, das Finale erreichen, das Turnier gewinnen.“ Aber er wisse, dass bei einem Turnier „viele Dinge“ passieren könnten, sagte Joachim Löw: „Wir gehen Schritt für Schritt in ein Turnier.“

Das 0:6 von Sevilla, auch das wurde deutlich, nagt noch an Löw. Die Wut, die er danach empfunden habe, „brodelt immer noch in mir“, sagte er. Zweifel an seiner verjüngten DFB-Auswahl habe er deshalb jedoch nicht. Das Vertrauen sei „absolut vorhanden“. Die Mannschaft habe sich „sehr, sehr gut entwickelt“, auch wenn sie 2020 „ein bisschen stehen geblieben“ sei.




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