„Der Golem“ in Mannheim Der Stoff, aus dem die Albträume sind

Von Susanne Benda 

Zu Gustav Meyrinks 1915 erschienenem Schauerroman „Der Golem“ hat der Regisseur Peter Missotten ein Video-Libretto gemacht, das der Komponist Bernhard Lang in Musik setzte. Das Ergebnis bleibt dem Roman und dem Publikum fern.

Alin Deleanu in einer Szene aus „Der Golem“ in Mannheim Foto: Hans Jörg Michel
Alin Deleanu in einer Szene aus „Der Golem“ in Mannheim Foto: Hans Jörg Michel

Mannheim - Die Musik lässt sich nicht greifen. Als schillerndes Klangband mit immer wiederkehrenden Tontrauben tönt sie aus dem Orchestergraben des Mannheimer Nationaltheaters hinauf in den Zuschauerraum. So klingt der Anfang der Oper „Der Golem“, die der Österreicher Bernhard Lang komponiert hat, und wäre dies in den folgenden knapp eineinhalb Stunden so weitergegangen, dann hätte das zu dem vielen Unfassbaren in Gustav Meyrinks Romanvorlage richtig gut gepasst.

Dass dies nicht der Fall ist, ist das eine Problem. Das andere findet sich als Verweis im Programmheft. Peter Missottens „Video-Libretto“ zum Stück, ist da zu lesen, könne der geneigte Zuschauer im Internet anschauen, und tatsächlich ist der Blick ins Netz ausgesprochen aufschlussreich. Dort sieht man 22 schwarz-weiße Filmszenen. Sie spielen vor allem in einer engen Kammer, die auf einer Spiegelachse liegt. Rechts und links sind Bäume, Wurzeln: eine Natur im irritierenden Wechsel zwischen Realität und Verfremdung. In der Kammer agiert ein Mann, um ihn herum geistern rätselhafte Figuren, darunter auch drei mit spitzen Hüten, und zunehmend werden die Aktionen surrealer, un(be)greifbarer. Die Rätselhaftigkeit des knapp einstündigen Videos passt hervorragend zu dem Schauerroman, mit dem der österreichische Autor Gustav Meyrink 1915 großes Aufsehen erregte: Wie der Roman bietet auch der Film ein assoziatives Spiel mit mythischen Symbolen und Parapsychologie, das von aller erzählerischen Logik befreit ist, und zwingend übersetzt er Meyrinks stockenden, immer wieder von sprachlos-erregten Gedankenstrichen unterbrochenen Sprachfluss in eine Folge rhythmischer Bilder.

Die Figuren wandern vom Video auf der Bühne

Dass Missotten behauptet, der Roman sei zwar „ein sehr spannendes Buch, aber nicht gut geschrieben“, lassen wir mal so stehen. Als Regisseur und Bühnenbildner lässt der Österreicher bei der Uraufführung der Oper im Hintergrund Videobilder ablaufen, bringt die Aktionen des Stücks aber real auf die Bühne. Einer der drei nackten Spitzhutträger kriecht, noch ganz Lemur, zu Beginn aus dem Soffleurkasten. Vorne lebt und agiert in einer Art durchsichtigem Wartehäuschen Meyrinks Protagonist Athanasius Pernath (Raymond Ayers), während um ihn herum etliche Gestalten der Vorlage auftauchen und wieder verschwinden, darunter zwei sehr unterschiedliche Damen, ein böser jüdischer Trödler und sein hasserfüllter Sohn (beide exaltiert gesungen und dargestellt von Alin Deleanu), ein singendes Kind und ein Lustmörder.

Schon indem das Kommen und Gehen der Figuren nun ganz real und physisch erlebbar ist, schwindet alles Schauerliche. Meyrinks Atmosphäre des faszinierend Unerklärlichen stirbt an ihrer Konkretisierung; plumpe Eindeutigkeit tötet das schillernd Mehrdeutige. Allein das Fremde bleibt, das Rätsel - wer den Roman nicht kennt, wird an diesem Abend trotz der Übertitel nur wenig verstehen. Durch die Idee, den singenden Figuren verkabelte Mikrofone in die Hand zu geben (was laut Missotten der „Sichtbarmachung der Technik, die hinter den Dingen steht“, dienen soll), wird die Bodenhaftung der Figuren noch zusätzlich verstärkt. Oft ärgert man sich zudem über plumpe szenische Verdoppelungen des Textes. Einen Schwebezustand, der die Aura von Meyrinks Roman widerspiegeln könnte, zeigen nur die Projektionen etwa der 22 Tarotkarten, die der Regisseur als kleine Film-Momente wie Szenen-Logos auf die Bühne wirft und in denen poetische Menschen-Bilder in- und auseinander fließen. Und nett ist auch mancher kleine Einfall – zum Beispiel der, den ewigen Schnee, der zu Beginn permanent aus dem Schnürboden auf die Bühne fällt, am Ende im Video aufwärts rieseln zu lassen.

Langs Loops und Meyrinks Wiederholungen des Immergleichen

Vor allem die Struktur von Bernhard Langs Musik, sein Spiel mit Loops, also mit Wiederholungen kurzer Formteile, ist Meyrinks Spiel mit wiederkehrenden Figuren und Motiven nahe, und überhaupt lässt sich auf den ersten Blick durchaus eine Geistesverwandtschaft von Langs Schleifentechnik mit Meyrinks poetischer Unterminierung der gerichteten (Erzähl-)Zeit feststellen. Das wäre es dann aber auch schon mit den Entsprechungen. Was musikalisch überhaupt nicht zum Roman passen will, sind die Beats, mit denen der Komponist die zwischen Sprechen und Singen gehaltene, oft Rap-ähnliche Textdeklamation erdet. Die Schlagzeuger des Orchesters machen ihre Sache großartig, und überhaupt sorgt der Dirigent Joseph Trafton insgesamt nicht nur für eine klare Darstellung von Langs charakterisierenden Klangfarben, sondern auch für eine gute Koordination selbst der rhythmisch und metrisch ziemlich vertrackten Passagen. Und trotzdem: Auch die Musik passt nicht zum Stoff, aus dem Albträume sind. Auch sie ist viel zu gerade, viel zu laut und zu konkret. Und nach einer Zeit werden die einkomponierten Wiederholungen einzelner Wörter und Satzteile, mit denen neben den Solisten auch der an der Bühnenseite statisch postierte, in der Höhe oft leicht überfordert wirkende Chor betraut ist, nicht nur vorhersehbar, sondern beginnen richtig zu nerven: weil sie ebenso im Dekorativen verbleiben wie die zahlreichen musikalischen Zitate im Stück. Auch die Idee, mit der zwischen Normalstimme und Falsett wechselnden Partie des Athanasius Pernath eine Vokalkunst des Dazwischen zu etablieren, wirkt nur mäßig überzeugend. Spannung ergibt sich zwischendurch, sie ist aber nicht von Dauer.

Bleibt eine letzte Frage: Wer ist der Golem? Bei Meyrink ist diese mystische Figur eine Spiegelung des Protagonisten – vielleicht aber auch nicht. Da ist er Produkt eines Spiels der Fantasie: ein ungreifbares, bedrohliches Nichts. Bei Lang und Missotten mag der Golem unter spitzen Hüten wohnen. Zu sehen und zu hören und vor allem zu spüren ist er nicht.

www.nationaltheater-mannheim.de




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