Ikea-Katalog wird 70 Jahre alt Wie der Möbelriese das Wohnen der Deutschen verändert hat

Von Nicole Golombek 

Zum 70. Geburtstag des Ikea-Katalogs inszeniert sich der schwedische Möbelriese Ikea als Fan der schwedischen Umweltaktivistin Greta Thunberg und wirbt für nachhaltiges Leben. Dass es am nachhaltigsten wäre, einfach nichts mehr zu kaufen – das steht im neuen Katalog aber doch nicht.

So sieht der neue Ikea-Katalog 2021 aus. Er erscheint offiziell am 17. August. Foto: Ikea/Hersteller 10 Bilder
So sieht der neue Ikea-Katalog 2021 aus. Er erscheint offiziell am 17. August. Foto: Ikea/Hersteller

Stuttgart - Ob Greta Thunberg zu Ikea geht? Wer weiß. Sicher ist, dass die junge schwedische Umweltaktivistin wohl keine Wegwerfmöbel schätzt – wegen Ressourcenverschwendung und Umweltbelastung. Schon länger setzt auch der schwedische Möbelriese auf Möbel, die aus recyceltem Material besteht, preist Produkte an, die zwar in Billiglohnländern, aber laut Ikea unter fairen Bedingungen hergestellt wurden. Zum 70. Geburtstag des Ikea-Katalogs setzt das Unternehmen noch stärker auf Nachhaltigkeit.

Einen gedruckten Katalog bekommt ab dem 17. August nur, wer ihn bestellt. Und auf dem Cover wird kein werbewirksames Motto mehr ausgegeben, sondern ganz dem Authentizitäts-Gebot der Ehrlichkeit folgend auf Achtsamkeit und Innovation hingewiesen: Tipps und Tricks für einen „besseren Alltag“ – für 279 Euro und eine Gardine, die Schadstoffe aus der Luft filtert.

Skandinavische Tugend der Bescheidenheit

Im Katalog selbst finden sich viele Anleitungen, wie man auch ohne gleich alle Möbel auszutauschen sein Zuhause wohnlicher, praktischer einrichtet mit Vorher-Nachher-Bildern, wie man sie auf Online-Plattformen wie Instagram oder Pinterest häufig sieht.

Neu auch: Die Jahreszahl fällt weg, damit zeigt man an – es geht hier nicht um Neuheiten, die nur ein Jahr gelten sollen, sondern um eine inhaltliche Neuausrichtung.

Schon in der Vergangenheit hat die Firma manches cleverer gemacht als ihre Konkurrenz. Schon 1915, so ist in dem Buch „Nordic Design“ (Arnoldsche Verlag, Stuttgart) zu lesen, propagierte man in Schweden einen modernen, praktischen, zweckmäßigen Lebensstil mit „schönen Alltagswaren“. Der Architekturhistoriker Atli Magnus Seelow beschreibt den Geist der damaligen Zeit: „Ziel ist nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch sozialer Fortschritt, ja nichts weniger als ein besseres Leben für alle.“ Klingt wie ein Ikea-Slogan von heute.

Schon in den 1940ern boten schwedische Firmen Stühle, Tische, Regale zum Zusammenbauen und verschickten sie in flachen Paketen. Ikea entwickelte die Idee konsequent weiter, warb mit skandinavischen Tugenden wie einer gewissen lockeren Bescheidenheit, duzte seinen Kunden freundschaftlich, gab den Dingen Namen (Ivar, Billy und Co.), wählte als Wiedererkennungsfarben die der Flagge. Dieses alle umarmende, einfache Konzept wurde weltumspannend umgesetzt – heute kennt man „Billy“-Regale in über 50 Ländern auf der ganzen Welt und findet sie sogar in Designmuseen.

Ikea reagiert auf gesellschaftliche Trends

Ikea-Gründer Ingvar Kamprad schaltete schon im Jahr 1945 Werbeanzeigen, bot lang vor Online-Shopping die Möglichkeit, Möbel postalisch zu ordern, ließ 1951 den ersten Ikea-Katalog drucken. Auch gesellschaftliche Trends griffen die Ikea-Werbeprofis auf. Mit dem Slogan „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ etwa wurde die aktuelle Achtsamkeitsdebatte zum wohlig, emotional ausgeglichenen Lebensstil vorweggenommen.

Seit skandinavisches Design durch den dänischen „Hygge“-Hype noch beliebter geworden ist, setzt auch das schwedische Unternehmen noch stärker auf behagliche Gemütlichkeit. Längst bevölkern zudem Patchwork-Familien die Küchen, die Wohn- und Schlafzimmerbilder. Natürlich gibt’s – Stichwort Corona –im neuen Katalog jede Menge Beispiele für Zuhause-Arbeitsplätze.

Limitierte Kollektionen von Designern

Der schwedische Möbelhersteller produziert bis heute demokratisches Design auch in finanzieller Hinsicht. In den früheren Jahren warb man auf dem Cover auch mit niedrigen Preisen. Und lockte Menschen mit anderem, etwas nüchternerem Geschmack als dem ihrer Eltern und Großeltern, die oft noch ihre Wohnzimmer mit mächtigen Schrankwänden und Sofaungetümen vollstellten.

Doch längst ist Ikea nicht mehr nur Anlaufstelle für Wohnanfänger, die sich günstige Holzregale kaufen und Sofas, die nicht länger als zwei, drei Jahre halten. Sie gewinnen bekannte Designer für sich, deren Produkte sich sonst nur Besserverdiener leisten können, und die nun für Ikea Möbel entwerfen, die für einen kleinen Preis herstellbar sind.

Um die Teppiche, Stühle, Daybeds von Designer, Musikproduzent, Louis-Vuitton-Kreativchef Virgil Abloh zu bekommen, bildeten sich im November 2019 lange Schlangen vor den Läden. Manch einer erstand die – streng limitierten – schicken Stücke der „Markerad-Kollektion“ vielleicht auch in der Hoffnung, dass die limitierten Teile irgendwann eine Menge Geld einbringen könnten.

Auf diese Weise entsteht womöglich auch ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit und möglichst lange Lebensdauer von Waren. Am nachhaltigsten freilich wäre es, nichts zu kaufen oder im Trödel- oder Second-Hand-Laden einzukaufen. Doch das wäre wohl etwas viel verlangt von einem Unternehmen, das Waren verkaufen will. Und so gibt es auch im neuen Katalog wieder Dinge, die der Mensch nicht notwendig zum Wohnen braucht, von denen er aber glaubt, dass sie sein Leben schöner und einfacher machen.




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