Der Portugiese Rui Pinto ist vermutlich jener geheimnisumwitterte Whistleblower, der die Medien mit Details illegaler Geschäfte und Absprachen im Profifußball versorgt hat. Jetzt ist er in Budapest verhaftet worden. Kann er mit einem fairen Verfahren rechnen?

Korrespondenten: Martin Dahms (mda)

Budapest - Knapp zweieinhalb Jahre lang war es auf der Facebookseite der Enthüllungsplattform Football Leaks still geblieben. „Wir haben nichts mit den jüngsten Panama-Papers-Skandal-Leaks zu tun“, war die letzte Nachricht vom 5. April 2016. „Hört auf zu fragen, Leute. Cheers!“ Dann, am 13. September letzten Jahres, meldete sich wieder jemand: „PJ sucht nach mir? LOL. Catch me if you can.“

Der Mann, nach dem die portugiesische Kriminalpolizei (PJ) suchte, ist Rui Pinto. Jetzt lacht er nicht mehr. Die Polizei hat ihn in Budapest geschnappt. Dort ist er nun unter Hausarrest, in drei bis vier Wochen soll er ausgeliefert werden, hoffen die Ermittler. Sie halten den 30-jährigen Portugiesen für einen gefährlichen Kriminellen. „Seine Festnahme ist auch präventiv“, sagte ein anonymer Strafverfolger der Lissaboner Zeitung Diário de Notícias.

Er brachte peinliche Details ans Licht

Das klingt beinahe respektvoll. Die Polizei traut dem jungen Mann einiges zu. Pintos Festnahme in einer Wohnung in Budapest – seinem „Versteck“, sagen die Ermittler – hat in Portugal großes Aufsehen erregt. „Junger portugiesischer Hacker, der Korruption und dreckige Geschäfte in Fußballclubs (namentlich Benfica) öffentlich gemacht hat, ist in Ungarn festgenommen worden“, schrieb die bekannte sozialistische Europaabgeordnete Ana Gomes auf Twitter. „Ist er ein Cyber-Pirat oder ein Whistleblower?“

Wahrscheinlich ist er beides. Ein begnadeter Hacker, der sich an seinen eigenen Fähigkeiten gefreut hat, ohne nach Recht und Gesetz zu fragen. Und ein Informant der Öffentlichkeit, die durch ihn Dinge erfuhr, die sonst womöglich unter dem Teppich geblieben wären. Die Football Leaks, eine Enthüllungsplattform über das Innenleben des Profifußballs, gibt es seit Herbst 2015. Bekannt wurde die Plattform im Dezember 2016, nachdem der „Spiegel“ mit dem europäischen Recherchenetzwerkes European Investigative Collaborations deren Material ausgewertet hatte und zu veröffentlichen begann.

So kamen Steuerhinterziehungsvorwürfe, geheime Transfervereinbarungen oder rechtswidrige Verträge zwischen Clubs und Rechtevermarktern ans Licht. Unter anderem ging es um die Planung einer euorpäischen „Super-Liga“ von mehreren Top-Vereinen und die Unterstützung durch Fifa-Präsident Gianni Infantino.

Eine Bank wurde von ihm erpresst

Im September vergangenen Jahres sickerte in Portugal der Name Rui Pinto durch – worauf offenbar er selbst mit dem forschen Facebook-Eintrag reagierte und damit den Verdacht gegen ihn bestätigte. Fehlte nur noch sein Aufenthaltsort. Sobald die Ermittler den hatten (wie sie ihn fanden, verraten sie nicht), baten sie die ungarische Polizei um Amtshilfe.

Pinto stammt aus der Nähe von Porto, er studierte Geschichte und ist als Informatiker ein Autodidakt. Offenbar einer mit Talent. Laut dem Bericht einer Boulevardzeitung gelang es ihm als 23-Jährigem, die (mittlerweile bankrotte) Caledonian Bank auf den Cayman-Inseln um 270 000 Euro zu erleichtern. Er wurde nie belangt, weil die Bank keinen Skandal wollte.

Laut Diário de Notícias soll er versucht haben, eine Sportrechtefirma zu erpressen, bevor er bei ihr gehackte Daten öffentlich machte. Seine Anwälte dagegen, unter ihnen der Franzose William Bourdon, der auch schon Edward Snowden vertrat, halten ihn für einen „sehr bedeutenden europäischen Whistleblower“, der keineswegs vor Gericht gehöre. Pinto arbeite bereits mit der französischen Justiz zusammen, sagte Bourdon. Er wird viel zu erzählen haben.