Der langjährige Leiter des Ditzinger Liegenschaftsamtes geht in Pension Ein Leben für die Unterschrift

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Ohne ihn wäre einiges nicht möglich gewesen in Ditzingen, nicht in kurzer Zeit. Karl Schill hat Ade gesagt.

Karl Schill hat fast vier Jahrzehnte in Ditzingen gewirkt. Foto: factum/Simon Granville
Karl Schill hat fast vier Jahrzehnte in Ditzingen gewirkt. Foto: factum/Simon Granville

Ditzingen - Man sieht sich immer zweimal im Leben. Karl Schill formuliert es nicht so, er sagt lieber zurückhaltend sachlich: „Vergleichbare Fälle müssen vergleichbar bleiben.“ So oder so, er handelte danach, fast vier Jahrzehnte lang. Ob in der Verhandlung mit dem Großgrundbesitzer oder im Gespräch mit dem Eigentümer eines kleinen Gartens. Der Leiter des Ditzinger Liegenschaftsamtes war maßgeblich an der Entwicklung der Stadt beteiligt. Nun hat sich Karl Schill aus dem Rathaus verabschiedet. Er sei, sagt er selbst, „in den Unruhestand“ gegangen. 37 Jahre war er bei der Stadt, davon 33 Jahre Amtsleiter. Nun folgt ein Sabbatjahr, danach geht er in Pension.

Begegnungen auf Augenhöhe

Sein Blick ist nach vorne gerichtet, der Blick zurück indes erfüllt ihn mit Stolz, Zufriedenheit und auch Dankbarkeit, so lange in dieser Stadt gewirkt haben zu dürfen. „Die Stadt trägt an vielen Ecken meine Handschrift“, sagt der 62-Jährige ebenso selbstbewusst wie zurückhaltend. Denn was wäre gewesen, hätte er die wenigen nicht vom Verkauf ihrer Äcker überzeugt, um die Ansiedlung von Thales zu ermöglichen? Was wäre gewesen, hätte er die rund hundert Eigentümer nicht für den Bau der Westumfahrung gewinnen können?

Schill weiß, dass er in den Verhandlungen die im Zweifelsfall mächtigere Kommune vertrat, die den Bau einer Umfahrung auch mittels Enteignung hätte durchsetzen können. Doch in den 37 Jahren habe es kein einziges Enteignungsverfahren gegeben, sagt Schill.

Vielleicht war das möglich, weil der Verwaltungswirt seinen Verhandlungspartnern stets auf Augenhöhe begegnen wollte. Bei Bedarf suchte er deshalb das direkte Gespräch auch mal auf dem Acker. Dabei kam ihm seine Gabe zugute, schnell mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Doch auch wenn man zunächst über die letzte Ernte oder das aktuelle Wetter plauderte: Wenn Schill den Kontakt suchte, wusste sein Gegenüber in der Regel, dass die Stadt Interesse an dessen Grund und Boden hatte. Schill führte die Gespräche deshalb mit der größtmöglichen Offenheit und der nötigen Verschwiegenheit. Er konnte ja beispielsweise nicht erzählen, den Technologiekonzern Thales halten zu wollen und dass die Region deshalb eine sechs Hektar große Fläche benötigte. Er habe statt dessen von einer möglichen Umwandlung in ein Gewerbegebiet gesprochen, erzählt Schill. Am Ende hätten seine Argumente immer auch jene überzeugt, die eigentlich nicht hätten verkaufen wollen, sagt Schill.

Schill überzeugte, er überredete nicht. Er weiß schließlich, dass in dem Geschäft die öffentliche Meinung schnell ins Negative kippt, wenn der Bürger das Gefühl hat, übervorteilt zu werden. In diesem Zusammenhang betrachtet, schmunzelt Schill im Nachhinein bei der Erinnerung an eine Vertragsunterzeichnung. Man traf sich, um mit der Seniorin den Vertrag zu unterzeichnen. Der Fußboden war glatt, der Stuhl hatte wenig Halt. Als die Seniorin sich für die Unterschrift nach vorne über den Tisch beugte, rutschte der Stuhl zurück, sie rutschte vom Stuhl und schlug mit der die Stirn auf dem Tisch auf. Das Blut aus der Platzwunde ziert noch heute die Urkunde – freilich mit dem erklärenden Zusatz versehen, wie es dazu gekommen war.

Zu überzeugen war das eine, transparent und vergleichbar zu bleiben, das andere. So wie er den Kontakt auf dem Acker suchte, so wurden deshalb für den Bau der Ortsumfahrungen alle Grundstückseigentümer zur selben Zeit angeschrieben, ihnen gemeinsam die Pläne präsentiert. „In der kollektiven Erinnerung gibt es keinen, der das Gefühl hat, schlechter behandelt worden zu sein“, sagt sein Chef, der Oberbürgermeister Michael Makurath.

Die Grundstücksangelegenheiten blieben Chefsache, auch als das Amt wuchs. Wirtschaftsförderung und Gebäudemanagement kamen dazu, also die Verantwortung für die städtischen Immobilien auch während der beiden Flüchtlingswellen der vergangenen Jahre. „Ich habe die Liegenschaften als mein Hobby empfunden“, sagt Schill. Bisweilen führte sein Weg mehrfach in der Woche zum Notar. So entscheidend dieser Termin immer gewesen ist, so sehr war er in der Regel Formsache, weil die Verträge vorab bis ins Detail ausgehandelt sind.

Auch im in jenem Fall, für den Schill eigens nach Frankfurt reiste. Am frühen Abend, so rechnete er, würde er wieder zurücksein. Weit gefehlt: die Vertreter des Vertragspartners diskutierten den Vertrag abermals in allen Einzelheiten. Schill wusste, wie weit der Gemeinderat bei Änderungen mitgehen würde. Am Ende waren auch unter diesen Vertrag die Unterschriften gesetzt.

Aus dem Rathaus in die Ferne

Der Vorsitzende des Gemeinderats, Oberbürgermeister Michael Makurath, würdigt seinen langjährigen Amtsleiter als geradlinig und verlässlich, mit einer gewissen Frustrationstoleranz, wenn Grundstücksgespräche im ersten Anlauf nicht gewünscht waren. Mancher, so Makurath, habe das Grundstücksgeschäft noch unbedingt mit Karl Schill abschließen wollen.

Schill selbst zieht es nun in die Ferne, nach Brasilien, die neue Heimat seiner Tochter. Er habe seinen Beruf gerne ausgeübt, daran lässt er keinen Zweifel. Er lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass er sich auf die Zukunft freut. In seiner Abschiedsmail zitierte er eine Weisheit aus Südafrika.

Darin heißt es: „Wer immer kommt, kommt. Und es ist richtig. Wann immer es beginnt, beginnt es. Und es ist richtig. Und wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Und es ist richtig.“ „Diese Gelassenheit“, sagt Karl Schill, „hat mir immer gutgetan“.




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