Der Tote des Jahres 2019 Der letzte Zar

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Entrückt und doch nahbar, durchgeknallt und gleichzeitig von preußischer Korrektheit – der Modedesigner Karl Lagerfeld war einer der rätselhaftesten Prominenten der Welt. Er war seine eigene Marke, made in Germany – das hat man in seiner Heimat erst posthum erkannt.

Karl Lagerfeld ist am 19. Februar 2019 gestorben. Nicht nur die Modewelt war bestürzt. Der berühmte Designer war kein Revolutionär der Mode, eher ein Modernisierer. Am Ende war Karl Lagerfelds größter Entwurf er selbst. Klicken Sie sich durch unsere Bilderstrecke. Foto: dpa/Caroline Seidel 21 Bilder
Karl Lagerfeld ist am 19. Februar 2019 gestorben. Nicht nur die Modewelt war bestürzt. Der berühmte Designer war kein Revolutionär der Mode, eher ein Modernisierer. Am Ende war Karl Lagerfelds größter Entwurf er selbst. Klicken Sie sich durch unsere Bilderstrecke. Foto: dpa/Caroline Seidel

Stuttgart - Karl Lagerfeld war anstrengend. Mit seiner Omnipräsenz, seinen Spleens, seinen unzähligen Projekten, Kooperationen, Hobbys, Ideen, Musen, Kollektionen konnte er gehörig nerven. Da kam doch kein Mensch mehr mit! Was sollte das überhaupt – als Chef von Chanel, einem der profiliertesten Modehäuser der Welt – sich ständig aus dem goldenen Käfig heraus bewegen und sich mit dem Volk gemein machen – sei es durch Kooperationen mit Opel, Puma oder H &M oder mit Auftritten in Talkshows, in denen er immer für einen Lacher gut war. Lagerfeld, der schnodderige Sprücheklopfer, der Modefreak. Die Rampensau. Und seine Birmakatze Choupette. Typisch.

Der Designer bleibt ein schier unbeschreibliches Phänomen

So in etwa war das Bild der Deutschen von ihrem einzigen wirklichen Stardesigner, der am 19. Februar mehr oder weniger plötzlich mit 85 Jahren starb. Liest man den Stapel an Nachrufen, bekommt man den Eindruck, eine Nation habe etwas gut zu machen gehabt, eine Korrektur des Bildes vornehmen müssen.

Davon zeugen allein die vielen schillernden Etiketten, mit denen der Designer posthum versehen wurde: Monument der Widersprüche, energetischer Kreativer, Karma-Chamäleon, Warhol der Mode. Gleichzeitig bleibt der 1933 in Hamburg als Sohn des Glücksklee-Fabrikanten Otto Lagerfeld und dessen Frau Elisabeth Bahlmann geborene Karl ein schier unbeschreibliches Phänomen.

Tiefschürfend Persönliches erfuhr man nicht von Karl Lagerfeld

Man weiß alles und nichts über den Mann, der sein wahres Alter stets jünger schummelte und dem eine lebenslange Rivalität mit dem anderen bedeutenden Designer des vergangenen Jahrhunderts, Yves Saint Laurent, nachgesagt wird. Dieser soll eine Affäre mit Lagerfelds großer Liebe Jacques de Bascher gehabt haben, der 1989 an Aids starb.

Niemals hätte sich der Modezar dazu geäußert. So viel aus dem Designer mit dem weiß gepuderten Zopf, den schmalen Dior-Anzügen (die er sich nach seiner Radikal-Diät wieder leisten konnte), der dunklen Sonnenbrille und dem Fächer, mit dem er sich aufdringliche Menschen vom Leib fächerte, auch heraussprudelte, tiefschürfend Persönliches erfuhr man von ihm nicht.

Er gab den Näherinnen bis zuletzt Änderungen am Telefon durch

Lieber echauffierte er sich über Merkels Flüchtlingspolitik, die er verachtete, oder lästerte über Prominente. Ein echter Lagerfeld, als er 2012 mit dem Satz „Sie ist ein bisschen zu fett“ über die britische Sängerin Adele Schlagzeilen machte. Und selbst wenn Lagerfeld über sich selbst sprach, konnte man nie wissen, ob er es ernst meinte oder ob er seinem Gegenüber gerade einen Bären aufband.

Über seine Mutter sagte er einmal, dass sie ihm gegenüber tolerant bis zur Gleichgültigkeit gewesen sei. „Das habe ich so geschätzt an ihr, dass ich es genauso halte.“ Doch gleichgültig war Lagerfeld keineswegs. Seine Arbeit nahm er bis zum Schluss wie ein Besessener ernst: 2017 entwarf er 14 Kollektionen, da hatte er bereits 65 Jahre Modeindustrie hinter sich, erst bei Balmain, dann künstlerischer Direktor bei Chloé, später Fendi, ab 1982 Chanel. Seine Schauen inszenierte er wie Gottesdienste, Prunk und Pomp konnten nicht opulent genug sein. Man sagt, er habe die Haute-Couture-Show Anfang des Jahres, bei der er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr erschien, von zu Hause aus dirigiert und bis kurz vor Beginn den Näherinnen letzte Änderungen durchgegeben.

Lagerfelds Genialität lag in der Inszenierung Lily-Rose Melody Depp

Vielleicht war sein grotesk-blasiertes Auftreten („Erzählt, was ihr wollt, Hauptsache, es stimmt nicht“) auch Ausgleich für das, was er modisch nie erreicht hat: etwas Universelles zu kreieren, so wie seine Vorgängerin Coco Chanel mit dem Kleinen Schwarzen oder Yves Saint Laurent mit dem Damen-Smoking. Lagerfelds Genialität lag in der Inszenierung – seiner Mode und seiner selbst.




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