Der Wahn von der Identität Die Kämpfer der Ewigkeit

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Menschenrechte, Demokratie, Ausgleich der Interessen, globale Zusammenarbeit, Vielfalt der Kulturen: die Ideen und Werte des Westens sind nicht mehr selbstverständlich. Alte und neue Feinde formieren sich. Zum Beispiel: die Bewegung der Identitären.

Berliner Demo der Identitären: Der Wahn von der Normalität bekommt eine Fahne. Foto: dpa
Berliner Demo der Identitären: Der Wahn von der Normalität bekommt eine Fahne. Foto: dpa

Stuttgart - Eigentlich ist der Begriff unverfänglich. Anders als „Nationalismus“ oder „Rassismus“ verrät „Identität“ nicht gleich auf den ersten Blick, dass es zum Angriff ruft. Es gibt Fächer, die benutzen ihn seit langer Zeit und sicher produktiv, die Soziologen, Psychologen, Mathematiker. Gerade deswegen kann er sich in die politische Debatte ganz unschuldig, weil scheinbar sehr sachlich einschleichen. Er will doch gar nicht verletzen. Er will doch gar nicht verstoßen. Er will doch gar nicht vertilgen. Aber er wird doch wohl einfach mal in Ruhe und Gelassenheit aussprechen dürfen, was gerade von allen Seiten relativiert und infrage gestellt wird.

Die Identität des Abendlands. Die Identität des Deutschen. Die Identität der Engländer, der Franzosen, der Tiroler. Die Identität der Geschlechter, des Mannes, der Frau. Die Identität der christlichen Kultur. Die Identität der Hochkultur. Die städtebauliche Identität. Das Wesen der Ehe. Das Wesen der Bildung. Das Wesen des Wasen. Auf welchen Gegenstand, auf welche Gruppe auch immer man den Begriff anwendet, es steckt immer die gleiche Behauptung darin: Da ist ein Kern, und den gibt es an sich und seit ehedem. An ihm festzuhalten, ihn notfalls mit allen Mitteln zu verteidigen, das sei Recht und Pflicht zugleich, ein Akt von Wahrheit und Vernunft. Das sei man schuldig dem reinen Menschenverstand. Sonst werde man noch ganz wirr im Konzert der Moden, der Trends und der Political Correctness.

Ein Hauch von coolem Lebensstil

Ein Teil der aktuellen rechtsgerichteten Gruppen nennen sich gerade „identitär“. Das ist schick, weil es sich einerseits im Gegensatz zu „nationalistisch" oder „rassistisch“ geradezu philosophisch anhört. So lassen sich Teile der dazugehörigen Debatte sogar in Uniseminaren, Feuilletons und Denkermagazinen führen. „Ich lege Wert auf Identität“, das klingt analog zu „ich lebe jetzt vegan“ nach einem neuen coolen Lebensstil. Greift zu viel Wertepluralismus nicht die Wurzeln unserer Gemeinschaft an? Setzt der Ansturm der Einwanderer unsere deutsche Kultur aufs Spiel? Emanzipation ist ja ganz schön, aber gibt es nicht schlicht biologische Unterschiede? „Ich habe Angst, in Deutschland keine Heimat mehr zu haben“, spricht eine junge Frau auf einem Youtube-Video der „Identitären Bewegung“.

Was ist der Irrtum solchen Denkens in Identitäten? Es denkt per se unhistorisch. Es stellt zwar nicht in Abrede, dass sich deutsche Nation, christliches Abendland, Geschlechterrollen oder Kulturstandards im Lauf der Zeit verändert haben. Aber das Reden von Wesensidentitäten geht immer von der Existenz eines Normalzustands aus, einem warm leuchtenden Kern, in dessen Nähe es sicher und kuschelig ist: Deutschland in seinen natürlichen Grenzen – Mann und Frau, wie Gott sie erschuf – das Abendland, christlich – die deutsche Sprache, rein und unverfälscht von Fremdwörtern.

Geschichte ist Vermischung

Aber all das ist völlig imaginär, reines Konstrukt. Man könnte auch schärfer sagen: Es sind Phantome. Es gibt (außer am Meeresufer) keine natürlichen Grenzen, es gibt keine ursprünglichen Geschlechterrollen, es gibt keine Ur-Ehe, und es gibt keine reine, unverfälschte Sprache. Die Geschichte der Menschheit ist von Anfang an Austausch und Vermischung, biologisch und kulturell, friedlich oder unfriedlich. Es ist eben Geschichte. Und dass diese Geschichte einen Sinn verfolgt oder ein Ziel anstrebt, das mag man als religiös affiner Mensch glauben und sein persönliches Leben danach ausrichten. Aber dieser Glaube darf, so die Erkenntnis des Westens, nicht zum Programm der Politik werden. Das ist im Übrigen eine durchaus bittere Erkenntnis, gewonnen aus Jahrhunderten an Weltgeschichte voller Katastrophen im Namen der Ideologien, die ja nichts anderes sind als Religionen und die nie verlegen waren, im Namen ihrer Identitäten schrecklichste Opfer zu verlangen.

In der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten 1776 wurde erstmals jener Anspruch formuliert, der eine der Grundlagen westlichen Denkens zum Ausdruck bringt: das Recht des Einzelnen auf Leben, Freiheit und auf das Streben nach Glück – wohlgemerkt, als individuelles Recht, nicht gebunden an die Zugehörigkeit zu Gruppen oder Zuständen. Das natürliche Recht des Strebens findet seine Grenzen allein im Respekt davor, dass der Nachbar just im Besitz des gleichen Rechts ist. Neu ist an diesem Punkt der Weltgeschichte: Das Glück selbst wird 1776 nicht verkündet, es wird auch nicht definiert. Es wird ein Prozess in Gang gesetzt, ein Weg eröffnet. Der Ausgang ist offen. Fehler sind jederzeit möglich, müssen so schnell wie möglich erkannt und korrigiert werden. Jene Dynamik, die schon immer in menschlicher Geschichte steckte, wird hier zum Prinzip erhoben. Und es wird nach einer Organisation von Gesellschaft, Staat, Wirtschaft und Kultur gesucht, die diesem Prinzip größtmögliche Rechnung trägt.