„Der Welten Lohn“ auf dem Kulturwasen Stuttgarter Tatort feiert Premiere

Von Kathrin Horster 

Am Freitagabend hat der SWR seinen neuesten Stuttgarter Tatort präsentiert. Mit von der Partie: Richy Müller. „Der Welten Lohn“ beleuchtet die Folgen eines Korruptionsfalles.

Die Zuschauer auf dem Kulturwasen bekamen den neuen  Stuttgarter Tatort „Der Welten Lohn“ als erstes zu sehen. Foto: SWR/Ronny Zimmermann 6 Bilder
Die Zuschauer auf dem Kulturwasen bekamen den neuen Stuttgarter Tatort „Der Welten Lohn“ als erstes zu sehen. Foto: SWR/Ronny Zimmermann

Stuttgart - Sommer und Sonne zeigen sich nicht mehr zur Premiere des Stuttgarter Tatorts „Der Welten Lohn“ auf dem Kulturwasen am Freitagabend, stattdessen durchziehen von fahlem Licht beschienene Wolkenbänke den frühherbstlichen Abendhimmel. Doch wenigstens ist es trocken.

Beim Dreh des neuen Falles von Lannert und Bootz gab es nichts als „Regen, Regen, Regen!“, erzählt Richy Müller der Moderatorin des Abends vorne auf der Bühne. „Wir sehen zwar feucht aus, aber wir haben am Set die Jacken geföhnt bekommen“. Man rückt unwillkürlich enger zusammen im Auto, der Herbst erscheint nur noch eine Armeslänge weit entfernt, erst recht, als Müller von einem eigenen, lang vergangenen Autokino-Erlebnis schwärmt, „Das große Fressen“, jenem Streifen über Wollust und Völlerei aus den frühen Siebzigern mit Michel Piccoli und Marcello Mastroianni. „Da regnete es auch!“ Weil man damals noch einen Lautsprecher ins Auto gereicht bekam, mussten die Fenster einen Spalt offen bleiben. Bald waren die Scheiben beschlagen vom Wechsel der kalten Luft draußen und den warmen Wallungen im Wagen. „Es war schön!“, schwelgt Müller, und räumt die Bühne für den mutmaßlichen Mordfall an Diana Geddert.

Die liegt mausetot in einem Waldstück. Beim Sturz auf ihrer Joggerstrecke hat sie sich ein tödliches Schädel-Hirn-Trauma zugezogen, auf dem Tisch des Pathologen sieht sie unversehrt und friedlich aus. Trotzdem die Frage: Wurde die Frau heimtückisch gestoßen oder ist sie bloß unglücklich gestolpert?

Ermittlungen beginnen in Möhringen

Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) beginnen mit ihrer Ermittlung beim in Möhringen ansässigen Autozulieferer Rückert und Brenner, wo die Tote seit zwölf Jahren als Personalchefin gearbeitet hatte. „Wirtschaft ist Kampf!“, dröhnt der Vorstandsvorsitzende Herr Dr. Bessler (Stephan Schad) bei der Befragung, will aber nichts von möglichen Feinden von Frau Geddert wissen. „Wir haben hier eine gute Unternehmenskultur“, bellt er noch, und komplimentiert die Beamten aus dem Büro.

Dass das nicht so ganz stimmt, erfährt man anhand von Oliver Manlik (Barnaby Metschurat), der drei Jahre und vier Monate in den USA im Knast gesessen hat für die Firma, angeblich soll er in einen Korruptionsfall verwickelt gewesen sein. Als er mit Frau und Sohn in Florida Urlaub machen will, wird er bei der Einreise verhaftet und kommt erst nach abgesessener Strafe zurück nach Deutschland. Jetzt will er Entschädigung dafür, dass er für die wahren Schuldigen den Kopf hingehalten hat. Könnte er Diana Geddert auf dem Gewissen haben? Und welche Rolle spielt der unangenehme Dr. Bessler mit seinem treu ergebenem Sicherheitschef Neumann in der Affäre um Oliver Manlik?

Figuren in schwerem Gewissenskonflikt

„Der Welten Lohn“ ist im Kern mehr bitteres Sozialstück als nervenzerfetzender Krimi. Ein Sujet, in dem sich der 1974 geborene Regisseur Gerd Schneider auskennt. Schon in seinem Spielfilm „Verfehlung“ (2015) zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche bewies der studierte Theologe sein Interesse für Figuren, die in einen schweren Gewissenskonflikt geraten.

Oliver Manlik ist ein Getriebener seiner Rachegelüste gegen den ehemaligen Arbeitgeber, aber auch ein Spielball seiner Wut und Enttäuschung, während der langen Haft von der Familie entfremdet worden zu sein. Ein allzu typisches Opfer, das Sätze sagt wie „Ich habe der Firma vertraut“, und sich nun wundert, dass ihn Dr. Bessler weder zurück nehmen will, noch entschädigen wird.

Der Unternehmenspatriarch verkörpert den Alptraum des neoliberalen, nur eigenen Gesetzen verpflichteten Geschäftemachers, der Lannert und Bootz wie Schmeißfliegen an die Wand klatscht mit Sentenzen wie „Sie werden mit meinen Steuergeldern bezahlt“ oder „Sie sind das Mittelmaß“. „Wirtschaft ist halt Krieg, grausam und dreckig“, höhnt er, sehr glaubwürdig vermittelt Stephan Schad, dass es seinem Dr. Bessler gefällt, solche Dinge zu sagen.

Hetzjagd durchs Gerberviertel

So universell die Grundlagen des Konfliktes sind; er passt in die schwäbische Gesellschaft der strengen, auf Erfolg geeichten Schaffer, deren karikaturistisch überhöhtes Ideal Dr. Bessler verkörpert. Ein zunächst passives, erst durch tiefe Verletzung mobilisiertes Opfer wie Oliver Manlik, den selbst der eigene halbwüchsige Sohn für einen Versager hält, ist ein Störfaktor in dieser Gemeinschaft, das arbeiten Gerd Schneider und der Drehbuchautor Boris Dennulat gut heraus. Sichtbare Stuttgart-Bezüge werden im Verlauf einer flotten Hetzjagd durchs Gerberviertel sichtbar. Im Schweinsgalopp geht es über den historischen Hoppenlau-Friedhof, die Breitscheidstraße entlang, weiter zum Rotebühlplatz und zur Tübinger Straße. Wer aufpasst, kann später den Parkour selbst ablaufen.

Schade nur für´s Premierenpublikum, dass die digitale Übertragung besonders in den wichtigen Schlussszenen mehrfach hängenblieb. Na, macht nichts, es gibt ein Wiedersehen mit diesem Fall, wenn Sommer und Sonne nur noch blasse Erinnerungen sind und der Regen wieder auf Stuttgart fällt.

Info

„Tatort – Der Welten Lohn“ ist der 25. Fall der Stuttgarter Kommissare. Sendetermin ist am 1. November, 20.15 Uhr im Ersten. Lannert und Bootz ermitteln inzwischen seit zwölf Jahren. Die im letzten Fall ausgeschiedene Staatsanwältin Emilia Álvarez wird von beiden schmerzlich vermisst. Als die beiden einen Rüffel für eine spontane Hausdurchsuchung riskieren, sinniert Bootz nostalgisch: „Mit Frau Álvarez wäre das okay gewesen!“.




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