Deutsche Trainer bei der Biathlon-WM Unter fremder Flagge

Von Jürgen Kemmner 

Bei der Biathlon-WM in Östersund kämpfen fünf deutsche Trainer für andere Nationen um Medaillen. Wir zeigen, wer sie sind.

Als Biathlon-Coach in Schweden erfolgreich: der Bayer Wolfgang Pichler Foto: Getty 10 Bilder
Als Biathlon-Coach in Schweden erfolgreich: der Bayer Wolfgang Pichler Foto: Getty

Östersund - Eigentlich müsste er Ehrenbürger von Östersund sein. Vielleicht sogar schwedischer Staatsbürger. Aber dem ist nicht so – Wolfgang Pichler ist Ruhpoldinger, auch wenn der 64-Jährige mit Unterbrechungen 19 Jahre als Trainer der Schweden verbracht hat. Er formte Magdalena Forsberg zum ersten Biathlon-Star des Landes, zwischen 1997 und 2002 gewann die heute 51-Jährige sechsmal den Gesamtweltcup. Bei den Winterspielen 2006 schnappte sich sein Schützling Anna Olofsson erst Silber im Sprint und dann Gold im Massenstart – es war der erste Olympiasieg einer schwedischen Biathletin. Bei der WM 2007 gewann die Mixed-Staffel den Titel, und Pichler wurde zwar nicht Ehrenbürger, so doch bei der landesweiten Sportlerwahl mit einem Spezialpreis für seine überragenden Verdienste bedacht. Helena Jonsson wurde 2009 Weltmeisterin in der Verfolgung und Gesamtweltcupsiegerin. Nach einem wenig ruhmreichen Intermezzo als russischer Coach bis 2014 kehrte der Bayer 2016 nach Schweden zurück – mit ihm der Erfolg. Bei den Spielen in Pyeongchang gab es zweimal Gold und zweimal Silber. „Eigentlich hätte ich danach aufhören sollen. Das war ein Sechser im Lotto“, sagt Pichler heute. Nun hört er auf. Endgültig. „Ich arbeite mit so viel Herzblut, das ist sehr anstrengend“, sagt er, „irgendwann muss Schluss sein.“ Und zwar im März 2019.

Biathlon wie Fußball

Nun ist Pichler zwar der erfolgreichste deutsche Biathlon-Coach, aber nicht der einzige Bundesbürger, der als Legionär in fremden Diensten steht. Ricco Groß ist Trainer der ­Österreicher, Michael Greis coacht das US-Team, Matthias Ahrens arbeitet als Boss in ­Kanada, und Jörn Wollschläger trimmt die Schweizer Skijäger. Trainer made in Germany sind ein Export-Schlager. Warum? „Ich bin lange dabei und ­habe einiges an Erfahrung“, lautet Pichlers einleuchtende Erklärung. Und: Der schwedische Verband gewährt ihm ziemlich jede Freiheit am Stützpunkt Östersund. „Ich habe mein Team wie eine Fußballmannschaft organisiert, ich habe für alles einen Experten“, betont der Bruder des Ruhpoldinger Bürgermeisters Claus Pichler.

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Der Allgäuer Greis (42) und der Thüringer Groß (48) besitzen nicht den Fundus an Erlebnissen, sie profitieren von der Arbeit und dem etablierten System des Deutschen Skiverbandes (DSV), die sie als Sportler einst am eigenen Leib erlebt haben. Wer gut ausgebildet und in der Szene vernetzt ist, wer in einer großen Biathlon-Nation Wissen angehäuft hat, findet auch jenseits von Oberhof und Ruhpolding einen Job. Wenn einer zudem seine Vorstellungen am Arbeitsplatz einbringen darf, steht einem Vertrag nichts im Weg. „Für mich war wichtig, Bedingungen zu haben, die mir die Möglichkeit geben, mich zu entfalten“, sagt Gross, der über die Trainingsorte und Lehrgangsmaßnahmen entscheiden kann. Zudem setzt er verstärkt auf den Team-Gedanken, nun wird bei den Österreichern weniger individuell trainiert. „Wir wollen nicht als Touristen nach Schweden fahren“, betonte Gross vor der WM.

Greis pendelt zwischen Deutschland und den USA

Während Pichler auf Medaillen hoffen und Gross von welchen träumen kann, sind Greis, Matthias Ahrens und Jörn Wollschläger vielmehr Entwicklungshelfer. Greis jettet einmal pro Monat über den Atlantik und bleibt dort für einige Tage. „Bisher kann ich es gut aushalten“, sagt der dreimalige Olympiasieger, dessen Vertrag zunächst für diesen Winter gilt. Als Fernziel soll er Sean Doherty und Leif Nordgren zu den Winterspielen 2022 in Peking führen. „Es ist eine neue, unbekannte Welt“, erzählt Greis, „in der man aber echte Gestaltungsmöglichkeiten hat.“

Ahrens lebt seit 29 Jahren in Kanada, 2012 vernahm er den Lockruf, Nationaltrainer zu werden – schon 2015 wurde Nathan Smith Überraschungs-Vizeweltmeister im Sprint. Ein singulärer Erfolg. „Es ist schwierig“, sagt Ahrens, „Biathlon findet im TV nicht statt, das macht die Suche nach Talenten und Sponsoren schwierig.“ In Kanada bringen Biathleten eher Geld mit, als dass sie welches verdienen, Stars wie Martin Four­cade oder Johannes Thingnes Boe bringen es auf sechsstellige Jahreseinnahmen. „Es motiviert mich, dass es hier immer noch Luft nach oben gibt“, sagt der 57-Jährige.

Wollschläger musste überredet werden

Jörn Wollschläger, dreimal Junioren-Weltmeister und viermal Europameister, wollte nach dem Karriereende 2008 „in den Beruf und in der Logistik Fuß fassen“. Der heutige Bundestrainer Mark Kirchner überredete ihn, Trainer zu werden. Wollschläger sammelte Erfahrungen in Oberhof, 2010 lockte Südkorea den Trainer-Novizen, ehe ein paar Monate später das Angebot aus der Schweiz kam. Der Thüringer musste nicht überlegen: Alpen statt Asien. „Die absolut richtige Entscheidung“, sagt er. Auch er krempelte das System um, orientierte sich an Norwegern und Franzosen und brachte die neuesten Methoden von der Trainerakademie in Köln ein. Die Erfolge sind rar gesät, aber qualitativ hochwertig: Selina Gasparin wurde 2014 Olympia-Zweite im Einzel. Pichler, Groß, Greis, Ahrens, Wollschläger – fünf deutsche Biathlon-Exportschlager.

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