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Deutschland Die Stars des Wattenmeers

Von Dietmar Scherf aus Spiekeroog 

Dunkle Augen, feuchte Stupsnase, kleiner runder Kopf: In Ostfriesland gibt es viele Möglichkeiten, die drolligen Meeressäuger zu beobachten.

Auf Seehundstationen werden Jungtiere aufgepäppelt, bis sie ein Gewicht von 25 Kilo erreichen. Dann heißt es: Ab ins Meer. Foto: Scherf
Auf Seehundstationen werden Jungtiere aufgepäppelt, bis sie ein Gewicht von 25 Kilo erreichen. Dann heißt es: Ab ins Meer. Foto: Scherf

Spiekeroog - Die Jacken flattern im Wind, die Wellen klatschen an die Reling, und der Boden schaukelt mächtig auf und ab, als die „Gorch Fock“ Kurs auf die Insel Langeoog nimmt. Der Fischkutter mit dem Namen des berühmten Großseglers startet im Hafen der Insel Spiekeroog und ist vor der ostfriesischen Küste zu den Seehundbänken bei der Nachbarinsel unterwegs. Familien, Paare, Singles und Senioren sind an Bord. Als am Horizont aus dem tiefblauen Meer eine helle Sandbank auftaucht, laufen alle Passagiere nach Backbord und recken sich. „Da sind sie!“, freut sich ein Mädchen. „Ohhh, wie süß!“, ruft ihr Bruder. Handys, Kameras und Ferngläser werden gezückt.

Im Fokus sind neun dösende Seehunde am Strand. Kapitän Willi Jacobs, „Käpt’n Willi“, drosselt das Tempo und erklärt, dass die Tiere sehr lärmempfindlich seien, obwohl sie wüssten, dass keine Gefahr drohe. „Die ,Gorch Fock‘ erkennen sie am Motorgeräusch.“ Seehunde sind mit ihrem kleinen, runden Kopf, den dunklen, glänzenden Augen und der feuchten Stupsnase die Stars des Wattenmeers, Publikumsmagneten, Sympathieträger und Lieblinge der Kinder. Oft werden sie schon vor dem Urlaub zu „Kameraden“, denn es gibt zig Arten von Stoff- und Plüschseehunden und Bilderbücher mit Robben als Helden. Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) schickt „Seehund Nobbi“ durch Schulen und Kindergärten, um Verhaltensregeln beim Baden kindgerecht zu vermitteln.

Im Kölner Zoo zeigte unlängst auch ein Promi seine Vorliebe für die Meeressäuger - Fußballnationalspieler Lukas Podolski. Er köpfte mehrmals einen Ball zur Schnauze eines Seehunds, der immer wieder die Kugel gekonnt zurückstupste. Am schönsten ist es freilich, die Tiere in freier Wildbahn zu erleben. Schon von den Fähren aus, etwa beim Übersetzen von Norddeich nach Norderney, kann man oft Seehunde sehen. Ausflüge zu den Seehundbänken werden in vielen Hafenorten der Nordseeküste und auf den Inseln angeboten.

Mehr als ein kurzes Aufblicken gibt es nicht

Zur Freude der Passagiere der „Gorch Fock“ werden zwei Seehunde auf der Sandbank aktiv, robben und hopsen mit ihren faustartig eingekrümmten Vorderflossen gemächlich ins Wasser. Dort werden die beiden plötzlich blitzschnell, sausen durch die Wellen, tauchen unter - und sind verschwunden. Wasser ist ihr Element, bis zu 200 Meter tief und 30 Minuten lang können sie tauchen. Wenn im Juni die Weibchen bei Ebbe ihre Babys auf einer Sandbank zur Welt bringen, planschen die Kleinen bei der nächsten Flut bereits im Wasser. Die restlichen sieben Tiere auf der Sandbank bleiben träge. Selbst wenn die Kinder auf der „Gorch Fock“ kräftig winken und rufen, mehr als ein kurzes Aufblicken gibt es seitens der Seehunde nicht.

Das Schiff wendet und tuckert zurück Richtung Spiekeroog. Eine Meile weiter legt Käpt’n Willi noch einmal nach und holt ein Schaunetz raus, das er zu Wasser lässt und nach kurzer Zeit ansehnlich gefüllt wieder an Bord zieht. Plattfische, Krebse und Seesterne zappeln darin. Ein kleiner Seestern wird herumgereicht und dann mit all den anderen Meeresbewohnern zurück ins Wasser entlassen. Das Boot nähert sich dem Hafen, womit die Reise zu den Robben allerdings noch nicht vorbei ist. In den Seehundstationen in Friedrichskoog an der Nordseeküste in Schleswig-Holstein und in Norddeich kann man Robbenwaisen ganz nah kommen. Dort werden jährlich jeweils weit über 100 Jungtiere aufgepäppelt.

Höhepunkt für Besucher ist die Fütterung, zu beobachten durch verspiegelte Glasscheiben. Als Ersatz für die Muttermilch erhalten die Kleinen eine Nährlösung, später Heringsbrei und schließlich ganze Fische. Das geht so lange, bis eine Robbe 15 Kilogramm wiegt und ins Auswilderungsbecken kommt. Ab einem Gewicht von 25 Kilogramm sollte das Jungtier fit für die Nordsee sein und kann ausgewildert, das heißt, auf einer Sandbank ausgesetzt werden. Es ist nichts Ungewöhnliches mehr, die Tiere am Strand anzutreffen. Seit dem Verbot der Robbenjagd Anfang der 1970er Jahre und der Einrichtung von Schutzzonen bei der Gründung der Wattenmeer-Nationalparks sind die Seehunde nicht mehr so menschenscheu. Zwischen Juni und August könnte es sich bei einer einzelnen kleinen Robbe um ein verwaistes Jungtier handeln, auch Heuler genannt, weil es Klagelaute von sich gibt, um wieder Kontakt zu seiner Mutter herzustellen.

Die Population der Seehunde ist stabil

Menschen sollten mindestens 300 Meter Abstand halten, die Robbe nicht anfassen und am besten den Fundort verlassen. Im Zweifelsfall verständigt man die Seehundstation, deren Fachkräfte die Situation einschätzen, wobei sie aufpassen müssen, dass sie keine Robbe zu früh einsammeln, zu der vielleicht die Mutter zurückkehren wollte. Zwischen September und Mai ist die Situation klarer, dann ist es wahrscheinlich ein selbstständiges Tier, das keine Hilfe, sondern Ruhe benötigt. Nur wenn es verletzt ist, sollte eine Meldung erfolgen.

Die Population der Seehunde im Wattenmeer von Deutschland, Dänemark und den Niederlanden ist stabil. Nach Daten der trilateralen Seehundexpertengruppe sind seit Beginn der Seehundzählungen 1975 noch nie so viele Seehunde erfasst worden wie im Jahr 2013, exakt 26 788. Dazu addieren die Wissenschaftler eine geschätzte Zahl an Seehunden, die während der Kontrollflüge unter Wasser nicht zu sehen waren, und kommen auf eine Summe von knapp 40 000 Tieren. Allerdings wurden vier Prozent weniger Jungtiere gezählt. Auch der Bestand an Kegelrobben, der zweiten heimischen Robbenart, ging zurück. Umweltschützer kritisieren, dass Verschmutzungen, Erdölbohrungen und auch zu viele Touristen der Tierwelt im Wattenmeer schadeten.

Die Unesco hat zwar das Weltnaturerbe-Gebiet 2014 erweitert, es erstreckt sich nun auf 11 500 Quadratkilometer, das ist die Wattenmeerfläche vom dänischen Esbjerg über die Küste Deutschlands bis zum niederländischen Den Helder. Doch die Auszeichnung Weltnaturerbe diene ausschließlich der „Tourismusindustrie“, meint der Wattenrat Ostfriesland, „der Natur hat dieses Etikett bisher nicht genützt“.

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