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Deutschland Platter Dschungel

Von Helge Bendl aus Husum 

Es muss nicht immer Afrika sein: Auch im Wattenmeer kann man auf Safari gehen. Statt Löwe und Nashorn trifft man hier Wattwurm und Wasserschnecke.

In der Ferne das Rot-Weiß des Leuchtturms von Westerhever: Die Tiere im Watt sind zwar nicht so imposant wie Elefanten oder Giraffen - dafür aber genauso interessant. Foto: Bendl
In der Ferne das Rot-Weiß des Leuchtturms von Westerhever: Die Tiere im Watt sind zwar nicht so imposant wie Elefanten oder Giraffen - dafür aber genauso interessant. Foto: Bendl

Husum - Barfuß ist es am schönsten. Und, das lernt man schnell, auch am bequemsten. Weil jeder Gummistiefel, und sitzt er noch so gut, im Laufe des Spaziergangs irgendwann im grauen Matsch stecken bleibt. Weil es unnötig Mühe macht, ihn aus dem Schlick herauszuziehen. Und weil eine Wattführung erst dann zu einer echten Wattführung wird, wenn man spürt, wie der Meeresboden zwischen die Zehen quillt, wie er Füße und Unterschenkel mit einer kühlenden Packung Schlamm umhüllt, süßlich duftend wie ein Moorbad. In der Ferne blinken das Rot-Weiß des Leuchtturms von Westerhever und die Bettenburgen von St. Peter-Ording. Doch die Zivilisation scheint weit weg mitten im Wattenmeer, in der Halbwelt zwischen Meeresgrund und Horizont. Man hat die struppigen Gräser der Salzwiesen samt den dort weidenden Schafen hinter sich gelassen, ist über leicht feuchten Sand gestapft, um schließlich mit allen seinen Sinnen einzutauchen in den platten Dschungel, der sich Sedimentschicht um Sedimentschicht in den vergangenen 6000 Jahren abgelagert hat.

Kann man hier, an der deutschen Nordseeküste, auf Safari gehen? Und auf watt für eine! Und zwar dort, wo es keine Autostraßen und Fahrradwege mehr gibt und man, die auflaufende Flut stets im Hinterkopf behaltend, nur noch zu Fuß unterwegs sein kann. So denkt jedenfalls Juliana Köhler, die Leiterin des Wattenmeerhauses in Wilhelmshaven. „Direkt vor unserer Haustür liegt eines der faszinierendsten Ökosysteme der Welt. Das Wattenmeer ist ein viele Tausend Quadratkilometer großes Gebiet zwischen Land und See - ein sich ständig veränderndes Mosaik aus Schlamm, Dünen und Strand, aus Inseln und Halligen. Es ist eine Welt voller Legenden und Geschichten - und voller faszinierender Tiere.“ In Afrika versuchen Touristen, die „Big Five“ zu entdecken: Elefant und Nashorn, Löwe und Leopard, dazu den mächtigen Büffel.

Das Wattenmeer - ein einzigartiger Naturraum

Orte wie die Serengeti oder das Okavangodelta sind Weltnaturerbe. Inzwischen auch das Wattenmeer: Das flache Land an Deutschlands nordwestlichem Saum steht damit auf einer Stufe mit der Savanne, aber auch mit dem Great Barrier Reef in Australien und dem Grand Canyon in Arizona. Juristisch bringt der Welterbe-Titel zwar keine zusätzliche Verpflichtung - es gelten weiterhin die Regeln der verschiedenen Nationalparks. Dr. Hans-Ulrich Rösner, Leiter des WWF-Wattenmeerbüros in Husum, freut sich trotzdem über die Auszeichnung: „Das Wattenmeer ist nun auch international als einzigartiger Naturraum anerkannt. Politisch ist das die beste Absicherung, die wir erreichen konnten - und natürlich auch ein großes Geschenk an alle, die sich seit vielen Jahrzehnten für dessen Schutz einsetzen.“

1977 startete der WWF sein internationales Wattenmeerprogramm - mehr als drei Jahrzehnte hartnäckiger Lobbyarbeit haben sich ausgezahlt. „Früher gab es Proteste gegen die Nationalparks, doch heute sind fast alle Anwohner stolz auf den einzigartigen Naturraum vor ihrer Haustür“, sagt der Wissenschaftler. Das Watt ist heute in einem ähnlich guten Zustand wie vor 20 Jahren, der Verlust von Arten und Naturraum konnte insgesamt gestoppt werden. Viel wurde erreicht - und dennoch bleibt noch viel zu tun: Noch immer ist die Fischerei nicht nachhaltig, weil auf der Suche nach Rochen und Schollen der Meeresboden umgepflügt wird. Immer noch wird im sensiblen Ökosystem Wattenmeer Öl gefördert, und das Areal ist auch noch im Gespräch für die Speicherung von Kohlendioxid aus Kohlekraftwerken.

Vor der Küste können die Offshore-Windkraftanlagen zum Problem werden für die vielen Millionen Zugvögel, die das Wattenmeer als Rastplatz nutzen. Jetten dank des Weltnaturerbe-Titels Touristen aus aller Welt an die Nordsee? Bisher sind es vor allem Gäste aus dem Süden Deutschlands, die an der Küste ihren Sommerurlaub verbringen, der frischen Brise wegen und weil es hier ganz anders aussieht als zu Hause in der hügeligen Heimat. Damit das Watt in Zukunft nicht zu Tode geliebt wird, raten Naturschützer zur umweltfreundlichen Anreise mit der Bahn und zur nachhaltigen Erkundung der Region per Fahrrad oder zu Fuß. Auf dieser Safari gibt es also keine bullernden Geländewagen: Um die „Big Five“ des Watts zu erleben, muss man ohnehin die Fähre nach Pellworm nehmen, einer Insel wie geschaffen zum Radfahren.

"Big Five" und "Small Five"

Mit dem Fernglas erspäht man Seehund und Kegelrobbe, und über den Feuchtgebieten hinter den Deichen kreist ein Seeadler. Schweinswale lassen sich nicht blicken, doch im Multimar Wattzentrum Tönning wartet die Riesenausgabe eines Meeressäugers, das Skelett eines gestrandeten Pottwals. Auch ein lebendes Fossil gibt es: Im Aquarium schwimmt der als Art 200 Millionen Jahre alte Stör. Die wahren Schätze des Watts sind indes eher klein als groß, und sie liegen im Verborgenen. Genauso spannend wie die „Big Five“ sind deshalb die „Small Five“: jene Arten, die uns bei einer Wattführung Esther Sophia Lutz zeigt, die bei der Schutzstation Wattenmeer ein Freiwilliges Ökologisches Jahr absolviert.

Da gibt es die Wattschnecke, die als schnellste der Welt gilt, weil sie sich an der Wasseroberfläche festsaugen und sich mit der Strömung rasend schnell treiben lassen kann. Da gibt es Strandkrabbe, Nordseegarnele und Herzmuschel in den Prielen, den Flüssen im Watt. Und natürlich den Star der Show: den Wattwurm. „Er ist der Regenwurm im Komposthaufen Wattenmeer und schleust jedes Jahr 25 Kilo Sand durch seinen Körper, um dem Boden Sauerstoff zuzuführen,“ sagt die junge Naturschützerin. Ohne den scheuen Wurm gäbe es also nicht die 10 000 Arten im Watt, und keine zehn Millionen Vögel würden hier jedes Jahr rasten. Da zieht es einem vor Respekt doch glatt die Gummistiefel aus.

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