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Deutschland Tief unterm Obersalzberg

Nahe Berchtesgaden hatte Adolf Hitler sein zweites Hauptquartier - den Berghof. 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges erinnern Bunkeranlagen und ein Dokumentationszentrum an die Gräuel des Dritten Reiches.

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Berchtesgaden - Deine lieben langen Briefe haben mir viel Freude bereitet“, schreibt Gerda Bormann am Neujahrstag 1945 an ihren Mann Martin, den Reichsminister und engen Hitler-Vertrauten. Genauso freut sich die Frau Gemahlin über Bormanns „Baupläne nach dem Kriege“. Gemeint sind die Bunkeranlagen unter dem Berghof, dem legendären Führersperrgebiet im Örtchen Obersalzberg - wenn auch mit einer Einschränkung. „Dass wir mit unserer angeborenen Licht- und Sonnensehnsucht uns vom Juden zwingen lassen müssen, wie die Unterirdischen zu hausen“, erfüllt Gerda Bormann „mit masslosem Zorn“. Heute sind nur noch die Bunkerabschnitte des Gästehauses und des Platterhofs, Teile des ursprünglich 6,17 Kilometer langen Bunkersystems mit einer Fläche von 22 229 Quadratmetern, 107 Hohlräumen und 30 Zugängen, im Dokumentationszentrum Obersalzberg für Besucher zugänglich. Es steht auf den Grundmauern des früheren Hitler-„Gästehauses“.

Alle anderen Teilsysteme (Berghofbunker, Kommandostollen, Bormann- und Göring-Bunker sowie SS-Stollen) bleiben aus Sicherheitsgründen gesperrt. Zwischen dem 27. Juli 1943 und 25. April 1945 werden tief im Berg Gänge vorangetrieben, die die verschiedenen überirdisch gelegenen Gebäude auf dem weitläufigen Gelände miteinander verbinden. Kleine Lämpchen auf einer Miniaturlandschaft verraten heute dem Besucher, wo sie lagen: Hitlers Berghof, die Adjutantur Göring, die Häuser der Nazi-Größen Speer, Bormann und Göring, die Terrassenhalle, die SS-Kaserne, das HJ-Verpflegungsheim, der Gutshof, das Regierungsgästehaus Hoher Göll, die Wache des Reichssicherheitsdienstes, der Schweinestall . . .

"Zukunftskriege bringen Überraschungen"

Die NS-Bonzen hatten sich das Führersperrgebiet zum Teil mit brutaler Gewalt unter den Nagel gerissen, um es zum offiziell zum zweiten Regierungssitz des Dritten Reiches auszubauen. Im Dokumentationszentrum ist ein Film zu sehen, in dem sich längst verstorbene Obersalzberg-Anrainer erinnern, wie die 57 Grundbesitzer - zum Teil von Bormann persönlich - zum Verkauf ihrer seit Generationen bewohnten Familienhäuser gezwungen wurden. Und sie erzählen vom Brandner-Johann, einem jungen Fotografen, der zwei Jahre im KZ Dachau eingesperrt war, weil er mit dem angebotenen Preis nicht zufrieden war und sich geweigert hatte, Bormanns heftigem Drängen nachzugeben. Geschichten wie diese, welche die einheimische Bevölkerung über Hitlers Anfangs- und Regierungsjahre (Hitler machte erstmals hier 1923 Urlaub) sowie den fanatisierten Besuchergruppen in Obersalzberg erzählt, sind ein ganz besonderer Schwerpunkt der Ausstellung. „Du glaubst gar nicht“, hatte Bormann am 19. Dezember 1944 mit Blick auf Watzmann und Untersberg an seine Frau geschrieben, „wie glücklich ich bin, dass Ihr die festen Stollen habt. Sobald das Stollensystem fertig ist, baue ich das Weitere, ein viel festeres mit mehr als 100 Meter Überdeckung.“

Man wisse schließlich nicht, „was Zukunftskriege an Überraschungen bringen“. Bormann plant, das Führerhauptquartier noch tiefer im Berg unangreifbar zu machen - mit zweispurigen, fünf Meter breiten Straßen, einer Garage für 100 Autos und 400 Tonnen schweren Rolltoren bei der Einfahrt. Hitler, der rund ein Drittel seiner zwölfjährigen Regierungszeit in oder nahe Berchtesgaden verbrachte, formuliert es noch im November 1944 so: „Mag der Berghof zerbombt werden, umso wichtiger ist das Stollensystem.“ Zum Ausbau kommt es nicht mehr.

„Da ging an einem herrlichen Sonnenmorgen ein Dröhnen durch die Berge und ganz Obersalzberg wurde platt gedrückt“, erinnert sich auf einem Dokumentationszentrum-Video Johanna Stangassinger. Bevor der Krieg am 8. Mai 1945 auch offiziell beendet ist, werfen rund 300 britische Lancaster-Bomber am 25. April - Hitler selbst ist seit dem 16. Januar 1945 meist in den Bunkerräumen im Garten der Alten Reichskanzlei in Berlin, wo er am 30. April Selbstmord begeht - fast 1300 Bomben über Obersalzberg ab. „Jetzt geht’s denen wie uns“, habe sie damals gesagt, erzählt die alte Frau. Die Royal Air Force legt fast das gesamte, seit 1933 stetig ausgebaute Führersperrgebiet, in dem sich noch rund 3000 Menschen aufhalten, größtenteils in Schutt und Asche. Göring, seine Frau Emmy und Tochter Edda überleben die zwei Angriffswellen wie Gerda Bormann und deren Kinder. Das Bunkersystem mit hochmoderner Klimaanlage hält. Am 4. Mai 1945 wird Obersalzberg von Amerikanern und Franzosen besetzt, die bis 1949 ein Zugangsverbot verhängen.

120 Millionen Euro reine Baukosten

Erst 1952 werden der Berghof, die SS-Kaserne sowie die Wohngebäude von Bormann und Göring gesprengt und abgetragen, um jeden Kult zu verhindern. Heute ist die Stelle des Berghofes bewaldet, einige Stützmauern aber sind noch erhalten. Das Dokumentationszentrum ist ein Teil des sogenannten Zweisäulenkonzepts, um das Entstehen einer Pilgerstätte für Rechtsextreme zu verhindern und ein Gegengewicht zur „kommerziellen Ausbeutung“ des Standortes zu bieten. Der andere ist ein Fünf-Sterne-Superior-Hotel, das seit dem 1. Mai nach zehnjähriger Interconti-Leitung von Kempinski geführt wird. Und von Stararchitekt Herbert Kochta im Stil der Neuen Sachlichkeit mit Natursteinsockel und Holzelementen an jener Stelle auf dem Eckerbichl errichtet ist, an der auch Görings Haus stand.

In prominenter Alleinlage. Hotelmanager Werner Müller versucht dennoch, andere Vorzüge seines Hauses hervorzuheben: Golf, Drachenfliegen, Paragliding, Rafting in der Ache, Fischen im Hintersee, die Falknerei direkt am Hotel und, und, und. Vom beheizten Außenpool und dem Spa-Bereich geht der Blick zum 1834 Meter hoch auf einem Bergrücken gelegenen Kehlsteinhaus, das Hitler von der NSDAP zu seinem 50. Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Reine Baukosten (inklusive fünf Tunneln, des Aufzugs und der Zufahrtsstraßen) 30 Millionen Reichsmark - was heute 120 Millionen Euro entspricht. Noch immer führt der goldglänzende Aufzug rund eine halbe Million Besucher im Jahr zum Berggasthaus, das zu den wenigen komplett erhalten gebliebenen Monumenten der Hitler-Jahre zählt. Johanna Stangassingers Satz klingt beim Verlassen des Dokumentationszentrums noch in den Ohren: „Wir waren nur froh, dass alles zu Ende war.“

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