Deutschlands bösester Komiker Wie tickt Jan Böhmermann?

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Die Staatsanwaltschaft Mainz ermittelt gegen den Komiker wegen Beleidigung fremder Staatsoberhäupter, und zugleich gibt es in Marl an diesem Freitag für ihn einen Grimme-Preis – genau so stellt sich der TV-Star Satire vor.

So kennt man ihn vom Fernsehschirm: Jan Böhmermann im ZDF-„Neo Magazin Royale“ Foto: ZDF
So kennt man ihn vom Fernsehschirm: Jan Böhmermann im ZDF-„Neo Magazin Royale“ Foto: ZDF

Köln - Wie passt das zusammen: Wahnsinn und Weihe? Die Staatsanwälte in Mainz ermitteln gegen einen 35-jährigen Fernsehkomiker, weil er in einem ZDF-Beitrag ziemlich wüst das Staatsoberhaupt einer anderen Nation beleidigt, als Massenmörder und Kinderpornokonsument verleumdet hat. Und dann versammelt sich an diesem Freitagabend in der Stadthalle in Marl eine Festgemeinde und will just diesem 35-jährigen Fernsehkomiker einen Preis überreichen – den Grimme-Preis, eine der wichtigsten Kulturehrungen in diesem Land, laut Satzung ausschließlich gedacht für Menschen, welche „die spezifischen Möglichkeiten des Mediums Fernsehen auf hervorragende Weise nutzen und nach Inhalt und Methode Vorbild für die Fernsehpraxis sein können“. Ja, kann das ernsthaft sein?

Nun, im Falle Jan Böhmermanns kann es aus mindestens zwei Gründen so sein. Der weniger wichtige: Den Grimme-Preis bekommt er nicht für ­seine jüngsten Schmähungen des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan in der ZDF-Satiresendung „Neo Magazin Royale“ der vergangenen Woche, sondern für seinen Mediencoup vom März vergangenen Jahres, die „Fake-Fake-Satire“ um einen gen Deutschland gerichteten Stinkefinger des griechischen Ex-Finanzministers Yanis Varoufakis (wir kommen darauf zurück). Der wichtigere Grund aber ist dieser: Ja, auch seine Erdogan-Schmähung hat sich just zu dem entwickelt, als was sie ganz offensichtlich von Anfang an sein sollte – zur Medien-Politik-Debatten-Aufregungs-Realsatire. Gestrickt und ausgereizt bis zum höchsten Risiko. Die Wirklichkeit verzerrt sich bis zur Kenntlichkeit. Just so stellt sich Böhmermann Satire vor. So tickt der Typ.

Für das ZDF ist er ein Glücksfall

Jan Böhmermann sieht hip aus. Frische Frisur, modischer Vollbart, freches Grinsen. Er kann reden, plaudern, spielen, parlieren. Ein cooler Typ. Seine Videos werden auf den Netz-Plattformen von den Usern , männlichen wie weiblichen, zigtausendfach geklickt. Seine Facebook-Beiträge genießen größte Aufmerksamkeit. Er ist ein Glücksfall für einen Sender wie das ZDF, die Anstalt mit dem Seniorenimage.

Ja, welch ein Glück für die Öffentlich-Rechtlichen, dass Böhmermann bei kurzen Ausflügen zu RTL nie recht froh wurde. Im Digitalprogramm ZDF Neo hat er seit 2013 eine feste Heimat. Seine besten Ideen daraus kommen nicht nur ins Netz, sondern via „Neo Magazin Royale“ auch ins Hauptprogramm. Nur beim Erdogan-Schmähen, da ging die Sache für die Anstalt jetzt schief. Das ZDF hat den Film inzwischen von allen Plattformen löschen lassen. Selbst der Staatsanwalt musste für seine Prüfung jetzt erst einmal einen Mitschnitt anfordern. Derweil senden die Netzfans einander fröhlich das längst gesicherte Material zu.

Solch ein cooler Typ wird doch wohl auch eine coole Herkunft wie Berlin, Hamburg, Köln oder Frankfurt haben? Nun ja. Jan Böhmermann kommt aus Bremen-Aumund – ein Viertel kleiner, sehr unaufgeregter Leute, eigentlich klassisches ZDF-Stammpublikum, wenn man hier nicht aus lokalem Stolz stets zu Radio Bremen (und natürlich zu Werder Bremen) halten würde. Über das Lokalblatt „Die Norddeutsche“ kommt der Polizistensohn eben zu Radio Bremen. Als Plaudertasche und als skurriler Witzgeschichtenerfinder macht er schnell Funkkarriere, wechselt erst zum Hessischen Rundfunk, dann zum WDR.

Jan Böhmermann ist böser, schärfer, schlauer

Aber er hat mehr als Stimme, er hat das Zeug zur Marke: schlaksig, schick, irgendwie auch ganz schön verschlagen. Zum Glück erkennen seine Vorgesetzten: der Mann funktioniert als Typ. Als Vertreter und Sprachrohr einer Generation, die zum Rührungstränen-Weinen beim Mauerfall 1989 noch deutlich zu jung gewesen ist, zwei Jahrzehnte später auf geheimnisvoll kollektive Weise feststellt, dass Vollbärte echt gut aussehen und beim Knutschen viel weniger kratzen, als lange Zeit befürchtet. 2007 kommt Böhmermann ins Fernsehen. Seine WDR-Sendung markiert bereits im Titel den Anspruch: „echt Böhmermann“.

Oliver, Mario, Cindy, Joko und Klaas und wie sie alle heißen mögen: die Schar lustiger Gestalten im deutschen Fernsehen nebst ihrer Scherze ist riesig. Doch Jan Böhmermann ist zumeist anders als die anderen: schärfer, böser, härter. Und schlauer. Er gibt sich nie mit dem einfachen Gag zufrieden, er sucht hinter den Ereignissen das Phänomen, den Trend, die Wurzel. Diese Wurzel bohrt er frei. Dann spült er.

Als Günter Jauch im März 2015 in seiner Talkshow mit dem Pathos des großen Aufklärers den griechischen Finanzminister Varoufakis mit einer Videosequenz konfrontierte, in der dieser bei einer Vorle­sung den deutschen EU-Sparkommissaren einen Stinkefinger gezeigt hatte, beherrschte die Aufregung über derlei Unhöflichkeiten aus Hellas tagelang Medien und Öffentlichkeit. Unhöflich; viel schlimmer: unseriös fand es derweil Böhmermann von Jauch und der ARD, ohne weitere Hinweise aus einem alten Video und völlig aus dem Zusammenhang gerissen diesen Bilderschnipsel zu präsentieren und die Europadebatte so auf ein Nebengleis zu führen.

Sein Varoufakis-Coup ist jetzt schon Legende

Darüber hätte jetzt der gewöhnliche TV-Satiriker halt so seinen Witz gemacht. Doch Jan Böhmermann tickt anders. Er „enthüllte“ in seiner ZDF-Neo-Show, das Varoufakis-Video sei nur ein Fake, produziert von seiner eigenen Neo-Redaktion, dem Jauch ahnungslos auf den Leim gegangen sei. Böhmermann präsentierte in einem Film so ernsthaft das Prozedere der Fälschung, dass große Teile der Nation ihm glaubten. Bis Böhmermann wiederum Tage später verriet, seine „Fake-Enthüllung“ sei selbst Fake gewesen. Eben ein Fake-Fake. Ein grandioser Witz über die Neigung der Gesellschaft, Unwesentliches statt Wesentliches zu diskutieren. Ein Satire-Gesamtkunstwerk. Dafür den Grimme-Preis.

Und Erdogan? Wer das Glück hatte, den inkriminierten Sketch noch zu sehen, der weiß, wie es da zuging: Der türkische Präsident, so Böhmermann, solle ja nicht glauben, im ARD-„Extra 3“-Sketch Tage zuvor sei irgendetwas zu sehen gewesen, was das Herbeizitieren eines Botschafters rechtfertige. In Deutschland dürfe Satire eben mehr als in der Türkei. Was die Satire aber auch in Deutschland nicht dürfe, das nenne sich (und genau so ist es) „Schmähkritik“, das gezielte, faktenunabhängige Denunzieren einer Person. Weil der Herr Präsident Erdogan in der Türkei aber wahrscheinlich gar keine Ahnung habe, was das konkret sei, würden er, Böhmermann und Kollege Ralf Kabelka, mal ein Beispiel geben.

Seine Erdogan-Satire ist ein gewagtes Spiel

So begann dann ihr Gedicht: „Pervers, verlaust und zoophil / Recep Fritzl Priklopil / Der Kurden tritt und Christen haut / dabei stets Kinderpornos schaut“, mehrfach von den Sängern und dem Hinweis unterbrochen, das sei alles gerade sehr verboten, was man hier vortrage. Ein perfektes satirisches Gleichnis nicht nur auf die Grenze zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem, sondern auch auf die Meinungs-Unfreiheit in der Türkei. Ein Spiegel der Realität, von dem man noch nicht mal behaupten kann, er sei verzerrend. Und was macht die Realität? Sie macht die Prophezeiung wahr.

Keine Frage: das ist ein gewagtes Spiel des Jan Böhmermann. Aber es hat nichts mit Wahnsinn oder Drogenkonsum zu tun, sondern mit Satire, wie sie besser nicht geht. Ohne Absicherung durch ein Netz, mit hohem Fallrisiko für den Satiriker. Der dies auf sich nimmt, weil er im Kern sehr moralisch ist. Das, was dieser Präsident Erdogan da treibt, das gehört sich einfach nicht. Sagt Herr Böhmermann. So tickt der.




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