Krimikolumne

Die Agentencomicreihe „Bruno Brazil“ Es gibt immer was zu reden

Es braucht schon direkten MG-Beschuss, damit die Figuren in „Bruno Brazil“ mal einen Moment den Mund halten. Foto: Egmont Comic Collection
Es braucht schon direkten MG-Beschuss, damit die Figuren in „Bruno Brazil“ mal einen Moment den Mund halten. Foto: Egmont Comic Collection

Der französische Agent Bruno Brazil rettet die freie Welt im Comic so forsch wie James Bond im Film. Aber irgendwie hatten wir den 1968 angetretenen Helden wortkarger in Erinnerung.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)

Stuttgart - Wow, das war ja mal was ganz anderes als Entenhausen. Zwar hieß das Heft „Mickyvision“ und kam wie die von Erika Fuchs großartig eingedeutschte „Micky Maus“ aus dem Ehapa-Verlag. Aber hier gab es in den 60er Jahren realistischere Zeichenstile, härtere Abenteuer, zumindest aus unserer Knirpsperspektive also die „erwachseneren“ Comics. Bald hieß das Magazin nur noch „MV“ und präsentierte auch franko-belgische Serien wie „Michel Vaillant“, die erst ab 1972 vom „Zack“-Magazin konsequenter betreut wurden. In Zeiten medialen Überflusses und reichlich brutaler Angebote selbst für sehr kleine TV-Zuschauer kann man sich das gar nicht mehr vorstellen, aber wir fieberten dem nächsten MV-Heft entgegen.Es brachte ganz neue Bilder in den Kopf. In unserem Viertel hatten noch nicht einmal alle Familien einen Fernsehapparat.

Damals habe ich Bruno Brazil kennengelernt, einen coolen, weißhaarigen französischen Geheimagenten, der mit einer bunt zusammengewürfelten Truppe Spezialisten den wöchentlichen Ansturm der Truppen weltherrschaftsbesessener Wahnsinnsgenies abwehrte. Irgendwie aber haben wir einander aus den Augen verloren. Irgendwann um 1975 herum dürfte ich zum letzten mal dabei gewesen sein, als Brazil eine Supersprengfalle in einem wuchernden Fieberdschungel am finstersten Ende der Welt entschärfte.

Bond-Szenarien mit Bleistift und Papier

Nun aber konnte ich dem als Mischung aus Jean-Paul Belmondo und James Coburn daherkommenden Superhecht und seinem Kommando Kaiman, einer aus Verbrechern, Zirkusleuten und Cowboys zusammengesetzten Truppe, nicht länger ausweichen. In der Egmont Comic Collection erscheint bereits der zweite Band einer Gesamtausgabe der von Greg (Künstlername des Belgiers Michel Régnier) geschriebenen und von William Vance (der Belgier William Van Cutsem) gezeichneten Serie. Der erste Band umfasst die vier frühesten Abenteuer, die im Original zwischen 1968 und 1971 zunächst in Fortsetzungen auf den Markt kamen.

William Vance hat großen Spaß daran, mit ein paar Pfennig Materialaufwand für Papier und Bleistift die Schauwerte von James-Bond-Filmen zu liefern: wilde Verfolgungsjagden und blechknitternde Autounfälle, exotische Szenerien und Aufmärsche schwer bewaffneter Statisten. Wobei seine größte Kunst nicht einmal in den auffälligen Bildern mit heftiger Action liegt, sondern in seiner Gestaltung der eigentlich steifen Dialogsequenzen, von denen Greg jede Menge liefert. Wie Vance von Bild zu Bild die Blickwinkel ändert und die Figuren neu zueinander in Beziehung setzt, ohne dass das zickig und erzwungen wirkt, wie er das Zähe so flüssig wie nur möglich bekommt, das ist bewundernswert: feinstes Handwerk.

Männer und Zehnjährige

Von Gregs Geschichten kann man das leider nicht sagen. Sie leiden grundsätzlich darunter, dass hier ein erwachsenes, semirealistisches Szenario auf das Verständnisniveau damaliger Zehnjähriger heruntergerechnet wurde. Gegen „Bruno Brazil“ ist ein Bond-Abenteuer ein Shakespeare-Drama. Doch selbst wenn man diesen unguten Umstand einmal als Marktzwang von einst akzeptieren könnte, müsste einem Gregs Geschichtenführung noch sauer aufstoßen.

Dauernd wird steif erklärt, was nicht erklärt werden muss. In jeder Figur steckt ein Oberlehrer für die ganz obstinate Nachsitzerklasse. Und auch dann, wenn es ganz schnell gehen muss, ja, mitten in dynamischen Bewegungen, gibt Greg seinen Figuren noch die Muße für Buchstabenergüsse darüber, was bisher passiert sei, wie man die aktuelle Lage einzuschätzen habe, was sie gerade zu tun im Begriff stünden und was daraus hoffentlich folgen werde. Uff!

Kaiman, Klappe zu!

Man möchte zu den Bösewichten überlaufen und innig flehen „Stopft dem Kommando Kaiman die Mäuler“, wenn diese Fieslinge nicht genau so eifrig dauertexten würden, ganz wie deutsche Amtstuben Ergänzungsblätter zur Erläuterung der Zusatzverordnung zur Dienstanweisung über den vorläufigen Umgang mit der dritten Fassung des Umlaufs zur fristgerechten Schulungsanmeldung zum ordnungsgemäßen Kippen der Bürofenster produzieren. Nein, der Bruno Brazil meiner Erinnerung war ein ganz anderer Kerl. Ob der sich im zweiten Band der Gesamtausgabe wiederfindet, erfahren sie demnächst hier.

William Vance/Greg: „Bruno Brazil – Gesamtausgabe Band 1“. Aus dem Französischen von Klaus Strzyz, Michael Nagula, Isabel Winkowski und Volker Hamann. Egmont Comic Collection, Köln 2013. 216 Seiten. 29,99 Euro.

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