Esslinger Apotheke schließt nach 400 Jahren Zu viele bittere Pillen für die Apotheken

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Die Apotheke am Fischbrunnen in Esslingen schließt – nach vierhundert Jahren. Diese Schließung ist Teil einer Entwicklung, die das ganze das ganze Land und die ganze Republik erfasst hat. Eine Abhilfe ist nicht in Sicht.

Der Pharmakologe Wolfgang Strölin konnte seine Kunden auch mit homöopathischen Medikamenten versorgen. Foto: Ines Rudel
Der Pharmakologe Wolfgang Strölin konnte seine Kunden auch mit homöopathischen Medikamenten versorgen. Foto: Ines Rudel

Esslingen - Seinen feinen Humor hat der Esslinger Apotheker Wolfgang Strölin nicht verloren. Er wird ihn auch weiterhin brauchen, wenn er in den nächsten Wochen seine Apotheke ausräumt, in der er 35 Jahre lang stand und die es seit 400 Jahren gibt. Falsch: gab. Denn die zweitälteste Apotheke in Esslingen, einer die Stadt, die so viel Geschichte hat, ist nun selbst Geschichte geworden.

Jedes Jahr gehen in Deutschland etwa 200 bis 300 Apotheken ein, die meisten davon in strukturschwachen Gebieten. Jetzt aber, so scheint es, erfasst der Trend auch die reichen Regionen und die Stadtzentren.

Wolfgang Strölin ist nicht nur irgendein Apotheker, er ist Funktionär in der Landesapothekerkammer und für die Weiterbildung der Apotheker zuständig. Er vermittelt den Eindruck, als stünde der Berufsstand mit dem Rücken zur Wand.

Der Berufsstand steht mit dem Rücken zu Wand

Vor allem seien die Einnahmen zurückgegangen. Das Geld, das ein Apotheker pro Medikament erhält, ist seit dem Jahr 2004 nicht mehr erhöht worden, während alles andere durch die Inflationsrate um zwei Prozent jährlich teurer geworden ist. Immer mehr Verwaltungsaufwand, der auch einen gewissen Prozentsatz des Umsatzes frisst, macht den Apotheken zu schaffen.

Der Landesapothekerverband sagt ganz deutlich, dass die Politik die Apotheken unfair behandele. Während die Apotheken vor Ort die Notdienste an Wochenenden und Feiertagen bestreiten müssten, individuelle Rezepturen herstellten und jederzeit die Patienten beraten würden, böten die Versandapotheken nur billige Arzneimittel an und würden sich somit die Rosinen herauspicken.

Die baden-württembergische AOK steht dem Apothekensterben eher distanziert gegenüber. „Wir müssen mit dem Geld, das wir zur Verfügung haben, so viel Kunden so gut wie möglich versorgen“, sagt ein Sprecher der baden-württembergischen AOK. Statt des regulierten Markts mit festen Preisen befürworten die Kassen ein Höchstpreissystem, bei dem sich Apotheken untereinander unterbieten könnten. Damit entstehe gerade in den Stadtzentren eine echte Konkurrenz. Was bedeute: Es könnte sich dann auf dem Land, wo es weniger Konkurrenz gebe als in den Städten, wieder mehr lohnen, eine Apotheke zu eröffnen. Die AOK Baden-Württemberg sagt – ganz im Gegensatz zu den Apothekern –, dass es ihr sogar gelungen sei, den organisatorischen Aufwand für die Apotheken teilweise zu verringern.

Die Apotheke am Fischbrunnen hatte einst sieben Mitarbeiter, zuletzt standen nur noch Wolfgang Strölin und seine Frau Susanne in der Offizin, wie man den Verkaufs- und Arbeitsraum einer Apotheke nennt. Der Gewinn, den die Apotheke zuletzt erwirtschaftete, war geringer als das Gehalt eines Apothekenangestellten. Es lohnte sich einfach nicht, weiterzumachen.

Gearbeitet haben die Strölins in den letzen vier Jahrzehnten genug, und sie tun es noch immer. Gerade wuchten sie ein Regal herum, stellen es auf Bierkisten, um die Last abzufedern. Die langen Schubladen, die so elegant auf und wieder zugleiten, liegen gestapelt in einer Ecke, die Medikamente sind noch drin. Susanne Strölin hatte die vorbeischlendernden Passanten und Kunden stets mit liebevoll dekorierten Schaufenstern erfreut, besonders beliebt waren die Puppenstuben.

Natürlich, jede der 300 Apotheken, die pro Jahr in Deutschland eingehen, stirbt ihren eigenen Tod. Einen beinahe aussichtslosen Kampf um seine Apotheke führt auch Christoph Mauz von der Rats­apotheke am Marktplatz. Sie ist die älteste in Esslingen und wurde vor rund 500 Jahren gegründet. „Die Bürokratie muss weg, die vor allem“, sagt Mauz. Aber dann zählt er doch eine ganze Latte von Schwierigkeiten auf, die ihn ärgert. Dass der ausländische Versandhandel bei Medikamenten Rabatte einräumen darf, während die deutschen Apotheken Festpreise hätten, „Diskriminierung von Inländern“ nennt er das. Ihn plagt der Kundenrückgang, weil es im Stadtzentrum kaum mehr Ärzte gibt, und weil die Baustelle in der Esslinger Geiselbachstraße und der Augustinerstraße ihn von seinen Kunden abschneide.

Die Zahlen geben ihm recht. Im Kreis Esslingen gab es vor vier Jahren 40 Apotheken, jetzt sind es noch 32. In Baden-Württemberg machten im vorigen Jahr 56 Apotheken zu, 2017 waren es 41 Apotheken, was bedeutet, dass es für die verbleibenden Betriebe auch immer schwerer wird, die Apotheken-Notdienste zu organisieren.

Und dann gibt es noch seine mittlerweile berühmten drei Treppenstufen. Diese drei Treppenstufen am Eingang des 500 Jahre alten Gebäude sind es, die den Tod dieser Apotheke bedeuten könnten. Mauz muss barrierefrei umbauen, doch wäre das durch den Denkmalschutz dermaßen kompliziert und teuer, dass er sich das nicht mehr leisten könne. Gehbehinderte Kunden über das ebenerdige Hinterhaus in die Offizin zu bringen, das würde das Regierungspräsidium nicht genehmigen, sagt er.

Er sucht keinen Nachfolger mehr

Wahrscheinlich sind es nur Kleinigkeiten, aber sie haben sich im Kopf von Wolfgang Strölin zu einem Gefühl verfestigt, von der Esslinger Stadtverwaltung alleine gelassen zu werden. Dass die Stadt keinen Strom für die Weihnachtsbeleuchtung zur Verfügung stellte und er stets improvisieren musste, das gehört dazu. Dass die Stadt stets Genehmigungen verlangte, wenn er zusammen mit den anderen Anrainern des Postmichelplatzes eine monatliche Veranstaltung organisierte. Dass immer noch Parksuchverkehr durch die Altstadtgassen rolle, weil die Verkehrsführung nur halbherzig gemacht worden sei. Entscheidender ist allerdings, dass er vorne in der Ritterstraße mit der Filiale einer Apotheken-Kette eine heftige Konkurrenz bekam.

Das alles hat ihn dazu bewogen, keinen Nachfolger als Apotheker zu suchen. Auch seine Kinder, sie wären die vierte Generation Strölins am Fischbrunnen gewesen, wollten nicht. Außerdem könnte sich ja niemand mit dem, was die Apotheke noch abwarf, einen Kredit für eine neue Einrichtung leisten. Aller Voraussicht nach wird ein Geschäft mit Designermoden in die ehemaligen Apothekenräume einziehen.

Wolfgang Strölin und seine Frau Susanne haben beide im Fach Pharmakologie promoviert, sie haben beide 35 Jahre lang in der Offizin ihre Apotheke gestanden und sind jetzt beide 65 Jahre alt geworden. In diesem Jahr, in dem voraussichtlich wieder 300 Apotheken in ganz Deutschland sterben werden, gönnen sich die beiden einen gemeinsamen Urlaub. Es ist er erste seit zehn Jahren.