Wie der 1. FC Nürnberg den Klassenverbleib geschafft hat Der Club der großen Dramen

Von Marco Seliger 

Der 1. FC Nürnberg war schon in der Vergangenheit für das eine oder andere Herzschlagfinale gut – nun hat der Club der Dramatik die Krone aufgesetzt. Und eine Reporter-Legende war mal wieder mittendrin.

Interimstrainer Michael Wiesinger bejubelt den Klassenverbleib des 1. FC Nürnberg. Foto: dpa/Matthias Balk
Interimstrainer Michael Wiesinger bejubelt den Klassenverbleib des 1. FC Nürnberg. Foto: dpa/Matthias Balk

Stuttgart/Ingolstadt - Günther Koch kennt sich aus mit den Dramen und Abgründen des Fußballs. Einmal meldete sich die Radioreporterlegende des Bayerischen Rundfunks sogar direkt „vom Abgrund“ – als er im Jahr 1999 Worte finden musste für eines dieser berühmten Abstiegsdramen rund um seinen Herzensclub, den neunmaligen deutschen Meister 1. FC Nürnberg. Am Samstag sagte Koch, der seit ein paar Jahren Aufsichtsratsmitglied beim Club ist, dies: „Ich habe alles erlebt – aber das noch nicht.“

Lesen Sie hier: Diese Talente schafften beim VfB zuletzt den Sprung zum Star

Der 1. FC Nürnberg hat sich also wieder selbst übertroffen. Nach jedem FCN-Drama heißt es ja, dass es spannender und schlimmer nicht mehr kommen kann. Und jetzt das: Rettung in der Relegation in der sechsten Minute der Nachspielzeit beim Drittligisten FC Ingolstadt. Das Tor zum 1:3 in Minute 96 von Fabian Schleusener bedeutete den Klassenverbleib in Liga zwei nach dem 2:0-Sieg im Hinspiel. Die Auswärtstorregel rettete den FCN. Und jede Menge Glück.

Viele Tränen, bewegende Worte

Günther Koch war im Stadion in Ingolstadt und zog einen Vergleich mit einem Spiel, bei dem er ebenfalls dabei war, nur eben am Mikrofon: „Das war schlimmer als Bayern gegen Manchester 1999.“ Der FC Bayern kassierte im Endspiel der Königsklasse in Barcelona zwei Treffer in der Nachspielzeit – der FCN rettete sich nun dramatisch vor dem Abgrund.

Klar ist: Emotionalere Szenen als jene am Samstagabend werden wohl auf absehbare Zeit nicht zu beobachten sein in einem Fußballstadion. Psychologen mit dem Spezialgebiet „weinende Männer“ hätten im Ingolstädter Sportpark ihre helle Freude gehabt. Die Nürnberger wussten kurz nach dem Schlusspfiff nicht, wohin mit ihren Gefühlen – die meisten ließen den Tränen freien Lauf. Ähnlich gefühlig gerieten dann auch die Äußerungen wenig später. „Mit unserem FCN in der 96. Minute den Sarg noch mal zu öffnen und herauszusteigen, hat mich sehr bewegt“, sagte Trainer Michael Wiesinger. Fabian Schleusener erzählte vom „brutalen Gefühlschaos in mir. Ich weiß nicht, ob ich jemals so viele Männer in Tränen gesehen habe. Unfassbar, was hier passiert ist.“

Lesen Sie hier: Wie die Clubs für die neue Saison um Zuschauer kämpfen

Unfassbar, das war dieser Fußballabend auch für den Verlierer, der ja lange der große Gewinner schien. Zumindest bis zu dieser 96. Minute. Auch beim FC Ingolstadt entluden sich die Emotionen. Die Ingolstädter tobten. Der Drittligist fand den Buhmann in Schiedsrichter Christian Dingert, der länger als die angezeigten fünf Minuten nachspielen ließ. „Die Mannschaft hat Unglaubliches geleistet, dann wirst du so bestraft, das ist brutal“, sagte Trainer Tomas Oral – dessen Kapitän am Ende selbst brutal wurde.

Ein Verlierer wird beinahe handgreiflich

Stefan Kutschke befand sich angesichts des späten Schocks und der ausgelassenen Nürnberger Jubelfeiern im emotionalen Grenzbereich. Kutschke wollte mehreren Nürnbergern nach Schlusspfiff an die Gurgel, nur mühsam konnte er zurückgehalten werden. Beim Gang in die Kabine forderte er den FCN-Coach Wiesinger zum Kampf auf. „Wenn du ein richtiger Mann bist, dann kommst du jetzt mit“, brüllte Kutschke in Richtung Wiesinger – der es allerdings vorzog, verbal eine klare Kante zu zeigen.

Der 47-Jährige wurde erst kurz vor der Relegation Club-Coach – und schloss es noch am Abend in Ingolstadt „komplett“ aus, Trainer zu bleiben. Er plant die Rückkehr auf den Posten des Nachwuchsleiters. Am Ende dieser chaotischen Saison standen mit Damir Canadi und Jens Keller zwei entlassene Trainer. Im Fokus steht deshalb vor allem der Sportvorstand Robert Palikuca (42). Der dritte Coach im Bunde gab noch in Ingolstadt die Richtung vor: „So eine Saison“, sagte Wiesinger, „darf es nicht mehr geben.“




Unsere Empfehlung für Sie