Die Stuttgarter Schauspielerin Sandra Gerling im Porträt Federball mit Tschechow

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„Ich spiele Ivy sehr gerne. In dieser Rolle kann ich bei mir bleiben, ich muss da nichts behaupten“: Charaktere darstellen, die ihr zumindest im Ansatz vertraut sind, sieht sie als Voraussetzung für ihre Arbeit. Wie aber gelingt die Identifizierung mit unterschiedlichen Figuren? „Bei der Rollenaneignung“, da haben wir’s wieder, „lasse ich mich meistens von Instinkten leiten.“ Ihre Methode bestehe darin, keine zu haben: „Manchmal regt mich die Atmosphäre an, die ein Regisseur schafft, die Visionen, die er entwirft. Manchmal ist es die Klarheit der Ansagen, manchmal auch die Freiheit, die er mir lässt. Die Freiheit bringt aber nur etwas, wenn ich weiß, wohin ich mit der Figur will“ – und wenn Gerling solche Sätze sagt, liegt es nicht nur am erotisch verhauchten Singsang, dass man ihnen Glauben schenken mag. Es liegt auch an ihrer Präsenz auf der Bühne. Dort drückt sich die Methodenvielfalt in der Rollenvielfalt aus, mit der sie in Stuttgart seit Herbst 2013 überzeugt.

Ihren Einstand hat sie an jenem Wochenende gegeben, als auch Petras seine Intendanz eröffnete. Spielend, Federball spielend mit den Zuschauern in den Vorderreihen stellte sich Gerling im Schauspielhaus vor. Das war in Tschechows „Onkel Wanja“, inszeniert von Robert Borgmann, wo ihre Elena Andrejewna über dem knappen Bikini eine US-Flagge trug und der russischen Landgesellschaft nicht nur als laszive Verheißung von Freiheit und Reichtum erscheinen musste. „Das transparente Kostüm machte mir Angst: Muss ich da nicht gegen ein Bitch-Image anspielen? Wie soll ich es damit bloß schaffen, meiner Elena ein Geheimnis zu verleihen?“, erinnert sich Gerling, der dann genau das gelungen ist: Sie befreite ihre Professorengattin von der Flittchen-Assoziation, indem sie unerbittlich zum Schmerzpunkt der in ihrer Ehe versackten, ums Leben betrogenen Frau vordrang. Gerling rang um Wahrheit und trug ihren Teil dazu bei, dass „Onkel Wanja“ im vergangenen Jahr beim Berliner Theatertreffen gastieren durfte.

Stuttgarter Schicksalsgöttin

Dieses Stuttgart-Debüt war ein Versprechen, das sie seitdem nicht immer, aber doch immer wieder eingelöst hat. Nicht nur in „Osage County“, auch im „Paradies der Damen“, das am Sonntag im Nord auf dem Programm steht. Gerling schenkt darin der kleinen Verkäuferin Denise Baudu ein großes Herz: unbestechlich, hilfsbereit und tugendsam, weil es ihre menschliche Natur so will. Oder ihr Instinkt. Die Inszenierung an sich ist matt, aber Denise leuchtet aus dem Einerlei hervor, als käme sie von einem anderen, besseren Stern – noch ein Kunststück der Verwandlungskünstlerin, von deren Hypermotorik auf der Bühne nichts zu sehen ist. Dort redet sie, anders als privat, keineswegs mit Händen und Füßen. Dort erfüllt sie ihren Job mit höchster Sprech- und Körperdisziplin. Denise Baudu, Elena Andrejewna, Ivy Weston: Sandra Gerling ist die neue Stuttgarter Schicksalsgöttin, zumindest die derzeit amtierende.




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