Die Zukunft der Stadt Esslingen Die Schulden der Stadt tragen Namen

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In einem Fünf-Punkte-Papier umreißt die Stadt ihre Ziele. Im Jahr 2027 will sie den Kurs von heute überprüfen.

Was ist wichtiger, Baugebiete (wie hier im Greut) oder das Stadtklima? Foto: /Horst Rudel
Was ist wichtiger, Baugebiete (wie hier im Greut) oder das Stadtklima? Foto: /Horst Rudel

Esslingen - Bei einer Pressekonferenz im Esslinger Rathaus am Montag hat die Verwaltung den Stadtkompass 2027 vorgestellt. In dem Papier ging es um die Strategieziele Esslingens in der nahen Zukunft. In der Pressekonferenz sollte die Öffentlichkeit auch auf den neuen Doppelhaushalt eingestimmt werden, der 60 Millionen Euro neue Schulden vorsieht. Wozu braucht es Strategieziele? Man könnte die Stadt mit einem Öltanker vergleichen, der auf einen Eisberg zusteuert. Ist die Entfernung groß genug, dann kann man leicht umsteuern und der Katastrophe entgehen. Steht man jedoch kurz davor, dann geht das nicht mehr. Seit beinahe 20 Jahren hat die Stadt im Fünfjahresturnus Strategieziele bis zum Jahr 2027 formuliert.

Warum gelten die Ziele bis 2027? Im Jahr 2027 feiert die Stadt ihr 1250-jähriges Bestehen. In diesen 1250 Jahren wurde sie von einer simplen Klosterzelle an einer Neckarfurt zu einer der bedeutendsten Städte des mittelalterlichen Deutschlands, mauserte sich zur Keimzelle der Industrialisierung in Württemberg und ist bis heute ein wichtiger Industriestandort in Baden-Württemberg. 2027 will die Stadt dann einen Strich ziehen und herausfinden, ob sie ihre Ziele aus den vergangenen 20 Jahren erreicht hat, in der Zeitspanne also, in der Jürgen Zieger Oberbürgermeister ist.

Welche Schwerpunkte setzt die Stadt? Fünf Themen haben der Wirtschaftsförderer Marc Grün und Anja Dietze, die Leiterin der Esslinger Krankenhaus-Organisation, ausgemacht: die gesellschaftliche Fragmentierung, den Klimawandel, die Konkurrenz um die Flächen, den immer schneller werdenden gesellschaftlichen Wandel sowie die Diskrepanz von den Erwartungen der Bürger und den Möglichkeiten der Stadtverwaltung.

Die Gesellschaft zerfällt Dass die Esslinger immer weniger zusammenhalten, ist vor allem für die Stadtverwaltung eine bedauerliche Entwicklung. Wenn sich die Bürger mehr an ihren eigenen Interessen orientieren als an dem Gesamtwohl der Stadt, dann wird es schwieriger, allgemein akzeptierte Lösungen für die Projekte zu finden. Das zeigte sich etwa beim Flächennutzungsplan, als es darum ging, Baugebiete zu finden. Gegensteuern will die Stadt, indem sie die Bildung und die Kultur in der Stadt stärkt.

Es wird immer heißer Die Auswirkungen des Klimawandels werden in der Stadt immer mehr spürbar durch die steigende Hitze vor allem in der Altstadt. Deswegen will die Stadt konsequent ihre Bemühungen um den Klimaschutz fortführen, „auch wenn wir in Esslingen den Klimawandel nicht stoppen können“, wie der Esslinger Oberbürgermeister Jürgen Zieger sagte. Konkurrenz um die Flächen Esslingen bleibt weiter Zuzugsgebiet und ist weiterhin ein begehrter Wirtschaftsstandort. Doch die Bürger brauchen nicht nur Flächen zum Wohnen und Arbeiten, sondern auch Flächen für die Freizeit und für die Natur. Hier wirbt die Stadt dafür, die Debatten zu versachlichen, die oftmals zu emotional geführt würden.

Die Gesellschaft ändert sich schneller Die Halbwertszeit der gesellschaftlichen Entwicklungen ist deutlich kürzer geworden. Der Wirtschaftsförderer Marc Grün spricht hier vor allem die Digitalisierung an, die dem Handwerk und der Industrie neue Möglichkeiten bietet, aber auch Risiken beinhaltet. Die Stadtgesellschaft müsse darauf vorbereitet sein, immer schneller Antworten zu finden, um den Wandel aktiv mitgestalten zu können.

Was kann die Stadt leisten? Der letzte Punkt spielte vor allem im Vorfeld der neuen Haushaltsdebatte eine wichtige Rolle. „Alle unsere Schulden haben Namen“, sagte dazu der Oberbürgermeister Jürgen Zieger: „Wer kritisiert, dass wir voraussichtlich 60 Millionen neue Schulden aufnehmen, der soll uns auch sagen, welche Schule und welchen Kindergarten wir nicht bauen sollen.“ Genauso warnte der Oberbürgermeister vor überzogenen Forderungen an die Stadtkasse. Wer neue Projekte fordere, der solle der Verwaltung auch erklären, wie sie zu finanzieren seien.