„Die zwei Päpste“ bei Netflix Drama im Vatikan

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Anthony Hopkins und Jonathan Pryce agieren grandios im Netflix-Film „Die zwei Päpste“. Fernando Meirelles erzählt, wie Benedikt XVI. zugunsten von Franziskus zurücktrat.

In Hochform: Anthony Hopkins (li.) und Jonathan Pryce als scheidender und künftiger Papst Foto: Netflix/Peter Mountain 11 Bilder
In Hochform: Anthony Hopkins (li.) und Jonathan Pryce als scheidender und künftiger Papst Foto: Netflix/Peter Mountain

Stuttgart - Nichts gegen rote Herrenschuhe. Aber so, wie die Fußbekleidung des Oberhaupts der Katholischen Kirche in „Die zwei Päpste“ deutlich gezeigt wird, kann man von bloßer Milieutreue nicht mehr sprechen. Diese Produkte feinen Handwerks werden als Isolierschuhwerk gezeigt, scheinen ihrem Träger die Erdverbundenheit zu nehmen. Das ist in diesem großartigen Film, der vom Rücktritt Benedikts XVI. und von der Wahl des Argentiniers Jorge Bergoglio zum Papst erzählt, keine Polemik. Es ist die Verdeutlichung einer der Schwierigkeiten an der Spitze einer Weltkirche.

Streit und Ränke

Wer einen wütenden Politthriller erwartet, der die Intrigen im Vatikan an die Leinwand nagelt, wird von Fernando Meirelles’ Werk enttäuscht sein. „Die zwei Päpste“, die neueste Edelproduktion für den Streamingdienst Netflix, überlegt klug und pfiffig, wie in einer für Streit und Ränke bekannten Kirche gegensätzliche Weltanschauungschampions aufeinander geprallt sein mögen, um zu einer seltsamen Brüderlichkeit zu finden.

Der Film beginnt mit Bildern aus den ärmeren Gegenden von Buenos Aires, mit geschäftigem Gewusel, untermalt von flotter Musik. Hier fühlt sich der Kardinal Bergoglio (Jonathan Pryce) zuhause. Bald darauf sind wir im Vatikan, wo Joseph Ratzinger (Anthony Hopkins) zum Papst gewählt wird. Dort sind die Bewegungen streng und ritualisiert, im Fortgang des Films werden die Räume dort noch leerer als zu Beginn. Diesen Gegensatz kultiviert die exzellente Kamera von César Charlone (der für Meirelles schon „City of God“, „Der ewige Gärtner“ und „Stadt der Blinden“ fotografiert hat) beständig. Die Kirchenmänner leben in einer Filterblase.

Konservative gegen Reformer

Ratzingers Wahl ist ein politischer Akt, daran lässt das Drehbuch von Anthony McCarten („Bohemian Rhapsody“) keinen Zweifel. Die Konservativen stimmen für einen Erzkonservativen, um die Reformbewegung abzublocken.

Ein Exponent dieser Bewegung ist Bergoglio, der gleich nach Ratzingers Sieg mit dem Gedanken spielt, die große Kirchenpolitik hinter sich zu lassen und einfacher Gemeindepriester zu werden. Ein paar Jahre später ist es soweit. Bergoglio hat sein Rücktrittsgesuch an den Heiligen Stuhl geschickt. Ratzinger, nun Benedikt XVI., bestellt ihn nach Rom.

Keine Mätzchen

Die Gespräche zwischen diesen beiden Männern bilden das Rückgrat des Films. Sie zählen nun zu den großen Beispielen, wie man Charaktere und Themen in der Balance hält und wie man intellektuelle Fragen und die Probleme menschlicher Verständigung extrem spannend schildert, ohne Mätzchen und Aufgeregtheiten zu bemühen.

Der Interpretation, Benedikt sei bei seinem Rücktritt aus einem in den Grundfesten erschütterten Vatikan förmlich geflohen, erteilt Meirelles ebenso eine Absage wie der Deutung, der Stellvertreter Gottes auf Erden sei aus dem Amt gezwungen worden. In „Die zwei Päpste“ entscheidet Benedikt in einem Akt demütiger, couragierter Hellsicht, dass er selbst der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Dass es nun einen braucht, der grundsätzlich anders über viele Strukturen, Rituale und Dogmen denkt.

Adern in Gestein

Beide Hauptfiguren kennt man aus dem Fernsehen, aus Reportagen, Porträts, Karikaturen. Man hat nicht nur ungeordnete Bilder von ihnen im Kopf, man hat sich ein Bild von ihnen gemacht. Eine undankbarere Aufgabe ist für Schauspieler kaum denkbar, aber Pryce und Hopkins agieren so grandios, dass man von Beginn an bereit ist, eigene Meinungen hintanzustellen.

Pryce gelingt es, etwas vom Charisma von Franziskus in den Film zu holen, Hopkins gelingt das noch schwerere, Benedikt nicht als kaltherzigen Gegenpol zu spielen, sondern bei aller Härte dieses Charakters andere Züge erkennen zu lassen, wie Adern in Gestein. Die Kirche schafft es immer wieder, durch hanebüchene Entscheidungen auf vielen Ebenen Mitglieder zu vergraulen, Nichtmitglieder zu empören und als dialogunfähig dazustehen. Mancher mag da schon um ein Wunder gebetet haben, damit die Kirche gesprächsfähig über die eigenen Gemeindebänke hinaus bleibt. Es könnte sein, dass mit diesem Film die Gebete erhört wurden.

Verfügbarkeit: Bei Netflix, bereits abrufbar