Diskussion an Stuttgarter Schule „Das Handy ist wie digitales Nikotin“

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Welchen Einfluss haben die modernen Medien auf die Entwicklung unserer Kinder? Um diese Frage geht es bei einem Vortrag, zu dem der Dachswaldverein einlädt. Wir haben von den Teilnehmern bereits vorab einige Antworten bekommen.

Manch einer verbringt viele Stunden täglich mit dem Mobiltelefon. Foto: dpa
Manch einer verbringt viele Stunden täglich mit dem Mobiltelefon. Foto: dpa

Dachswald - Welchen Einfluss haben die modernen Medien auf die Entwicklung unserer Kinder? Um diese Frage geht es bei einem Vortrag, zu dem der Dachswaldverein einlädt. Unsere Redaktion hat mit der Vorsitzenden Sigrid Beckmann und dem Referenten Jan Vagedes vorab ein paar Fragen geklärt.

Frau Beckmann, wie sind Sie auf die Idee gekommen, so einen Vortrag anzubieten?
Beckmann: Ich arbeite in der Nachmittagsbetreuung an der Pfaffenwaldschule. Dabei begegnet mir das Thema täglich. Manche Kinder sind lustlos, andere können sich nachmittags nicht mehr konzentrieren. Die Kinder werden rücksichtsloser gegenüber anderen und gleichgültiger.
Sind dafür die Medien verantwortlich?
Beckmann: Ich glaube schon. Als ich mal ein Kind fragte, warum es so lustlos ist, bekam ich zur Antwort: Ich bin müde, ich habe gestern zu lange Fernsehen geschaut.
Herr Vagedes, können Sie solche Beobachtungen als Mediziner bestätigen?
Vagedes: Wie haben zumindest immer mehr wissenschaftliche Studien, die einen Zusammenhang zwischen der Art beziehungsweise Menge an Medienkonsum und Konzentrationsstörungen oder auch bestimmten Erkrankungen belegen.
Und diese Erkrankungen sind?
Vagedes: ADHS, also die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung und die Adipositas, also die Fettleibigkeit, um die beiden wichtigsten zu nennen. Auch eine zunehmende Gewaltbereitschaft wird in Zusammenhang mit den Medien gesehen.
Ist der Zusammenhang mit den Neuen Medien wissenschaftlich belegt?
Vagedes: Erwähnen kann man hier die sogenannte No-Tel-Studie. Nachdem in den USA nahezu flächendeckend das Fernsehen eingeführt worden war, konnte man auf den Pausenhöfen einen sprunghaften Anstieg an Gewalttaten beobachten. Auf dem Land, wo es noch kein Fernsehen gab, gab es diesen Anstieg nicht.
Und wie ist das mit Computerspielen?
Vagedes: Eine Extremvariante sind hier zum Beispiel die Ego-Shooter-Spiele. Von den Amokläufern von Erfurt und von Winnenden weiß man, dass sie sich zuvor beide sehr intensiv damit beschäftigt haben. Man darf daraus nicht den Umkehrschluss ziehen, dass jeder, der solche Spiele spielt, zum Mörder wird. Aber medienpädagogische Untersuchungen weisen darauf hin, dass Jugendliche, die zunehmend zurückgezogen in einen Medienwelt abtauchen und sich womöglich seelisch verletzt fühlen, irgendwann die Realität nicht mehr als Realität erkennen können.
Was raten Sie Eltern? Wie viel Fernsehen ist gut für ein Kind
Vagedes: Es gibt kein Patentrezept. Aber wenn ein Erstklässler täglich ein bis zwei Stunden Fernsehen schaut, so wird sich das sicher auf die Schulnoten und die Gesundheit auswirken. Das zeigen leider verschiedene Studien.
Beckmann: Es geht auch darum, sich Zeit zu nehmen. Der Fernseher sollte nicht der Babysitter sein. Ich habe mich früher bei meinen Kindern oft dazu gesetzt, gemeinsam eine Sendung ausgesucht und angeschaut. Genauso ist es mit dem Computer. Warum nicht mal als Elternteil gemeinsam mit dem Kind was am Computer machen?
Vagedes: Es scheint eine Dosis-Wirkung-Beziehung zu geben. Sicher ist nicht die komplette Erziehung dahin, wenn das Kind mal Fernsehen schaut. Aber der Fernseher darf nicht der sein, der beispielsweise ein kleines Kind in den Abendstunden in den Schlaf begleitet. Das wirkt sich nachteilig auf die Entwicklung des Kindes aus. Auch hier gibt es neurobiologische Studien.
Was ist mit Handys? Wann darf ein Kind ein Handy haben?
Vagedes: Vielleicht kann man auch hier den Grundsatz gelten lassen: So früh wie wirklich nötig, so spät wie möglich. Wobei man ja noch unterscheiden muss zwischen der Art des Handys. Die heutigen Smartphones sind kleine Hochleistungscomputer. Die Entwicklung ist wie ein Tsunami: gestern Handys, heute Smartphones, morgen Google-Brillen. So wie in den 70er-Jahren überall geraucht wurde: am Arbeitsplatz, im Restaurant, in der Bahn, schaut heute jeder überall ständig auf sein Handy. Man könnte fast sagen: damals inhalatives, heute „ digitales Nikotin“.
Und wie kommen wir aus dieser Rauchwolke wieder raus?
Vagedes: In den USA gibt es bereits Camps, in denen die Teilnehmer lernen, wieder ohne Handy zu leben. Vielleicht brauchen wir so etwas auch irgendwann. Was das Rauchen betrifft, feiern wir heute rauchfreie Züge und Restaurants als Erfolg. Vielleicht ist in 40 Jahren der WLAN-freie ICE oder Urlaubsort ein Privileg und kein Problem.
Und bis dahin? Wie sollten Eltern mit ihren Kindern umgehen?
Vagedes: Hierbei geht es wirklich um Erziehung als Kunst. Ich kann mein Kind nicht unterdrücken und ihm alles verbieten. Aber ich kann auch nicht alles erlauben. Hier muss ein Mittelweg gefunden werden. Doch welcher Weg für das ein oder andere Kind richtig ist, kann sehr individuell sein. Das muss im Alltag immer wieder neu gefunden werden. Um persönlich Kante zu zeigen: Computer haben im Kindergarten noch nichts zu suchen. Und an der Grundschule gilt: So viel wie wirklich nötig.
Sind Sie ein Technik-Gegner?
Vagedes: Ganz im Gegenteil. Ich habe parallel zum Abitur eine Ausbildung zum Informationselektroniker gemacht. Als Notfallmediziner bin ich begeistert, welche Möglichkeiten elektronische Geräte bieten. Als Wissenschaftler begeistern mich die Möglichkeiten moderner Medien. Man sollte sich jedoch als Erwachsener immer wieder selbst fragen, wie viel Zeit man mit den neuen Medien wirklich verbringen muss. Unser Verhalten beeinflusst sehr stark dasjenige unserer Kinder. Das ist auf der einen Seite ernüchternd, aber auf der anderen Seite auch eine gute Nachricht: Um das Verhalten unserer Kinder zu ändern, können wir selber etwas machen.
Sigrid Beckmann: Es geht nicht darum, die modernen Medien zu verteufeln, sondern darum, diese sinnvoll zu nutzen. Und es geht um die Frage, was braucht ein Kindergartenkind, was braucht ein Grundschulkind und was brauchen Jugendliche wirklich.
Das Gespräch führte Alexandra Kratz
Der Vortrag am Donnerstag, 22. Mai, beginnt um 20 Uhr im Saal der Pfaffenwaldschule, An der Betteleiche 1. Nach dem Referat ist Zeit für Fragen. Der Eintritt ist kostenfrei. Spenden für das Projekt Shining Eyes zur Unterstützung eines Kinderkrankenhaus in Indien sind willkommen.
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