Ditzinger CDU will mehr für den Erhalt der Arten tun Ein Biotop allein schafft noch keine Vielfalt

Von  

Um Pflanzen und Tiere zu erhalten, will sich die Ditzinger CDU an einer bundesweiten Initiative beteiligen. Es könnte der Kommune helfen, aus einem Dilemma herauszukommen.

Auch die Kornblume ist eine durch Monokulturen auf den Feldern bedrohte Pflanze. Foto: dpa/Frank Rumpenhorst
Auch die Kornblume ist eine durch Monokulturen auf den Feldern bedrohte Pflanze. Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Ditzingen - Es gibt ein Thema, bei dem sich Fritz Hämmerle in Rage reden kann. Der Agraringenieur im Ruhestand sitzt seit vielen Jahren für die CDU im Ditzinger Gemeinderat. Er ist eher ein Ruhiger, aber wenn es um Arten- und Naturschutz geht, um innerstädtische Grünflächen, wird er deutlich. Wie nun etwa beim Thema Biotope. Diese müssten groß sein, um zu wirken. „Unter drei Hektar sollen wir gar nicht anfangen“, sagt der Mann, der mit Begrünung schwieriger Standorte sein Geld verdiente. Auch im dicht besiedelten Ditzingen gebe es dafür Flächen, ist er überzeugt. Wald und Gärten am Siedlungsrand könnten dafür genutzt werden. Einer allein kann dies nicht leisten, weiß er. „Es muss eine konzertierte Aktion von Verwaltung und Gemeinderat sein.“

Vor diesem Hintergrund hat die CDU vor wenigen Wochen einen Antrag im Gemeinderat eingebracht. Sie will die Verwaltung beauftragen, Flächen auf der Gemarkung zu finden, die zur Anlage eines großflächigen Biotops geeignet sind. Entschieden ist darüber nicht, der Ausschuss für Technik und Umwelt wird sich damit in seiner ersten Sitzung im neuen Jahr befassen. „Der rasant fortschreitende dramatische Rückgang der Artenvielfalt verlangt einschneidende Maßnahmen, die weit über das hinaus gehen müssen, was wir derzeit praktizieren“, begründet die CDU-Fraktion ihren Antrag.

Bundesweite Initiative für einen Biotopverbund

Die Christdemokraten schließen sich mit ihrer Forderung der Initiative „Jeder Gemeinde ihr Biotop“ an. Die Heinz Sielmann-Stiftung hatte 2016 begonnen, einen Biotopverbund für ganz Deutschland auf den Weg zu bringen. Dem vorausgegangen war der 2004 begonnene Biotopverbund Bodensee. Initiator war der Biologe Peter Berthold. Der langjährige Direktor des Max-Planck-Instituts war zugleich Leiter der Vogelwarte Radolfzell. Er schreibt in einem Aufsatz für das Institut: „Bisher ist es nicht gelungen, den Artenschwund zu stoppen – weder durch Naturschutzgesetze, Verordnungen, Einrichtungen von Schutzgebieten. Die Roten Listen gefährdeter Arten werden jedes Jahr länger.“ Nur die Bestände weniger Arten wie Biber, Luchs, Wolf, Kranich, Seeadler und Wanderfalke seien in den vergangenen Jahren gewachsen.

In der Konsequenz führe der Rückgang zu einschneidenden Veränderungen: „Ohne Vielfalt an wild lebenden Arten und gezüchteten Sorten lassen sich die für uns als Lebensgrundlage erforderlichen Kulturen von Wiesen, Getreide, Mais, Kartoffeln, Gemüse, Obst und Wein als Mini-Ökosystem auf Dauer nicht erhalten und stabilisieren.“ Berthold schlug vor, jene Flächen, die für die Landwirtschaft nicht ergiebig sind, zu renaturieren. Würde dies in bundesweit allen 1100 Kommunen geschehen, würde ein bundesweiter Biotopverbund entstehen. Die Abstände der einzelnen Lebensräume betrügen rund zehn Kilometer. Diese Distanz könnten die meisten Tiere und Pflanzen – letztere durch Samenflug – überbrücken.

Bodenbrüter haben es schwer

Lesen Sie hier: Wie Backnang Modellkommune für einen landesweiten Biotopverbund werden will

Ganz neu ist das Thema nicht – wenngleich die Lebensräume von Tier und Pflanzen meist in kleinteiligen Schutzgebieten ausgewiesen sind. Laut dem Landratsamt Ludwigsburg zählen dazu unter anderem Naturdenkmale und Naturparks. Die Kreisbehörde unternehme seit Beginn der 1990er-Jahre Anstrengungen für Erhaltung und Entwicklung der Schutzgebiete. Im Kontext der Landschaftspflege würden „die für die Artenvielfalt besonders wichtigen Magerrasen, Feuchtgebiete, Waldränder in Stromberg und Bottwartal in Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft gepflegt und aufgewertet“, sagt der Behördensprecher Andreas Fritz. Auch das Alt- und Totholzkonzept der Forstverwaltung trage zum Artenerhalt bei.

Wer baut, muss an anderer Stelle einen Ausgleich für den Eingriff in die Natur schaffen. Der Ditzinger Ackerboden gehört zu den deutschlandweit fruchtbarsten Böden. Angesichts der vielen Bauprojekte sollte er nicht auch noch als Ausgleichsfläche genutzt werden, argumentiert die Ditzinger CDU. Der Ausgleich müsse deshalb großflächig am Ortsrand oder kleinteilig innerstädtisch erfolgen.

„Wir können das Rad nicht zurückdrehen“, sagt Hämmerle mit Blick auf die Monokultur auf den Feldern. Aber mit einem Großbiotop erziele man „denselben Effekt wie mit der Fruchtfolge, wie sie einst auf den Äckern praktiziert wurde.“ Die Fruchtfolge hätte dem Bestand von Tieren und Kräutern die Möglichkeit gegeben, sich zu regenerieren. Bodenbrüter wie Rebhuhn und Fasan fänden heute am Boden aber keine Nahrung mehr: Weil auf den Feldern dicht gesät würde, lebe dort kein Krabbeltier mehr.