Torsten Körners Dokumentarfilm „Angela Merkel – Im Lauf der Zeit“ in der ARD-Mediathek ruft Wichtiges in Erinnerung.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)

Stuttgart - Besonnen, unaufgeregt, zaudernd, ungerührt, bräsig – es gibt viele, äußerst widersprüchliche Einschätzungen des Auftretens und Handelns der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel. Vielleicht wäre „diskret“ ein Adjektiv, das man unbedingt ins Gemenge werfen wüsste. Merkel hat den Klatsch- und Durchstechernetzwerken des Berliner Politik- und Medienbetriebs ganz konservativ Pressekonferenzen entgegen gestellt, sie hat sich dem Wettbewerb der Übertreibungen, Emotionalisierungen und Zuspitzungen verweigert, sie hat sich als Beruhigerin im Dienst des Seelenfriedens der Bevölkerung und der Aktienmärkte begriffen. Das kann man als Vorzug oder Unart bewerten, aber man kann nicht erstaunt darüber sein, wie sie sich nach ihrem Abgang verhält: Sie packt nicht plötzlich aus.

Politik als Handwerk

Damit ist auch die Grenze von Torsten Körners Dokumentarfilm „Angela Merkel – Im Lauf der Zeit“ benannt. Eine nie zuvor gesehene, endlich vom Amt und seinen Rücksichtnahmen befreite Merkel gibt es hier nicht zu bestaunen. Aber Körner(„Schwarze Adler“) hat auf eine ganz andere Merkel nie spekuliert. Er will mit prägnant ausgewähltem Archivmaterial und Interviews mit Zeitzeugen das politische Wesen Angela Merkel schärfer umreißen – vor allem das noch einmal frisch sichten, wogegen man durch lange Gewöhnung abgestumpft war.

Ob der frühere US-Präsident Barack Obama, ob Christine Lagarde, die Chefin der Europäischen Zentralbank, ob Politikerinnen der Grünen und der SPD, ob Journalistinnen und Politikwissenschaftler, die Merkel über die Jahre hin beobachtet haben: Körners Interviewpartner zeichnen das Bild einer Frau, die Politik als schwieriges Handwerk betrieb, nicht als krawalliges Showgeschäft.

Taktik und Überzeugungstreue

Es geht in „Angela Merkel – Im Lauf der Zeit“ nicht um eine genaue Landkarte von Merkels politischen Ansichten, nicht um eine Analyse ihrer Entscheidungen, eine Ausleuchtung ihrer Fehler, eine präzise Chronik ihrer Rückzüge und Kehrtwendungen. Wohl aber geht es darum, dass es die überhaupt gab. Körner versucht, die Wechselwirkungen von Taktik und Überzeugungstreue, von Engagement und Selbstschutz zu verstehen, die Frage, wie ein Amt die Person verändert und inwieweit eine Persönlichkeit ein von vielen Sachzwängen bestimmtes Amt prägen kann.

Was Körners Film besonders eindringlich in Erinnerung ruft, ist Merkels Pionierleistung als Frau an der Spitze der Regierung – ihr Führen eines Geschlechterkriegs, ohne selbigen je solidaritätssuchend zu thematisieren. Schon die Anfänge ihrer Karriere – als „Kohls Mädchen“, wie die Herabsetzungsformel lautete – waren geprägt vom patriarchalischen Denken, mit einer Frau werde man schon fertig werden, sie sei schließlich bloß zeitgeistige Dekoration in den Entscheiderrunden. Kein Wunder, dass Körner für dieses Thema ein gutes Auge hat: Von ihm stammt auch der Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen“ über Frauen im männlich dominierten Politikbetrieb der alten BRD.

Angela Merkel – Im Lauf der Zeit. ARD-Mediathek, bereits abrufbar

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