Dokumentarfilm über Mario Adorf Der Star ist nicht da – und doch omnipräsent

Von Bernd Haasis 

Ein Abend mit Mario Adorf kann auch dann funktionieren, wenn er selbst gar nicht erscheint. Beim Ludwigsburger Festival „Lichtspielliebe“ im Scala, das den Wert der Kinokultur vermitteln möchte, drehte sich am Samstag fast alles um einen Abwesenden.

Mario Adorfs  Plauderei mit  Senta Berger ist ein vergnüglicher Höhepunkt des Dokumentarfilms  „Es hätte schlimmer kommen können“ Foto: Verleih 8 Bilder
Mario Adorfs Plauderei mit Senta Berger ist ein vergnüglicher Höhepunkt des Dokumentarfilms „Es hätte schlimmer kommen können“ Foto: Verleih

Stuttgart - Der Abend beginnt mit einem Schock: Mario Adorf, wird nicht nach Ludwigsburg kommen – er hatte am Tag zuvor in München einen Schwächeanfall. Trotzdem ist der Star omnipräsent in Gesprächen, Gedanken, auf der Leinwand. „Es geht ihm gut“, sagt im vollen Kino Scala Jochen Laube, Ludwigsburger Filmproduzent und Veranstalter des Kino-Festivals „Lichtspielliebe“. „Wir hätten ihm sogar ein Auto geschickt, dass ihn direkt hier vor die Tür fährt, aber der Arzt hat es strikt verboten.“ Adorf ist 89, er darf auf Verständnis hoffen.

Wie fit er noch ist, zeigt Dominik Wesselys Dokumentarfilm „Es hätte schlimmer kommen können“. Er reist mit Adorf durch die Stationen seines Lebens. Aus aus dem Sohn einer alleinerziehenden Näherin im rheinland-pfälzischen Mayen wird ein internationaler Filmstar, der mal in Rom lebt und mal in St. Tropez – und immer findet Wessely Wegen, den Mann und sein Werk zueinander in Beziehung zu setzen.

Adorf spart nichts aus

Die Liebe zu Italien sei über die Kunst gekommen, sagt Adorf, der uneheliche Sohn eines Italieners. Besonders die Skulpturen Michelangelos, den er zitiert: „Man muss nur den überflüssigen Marmor entfernen.“ Bezogen auf die Schauspielkunst „lässt sich das auf Mario Adorf übertragen“, sagt Wessely, der ins Scala gekommen ist und darüber berichtet, was er an 36 Drehtagen und darüber hinaus mit dem Schauspieler erlebt hat.

Adorf sei skeptisch gewesen, das Eis erst gebrochen, als sie die gemeinsame Liebe zu den Liedern Georg Kreislers entdeckt hätte, sagt Wessely. Adorf habe aus seinen 220 Filmen eine Top-Ten-Liste gemacht, „und in der war alles drin“. Adorf spart nichts aus: „Winnetou“ (1963) macht ihn berühmt, doch der Bösewicht Santer bleibt an ihm kleben wie nach der „Blechtrommel“ (1979) der böse Nazi, in Hollywood die Mexikanerrollen und aus italienischen Filmen der frühen 70er die brutalen Gangster – in einer Szene aus „Milano Kaliber 9“ (1972) von Fernando Di Leo schlägt er den Kopf eines anderen mehrfach gegen die Kante einer Kommode. „Quentin Tarantio liebt diese Filme“, sagt Wessely, und auch bei Martin Scorsese gebe es in Filmen wie „Goodfellas“ solche Szenen – „womöglich hat Europa da die Amerikaner inspiriert“.

Die „Lichtspielliebe“ taugt als Inspiration für Stuttgart

Adorf konnte alles abschütteln. Im Gespräch mit seiner Kollegin Senta Berger erinnert er sich an den gemeinsamen Dreh zu Sam Peckinpahs Western „Sierra Charriba“ (1964) und einen übergriffigen Charlton Heston. Mit Margarethe von Trotta spricht er über den deutschen Film der 70er. „Ich wollte nicht, das andere über Mario reden, wie man das oft sieht, sondern mit ihm“, sagt Wessely

Die „Lichtspielliebe“ ist natürlich ausverkauft. „Abends läuft es, wir haben auch doppelt so viele Zuschauer wie bei der Premiere 2018 – aber tagsüber um die Jugend müssen wir kämpfen“, sagt Laube (41), wie Wessely ein Absolvent der Ludwigsburger Filmakademie. „Wir brauchen einen langen Atem – und ich merke, warum ich das machen muss.“ Er möchte das Festival 2020 fortführen und zeigen, wie sich Kinokultur attraktiv vermitteln lässt mit einem stringenten inhaltlichen Konzept und illustren Gästen. Besser kann man das programmatisch kaum machen – was vielleicht auch für Stuttgart interessant sein könnte, wo man seit der abrupten Schließung des Kommunalen Kinos 2008 um einen Neustart ringt. Jochen Laube steht leider nicht zur Verfügung, er bleibt Filmproduzent und hat bald einige Premieren: Am 20. 11. startet auf Netflix die Serie „Zeit der Geheimnisse“ mit Corinna Harfouch, am 26. 12. eine Verfilmung von Judith Kerrs Roman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, 2020 eine Neuverfilmung von Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“.

Ein starkes Motiv selbst für den Tod

Laube war als Student Kartenabreißer im Scala, und auch Wessely verbindet eine „ungeheure, emotionale Erinnerung“ mit dem Kino. Er gehört zum ersten Absolventenjahrgang, die Filmakademie war noch nicht vollständig ausgebaut und ein Teil seiner Vorlesungen fand im Kino statt. Dann feierte er mit seinem ersten, sehr erfolgreichen Dokumentarfilm, „Die Blume der Hausfrau“ über Staubsaugervertreter im Raum Stuttgart Premiere im Scala.

„Es hätte schlimmer kommen können“ – nicht nur zu Mario Adorf passt dessen lakonisches Lebensfazit. Wessely erzählt eindrücklich und kurzweilig die Dramen eines bewegten Lebens und begegnet seinem Protagonisten dabei mit Respekt und Empathie. „Mario hat es geschafft, dass in 60 Jahren im Geschäft nicht eine einzige Home-Story über ihn erschienen ist, das hat er sich bewahrt“, sagt Wessely – und ich habe das nicht als Einschränkung empfunden.“ Selbst für den Tod hat er ein Motiv gefunden: Er hat Adorf dazu gebracht, mit ihm über den berühmten Friedhof am Meer in St. Tropez zu gehen und über Sterbeszenen in seinen Filmen zu reden. „Es war klar, dass ich mit ihm darüber reden musste, und das schien mir ein akzeptabler Weg zu sein“, sagt Wessely.

Wessely bangt um den Dokumentarfilm

Der Dokumentarfilmer bangt um die Zukunft seiner Profession: „Das fängt bei den Begrifflichkeiten an. Dokumentarfilm hat nichts zu tun mit gängigen Doku-TV-Formaten“, sagt Wessely. „Ein Dokumentarfilm ist nicht nur nur eine Material- oder Faktensammlung, sondern eine Erzählung, in der genauso viel Kunstfertigkeit steckt wie beim Spielfilm.“ Dafür sei das Bewusstsein geschwunden: „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat zwischen 1960 und 1980 eine große Dokumentarfilmtradition begründet und dieses reiche Erbe binnen einer Generation wieder vernichtet – weil man beim Dokumentarfilm vorher nie weiß, was man bekommt, und es bequemer ist, solche Inhalte in Formaten zu domestizieren.“

Was er damit meint? Zu den anrührendsten Szenen zählt diejenige, in der Adorf die alte Nähmaschine seiner Mutter aufbaut. „Ich habe nicht geahnt, dass er sie in Betrieb nehmen würde“, sagt Wessely. „Solche Momente entstehen ungeplant – Dokumentarfilm ist ein absichtsvoller Kontrollverlust.“