Dokumentationszentren in Freiburg und Mannheim Weit mehr als eine Gedenkstätte

In Mannheim wird das NS-Dokumentationszentrum gemeinsam mit dem Stadtarchiv in einem ehemaligen Hochbunker untergebracht. Foto: Marchivum/Kathrin Schwab
In Mannheim wird das NS-Dokumentationszentrum gemeinsam mit dem Stadtarchiv in einem ehemaligen Hochbunker untergebracht. Foto: Marchivum/Kathrin Schwab

Gleich zwei NS-Dokumentationszentren sind derzeit im Südwesten in Planung: Mannheim will bereits nächstes Jahr eröffnen, in Freiburg dauert es noch bis Ende 2023. Beide Einrichtungen wollen nicht nur Geschichte vermitteln, sondern sich um aktuelle Fragen und Themen kümmern.

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)

Freiburg/Mannheim - Der Wunsch, die Gräuel der NS-Diktatur auf lokaler Ebene zu erforschen und daraus Lehren für die Gegenwart zu ziehen, ist auch ein Dreivierteljahrhundert nach Kriegsende nicht erloschen: Unabhängig voneinander gibt es derzeit in Freiburg und in Mannheim sehr konkrete Bestrebungen, ein NS-Dokumentationszentrum einzurichten. Beide sollen vorwiegend aus städtischen Mitteln finanziert werden.

In Mannheim will man dieses Zentrum in gut einem Jahr eröffnen, und zwar in einem ehemaligen Luftschutz-Hochbunker nördlich der Innenstadt, der mit zwei turmähnlichen Aufsätzen an sich schon architektonisch ungewöhnlich war und der nun mit zwei gläsernen Dachgeschossen ein „sehr spektakuläres“ Aussehen erhalten hat, wie Ulrich Nieß betont, der Leiter des Mannheimer Stadtarchivs – dieses nennt sich übrigens seit einiger Zeit wunderschön „Marchivum“. Schon vor knapp drei Jahren ist dieses dorthin samt allen Mitarbeitern und Archivakten umgezogen; nun kommt in der ersten Etage mit 600 Quadratmetern Fläche das NS-Dokuzentrum hinzu. Die Kosten liegen, da das Gebäude schon besteht, „nur“ noch bei 1,4 Millionen Euro.

Lokale Geschichte erforschen und Demokratie stärken

Zwei grundlegende Ziele verfolgt dieses Zentrum – es sind im Prinzip dieselben wie in Freiburg, in der ehemaligen Gestapozentrale „Hotel Silber“ in Stuttgart und in vielen anderen Einrichtungen. Erstens geht es darum, die lokale und regionale NS-Geschichte zu erforschen und zu vermitteln. In Mannheim etwa, sagt Nieß, habe es lange das Narrativ gegeben, die Stadt sei wegen ihres hohen Arbeiteranteils weniger empfänglich für die Naziideologie gewesen. Das sei heute als falsch erkannt, aber weitere Forschung sei notwendig.

Zentren in Freiburg und Stuttgart haben Bürger angestoßen

Zweitens besitze das Zentrum einen „Auftrag für die Gegenwart“, wie Nieß es formuliert: Vor allem junge Menschen sollen bei ihrem Besuch angeregt werden, über die Stützen und Werte einer Demokratie und über deren Gefährdungen nachzudenken.

Einen gravierenden Unterschied gibt es für das Mannheimer Zentrum allerdings gegenüber den Einrichtungen in Stuttgart und Freiburg: Jene sind aus einem starken bürgerschaftlichen Engagement herausgewachsen, erst die Beharrlichkeit etwa der Stolperstein-Initiativen führte bei der Politik zum Handeln. In Mannheim kam der Impuls von der Stadt selbst. Ulrich Nieß dazu: „Es gibt bei uns einen breiten Konsens von Bürgerschaft und Stadtpolitik, dass das Thema stärker erforscht werden muss.“

20 Jahre werden vergehen zwischen Idee und Verwirklichung

In Freiburg gehen die ersten Anregungen von engagierten Bürgern schon auf das Jahr 2003 zurück, seit 2009 gibt es die Initiative „Freiburg braucht eine Mahn- und Gedenkstätte“. Aber erst 2018 fasste der Freiburger Gemeinderat nach vielem Hin und Her den Beschluss, im sogenannten Rotteck-Haus ein NS-Dokumentationszentrum einzurichten. Das Gebäude wurde ausgesucht, weil es aus dem Jahr 1936 stammt und eine ehemalige Luftschutzanlage besitzt; insgesamt sind authentische Orte in Freiburg rar.

Die Einrichtung mit Ausstellung und Gedenkraum soll 800 Quadratmeter Fläche auf drei Stockwerken erhalten und ist damit etwas größer als jene in Mannheim; zum Vergleich, das Hotel Silber hat etwa 1000 Quadratmeter zur Verfügung. Eine Besonderheit ist, dass die Freiburger Außenstelle der Landeszentrale für politische Bildung mit in das Gebäude einzieht; davon verspricht man sich erhebliche Synergien. Die Stadt Freiburg hat das Rotteck-Haus für 2,8 Millionen Euro gekauft und investiert rund 4,3 Millionen Euro in den Umbau und die Ausstellung. Die jährlichen Betriebskosten sollen künftig bei 590 000 Euro pro Jahr liegen; das entspricht fast der Größenordnung des Hotels Silber, das als ehemalige Gestapo-Zentrale eine landesweite Ausstrahlung beansprucht.

Erinnerungskultur beruht auf komplexen Debatten

In der ersten Euphorie war die Eröffnung für dieses Jahr angedacht gewesen – mittlerweile hofft man, den Betrieb im Herbst 2023 aufnehmen zu können. Für Bürgermeister Ulrich von Kirchbach ist die lange Entstehungsgeschichte am Ende aber kein Beinbruch: „Wir hätten sonst nicht die ideale Lösung gefunden, die wir jetzt haben.“ Die neue Leiterin Julia Wolrab fügt hinzu: Es handle sich bei der Erstellung der inhaltlichen und pädagogischen Konzeption um „ganz komplexe Prozesse und schwierige Dialogverfahren“, sagt sie, gerade weil man alle Gruppen in der Stadt mitnehmen wolle.

In Stuttgart hatten Bürger Mitsprache stark eingefordert

In Stuttgart hatte es um diese inhaltlich-historischen und rechtlich-organisatorischen Fragen heftige Konflikte zwischen dem Verein Initiative Hotel Silber und dem Haus der Geschichte als Träger der Einrichtung gegeben, die laut dem Vorsitzenden der Initiative, Harald Stingele, bis heute nicht völlig gelöst seien. Es ging darum, wie sehr die Bürgerschaft bei der historischen Sicht auf die NS-Zeit, beim Programm und bei der Nutzung der Räume mitbestimmen durfte. Auch Julia Wolrab spricht für Freiburg von hitzigen Auseinandersetzungen, emotional aufgeladenen Debatten und einem harten Ringen – aber es gehe stets um die Sache, nicht um politische Fragen oder den Einfluss im Zentrum.

Im Prinzip bestätigt dies auch Marlis Meckel, die zu den Initiatorinnen des Freiburger Stolperstein-Projekts im Jahr 2002 gehört. Es habe lange gedauert, aber „mittlerweile bin ich ganz zufrieden mit der Entwicklung“, sagt sie. Über einen Beirat und einen Arbeitskreis könnten sich die Initiativen auch künftig in allen Fragen einbringen, betont Marlis Meckel. Dass diese Zentren spät kommen, das bestreitet fast niemand. Katrin Hammerstein, die bei der Landeszentrale für politische Bildung in Stuttgart für die Gedenkstättenarbeit zuständig ist, beobachtet aber überall in Deutschland eine ähnlich langwierige Entwicklung.

Viele andere Einrichtungen kamen ähnlich spät

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