Dreifachmord von Villingendorf Täter lässt Mutter leben, damit sie leidet

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Der Fall vom September in Villingendorf sorgte für Entsetzen: ein Erstklässler wird just am Tag seiner Einschulung erschossen. Mit ihm sterben zwei weitere Menschen. Die Mutter überlebt. Jetzt steht der Vater des Buben in Rottweil vor Gericht.

Der Angeklagte im Fall des  Dreifachmordes von Villingendorf wird in den Saal des Rottweiler Landgerichts geführt. Um nicht erkannt zu werden, zieht er sich seine Jacke über den Kopf. Foto: dpa
Der Angeklagte im Fall des Dreifachmordes von Villingendorf wird in den Saal des Rottweiler Landgerichts geführt. Um nicht erkannt zu werden, zieht er sich seine Jacke über den Kopf. Foto: dpa

Rottweil - Die Frau schreit, weint, wimmert. „Mein Sohn, mein Sohn, er hat auf meinen Sohn geschossen“, presst sie hervor. Eben sind Schüsse gefallen in der ruhigen Wohnstraße in Villingendorf (Kreis Rottweil). Die Frau rennt panisch schreiend durch mehrere Gärten, dann auf die Straße. Am Haus gegenüber klingelt sie bei Nachbarn. Diese rufen die Polizei.

Der Mitschnitt des Polizeinotrufs dokumentiert die Verzweiflung der Frau. Während der Nachbar mit dem Polizisten spricht, heult sie im Hintergrund immer wieder laut auf. „Mein Sohn ist noch in der Wohnung“, schreit sie. Es ist der 14. September 2017, 21.39 Uhr.

Seit Freitag muss sich ein 41-jähriger Kroate vor dem Rottweiler Landgericht wegen dreifachen Mordes verantworten. Er habe seinen sechsjährigen Sohn, den neuen Freund seiner ehemaligen Lebensgefährtin und dessen Cousine ermordet, lautet der Vorwurf. Dem Mitschnitt des Notrufs, den der Vorsitzende Richter Karlheinz Münzer im Saal des Rottweiler Landgerichts vorspielen lässt, folgt der Angeklagte anscheinend ohne Regung. Zurückgelehnt sitzt er in seinem Stuhl. Die Haare sind an der Seite kurz geschoren, sein Kopf ist leicht nach unten geneigt, aus dunklen Augen späht er nach oben. „Ich mache im Moment keine Angaben“, sagt er auf die Nachfrage des Richters.

Der Angeklagte bleibt stumm

Dies geschehe auch aus Rücksicht auf die Angehörigen der Opfer, erklärt sein Verteidiger Bernhard Mussgnug in einer Verhandlungspause. Neun von ihnen sind als Nebenkläger zugelassen. „Mein Mandant hätte in dieser Drucksituation möglicherweise nicht die richtigen Worte gefunden“, sagt Mussgnug. Eventuell werde er sich im weiteren Verlauf des Prozesses noch äußern. Bis Ende Juni sind 18 Verhandlungstage angesetzt.

Die Tat vom vergangenen September hat eine Familie zerstört, einen Ort in Angst und Schrecken versetzt und die Polizisten, die damals gerufen wurden, an ihre Grenzen gebracht. „Wir waren ja nicht darauf gefasst, dass da eine Kinderleiche liegt“, erzählt im Zeugenstand eine Streifenbeamtin, die als eine der ersten am Tatort war. „Das hat mich als Mensch, als Frau, als Polizistin verändert“, sagt die 33-Jährige und kämpft mit den Tränen.

Die Schultüte ist noch halb voll

Auf den Stufen der Außentreppe, die zu der Einliegerwohnung führt, saß eine schwer verletzte junge Frau, die wenig später im Krankenhaus starb. Auf der Terrasse lag der neue Freund der 31-jährigen Mutter, mit zwei Bauchschüssen tödlich verletzt. In der Wohnung flackerte der Fernseher, davor der gekrümmte Leichnam des sechsjährigen Buben. Drei Schüsse, abgefeuert aus einer großkalibrigen Waffe, die sich der Mann im August in Kroatien oder Serbien besorgt haben soll, hatten das Herz und die Lunge des Kindes durchlöchert. Auf einem Läufer vor dem Bett des Buben lag seine erst halb geplünderte Schultüte, am Mittag war er eingeschult worden. Die Mutter ließ der Schütze am Leben – aus Rache, davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Der Angeklagte habe die Frau den Rest ihres Lebens leiden sehen wollen, heißt es in der Anklageschrift.

Es ist möglicherweise nur dem Zufall zu verdanken, dass der mutmaßliche Rachefeldzug nicht noch weitere Opfer gefordert hat. Der Ehemann der Cousine war just während der Tat mit dem schlafenden einjährigen Sohn im Kindersitz zur Tankstelle gefahren. Als er kurz darauf wiederkehrte, wurde er von der Polizei, die noch dabei war, den Tatort zu sichern, zunächst sogar festgenommen. Und dann war da noch die Tochter der Cousine und ihres Mannes. Das dreijährige Mädchen kauerte die ganze Zeit in der Dusche des Kinderbadezimmers. Selbst die Beamten fanden es erst bei einer zweiten gründlichen Durchsuchung.

Mitschüler pflanzen Kastanienbaum

Was tat der Mann in den fünf Tagen zwischen der Tat und seiner Festnahme in einem zwölf Kilometer entfernten Rottweiler Stadtteil? Wie kann es sein, dass ein Vater sein eigenes Kind aus Rache kaltblütig ermordet? Es sind solche Fragen, die in dem Prozess eine Rolle spielen werden. An der Grundschule in Villingendorf haben die Kinder für den Sechsjährigen einen Kastanienbaum gepflanzt und bunt bemalte Steine dazugelegt. Der Baum solle Trauer, Schmerz, Leben und Hoffnung Ausdruck verleihen, sagt der Bürgermeister Karl-Heinz Bucher (CDU).